Missionstätigkeit
Die christliche Mission – eine gescheiterte Utopie?
Früher waren es christliche Missionare, heute sind es die Prediger des Neo-Liberalismus, die es versäumen, auf die Belange der „zu bekehrenden“ Völker einzugehen.
Christliche Lehren in alle Welt zu verbreiten, sahen die Kirchen des Abendlandes jahrhundertelang als ihre Aufgabe an. Manche Missionare nahmen dafür große Strapazen auf sich. Heute verkünden an ihrer Stelle Propagandisten die „liberale Ökonomie“ als „Heilsweg für alle Völker“ …
Jahrhundertelang sahen es die Kirchen des Abendlandes als ihre Aufgabe, die christlichen Lehren in alle Welt zu verbreiten. Der Aufruf dazu findet sich in der Bibel zum Beispiel in Matth. 28, 18–20. Demnach sprach der Auferstandene zu seinen Jüngern: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie alle zu befolgen, was ich euch geboten habe.“
Bald nach dem Kreuzestod Jesu begann die Missionsarbeit seiner Anhänger. Innerhalb von drei Jahrhunderten verbreitete sich das Christentum über das Römische Reich und darüber hinaus bis Abessinien und Indien.
Der nächste große Schub für die Missionsarbeit kam mit dem Kolonialismus. Wo immer portugiesische oder spanische Konquistadoren oder sonstige europäische Eroberer in fremde Länder eindrangen, wurden sie von Priestern und Mönchen begleitet. Diese fühlten sich berufen, die unwissenden „Heiden“ in Übersee zum Christentum zu bekehren. Durch die Taufe und den Glauben an Jesus Christus sollten die Eingeborenen erlöst und vor dem Höllenfeuer bewahrt werden. Während der Kolonialzeit wetteiferten unterschiedliche christliche Kirchen (evangelisch, katholisch, orthodox) und sogar verschiedene Orden (Dominikaner und Jesuiten) um die Seelen der „Heiden“ und machten sich – manchmal sogar in unschöner Weise – gegenseitig Konkurrenz.
Viele Missionare arbeiteten in bester Überzeugung, gaben sich große Mühe, nahmen Strapazen auf sich und riskierten nicht selten sogar ihr Leben im Dienste ihrer Kirche. Man kommt nicht umhin, mit Achtung von den Leistungen mancher Missionare zu sprechen (vgl. GralsWelt Heft 26/2003, „Utopia im Urwald“). Allerdings fehlte ihnen meist das Verständnis für die Kultur und die Überlieferungen der zu Bekehrenden. Sofern diese sich nicht von ihren alten Riten trennen wollten, wurden sie als Ketzer behandelt und ihr kulturelles und religiöses Erbe vernichtet. So wurden zum Beispiel fast alle Schriften der Mayas verbrannt – sehr zum Leidwesen moderner Forscher.
Auch der gutgemeinte Unterricht in den Missionsschulen führte – besonders im 20. Jahrhundert – oft nicht zum erhofften Erfolg. Die lesekundigen älteren Schüler lasen nicht selten lieber Marx, Engels, Lenin und Mao als die Bibel. So trugen Missionare in den Entwicklungsländern ungewollt zur Verbreitung kommunistischer Vorstellungen bei.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die christliche Missionsarbeit großenteils zum Erliegen gekommen. Neue Gläubige gewinnt eher der Islam, für den aggressive Prediger in vielen Ländern massiv eintreten, während in den meisten islamischen Staaten keinerlei Verbreitung anderer religiöser Ideen möglich ist.
Eine verpaßte Chance
In Südamerika hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Chance für das Christentum geboten, seine eigenen Lehren ernsthaft zu praktizieren und damit seinem Glauben und der Missionsarbeit über Amerika hinaus zeitgemäße, neue Impulse zu geben. Katholische Befreiungstheologen sahen eine Aufgabe ihrer Kirche im Kampf gegen Armut, Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Das Urchristentum war ja besonders eine Religion der Armen, der Unterdrückten, der Sklaven; eine Zielgruppe, die in der christlichen Verkündigung bis heute erkennbar ist (vgl. GralsWelt Heft 54/2009, „Das Feuer des Christentums“). Doch die Amtskirchen konnten sich im 20. Jahrhundert ebensowenig wie im Mittelalter dazu durchringen, gegen staatliche Repressionen und amtlich praktiziertes Unrecht Stellung zu beziehen. Anscheinend war die Angst vor eigenem Machtverlust größer als der Mut, für christliche Werte entschlossen einzutreten und im Extremfall sogar das Martyrium auf sich zu nehmen. Es fehlten wohl ein zweiter Franz von Assisi (1181–1226) und ein Papst, der dessen Anliegen verstand. So wurden die Befreiungstheologen als Kommunisten diffamiert und gerieten ins Abseits. Einzelne ihrer Anhänger verzweifelten an ihrer Kirche und wurden zu gewaltbereiten Extremisten – zum Beispiel der aus Südtirol stammende Jesuiten-Novize Michael Nothdurfter (1961–1990): Enttäuscht von seiner Kirche, kam er über die Befreiungstheologie zu kommunistischen Anschauungen und wurde bei einer Geiselnahme erschossen.
Neoliberale Heilsversprechen
An die Stelle der christlichen Missionare traten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Propagandisten, die neoliberale Ideen mit gleicher ideologischer Voreingenommenheit vertreten wie einst die Missionare ihre Dogmen. Allerdings geht es nun nicht mehr um das Seelenheil, sondern um (angeblich) ideale soziale Zustände und die wirtschaftliche Prosperität. Eine säkulare Utopie übernimmt den Platz des einst verheißenen geistigen Paradieses im Jenseits. Das zu erwartende Scheitern dieser neoliberalen, irdischen Utopie wird sich dann kaum verheimlichen lassen – anders als die religiösen Paradies-Verheißungen, die nicht einklagbar sind.
Wieder wird aller Welt gepredigt, daß in der neuen Ära des weltweiten Kapitalismus für alle Völker nur ein Weg in eine glückliche Zukunft führen kann. Und wieder ist es ein Weg der Europäer¹ und Nordamerikaner. Den Platz des Missionars haben Ökonomen, Entwicklungshelfer und Menschenrechtler eingenommen. Ihr Heilsversprechen heißt Demokratie und liberale Ökonomie nach westlichem Vorbild. „Dieser Glaube, die Menschheit stünde an der Schwelle einer neuen Ära, kommt sozialwissenschaftlich daher, ist aber einfach nur die neueste Spielart apokalyptischer Anschauungen, die bis in die Antike zurückreichen“, schreibt Cohn Norman in seinem Buch „Die Erwartung der Endzeit“. (3, S. 9)
Nach dem Kalten Krieg
Während des Kalten Krieges war der Kommunismus ein gefürchteter Konkurrent des Westens. Es galt der Welt zu beweisen, daß zum Beispiel die „soziale Marktwirtschaft“ nach deutschem Vorbild² zum „Wohlstand für alle“ führt und dem kommunistischen Ansatz klar überlegen ist. Eine rücksichtslose Ausbeutung von Mensch und Natur im Sinne einer neoliberalen „freien Marktwirtschaft“ verbot sich daher im Wettbewerb der beiden politischen Systeme.
Nach dem Scheitern der bolschewistischen Mißwirtschaft ging der Neoliberalismus in die Offensive. Nun wurde propagiert, daß überall ideale Zustände eintreten müssen, wenn nur – nach amerikanischem Vorbild – Demokratie, freie Marktwirtschaft, freier Waren- und Kapitalverkehr eingeführt werden. Wer sich diesem Ansinnen widersetzte, wurde als Kommunist diffamiert, als Gefahr für den Weltfrieden angeprangert oder zur „Achse des Bösen“ gezählt.
Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama (5) vertritt die Meinung, daß „das Ende der Geschichte“ erreicht sei, wenn sich die liberale Demokratie als „endgültige menschliche Regierungsform“ weltweit durchgesetzt habe. Diese ideale Regierungsart würde für alle Menschen die bestmöglichen Lebensbedingungen bringen (vgl. GralsWelt Heft 41/2006, „Der Start in das 3. Jahrtausend“).
Die Exponenten dieses „messianinschen Liberalismus“ lassen sich durchaus mit den Missionaren vergleichen. Beide – Missionare wie Prediger des Neoliberalismus – waren oder sind unbeirrbar von der Richtigkeit ihrer Ideologien überzeugt und halten es nicht für nötig, auf die spezifischen Belange – in Kultur, Religion und Wirtschaft – der zu bekehrenden Völker einzugehen.
Da die (noch) stärkste Weltmacht hinter den Markt-Fetischisten steht, errangen sie Erfolge beim Abbau von Handelshemmnissen, in der Deregulierung und der Globalisierung. Diese Maßnahmen halfen vor allem den Industrieländern, während die armen Länder noch auf den versprochenen Aufschwung warten.
Eine Weltverschwörung?
Von den verschiedensten Seiten werden alle möglichen Verschwörungstheorien kolportiert. Geheime Gesellschaften wie Freimaurer oder Illuminaten planen angeblich mit unterschiedlichen Mitteln den Umsturz, die (okkulte) Weltherrschaft. Vermutlich werden solche Schauergeschichten vorsätzlich ausgestreut, um von den wahren Ansätzen zur Beherrschung der Welt abzulenken. De facto ist ja eine – von der westlichen Führungsmacht gestützte – kapitalistische Wirtschaftsweise schon dabei, die „Weltherrschaft“ anzutreten:
„Unter der Neuen Weltordnung bestimmen die Militärplaner des Außenministeriums, des Pentagons und der CIA die Außenpolitik der USA. Sie unterhalten auch Kontakte zu Vertretern des IWF³, der Weltbank und Welthandelsorganisation (WTO). Die internationale Finanzbürokratie in Washington wiederum, verantwortlich für die mörderischen Wirtschaftsreformen, die sie der Dritten Welt und den meisten Ländern des ehemaligen Ostblocks aufzwingt, pflegt enge Beziehungen zum Finanzestablishment der Wall Street.
Die Mächte hinter diesem System sind die globalen Banken und Finanzorganisationen, der militärisch-industrielle Komplex, die Öl- und Energiegiganten, die Biotech-Konzerne sowie mächtige Medien- und Kommunikationsunternehmen mit ihren gefälschten Nachrichten und offenkundigen Verzerrungen der Weltereignisse.“ (2, S. 12; vgl. dazu auch GralsWelt 41/2006, „Monetarismus oder Menschenrechte?“)
Die von diesem neokapitalistischen Wirtschaftssystem begünstigten riskanten finanziellen Transaktionen führten zu wirtschaftlichen Turbulenzen, Banken-Crash und Staatsbankrott. Die Weltwirtschaft pendelt zwischen Boom und Crash. Geschickte Spekulanten können sich in beiden Phasen bereichern. Schlagen riskante Spekulationen zur Gewinnmaximierung fehl, dann versuchen die gescheiterten Manager, manchmal sogar mit Erfolg, die Verluste auf die Steuerzahler abzuwälzen!
Was dann auf viele wie eine Verschwörung wirkt, ist meist nichts weiter als die Konsequenz des weltweit dominierenden neokapitalistischen Wirtschaftssystems, das sich weder durch gesetzliche Vorschriften noch durch ethische Vorgaben einschränken lassen will. Die Verantwortlichen in den Banken und in der Großindustrie tun das, wofür sie bezahlt werden: möglichst hohe Renditen erwirtschaften!
Wenn zum Beispiel eine Aktiengesellschaft keine maximalen Renditen anstrebt, dafür aber volkswirtschaftlich verantwortungsvoll handelt, sozial denkt, die Belange der Mitarbeiter berücksichtigen und den langfristigen Bestand des Unternehmens sichern will, dann müssen sich ihre Aktionäre mit einer geringeren Kapitalverzinsung abfinden. Die Aktienkurse der betreffenden Gesellschaft sinken, aus dem „sozialen Vorzeigeunternehmen“ wird ein Übernahmekandidat. Früher oder später wird diese AG dann billig aufgekauft, unter neuem Management auf den „richtigen Kurs“ gebracht oder gewinnbringend zerschlagen (vgl. Beitrag „Arbeite, um zu überleben!“ in dieser Ausgabe).
Die Widerstände wachsen
Wie nicht anders zu erwarten, formieren sich Gegenkräfte zum derzeit dominierenden turbo-kapitalistischen Wirtschaftssystem. Allerdings weniger von politischen Parteien, deren Aufgabe es wäre, den Fehlentwicklungen entgegenzutreten. Die Gegenbewegungen kommen vor allem aus der Zivilgesellschaft. Es sind NGOs (Non-governmental organisations, nicht-staatliche Organisationen) wie Apollo Alliance, Attac, Greenpeace, Bürgerinitiativen usw. Hier verbreiten „Visionäre ohne Macht“ ihre alternativen Ideen und versuchen, ein breiteres Publikum für neue Wege zu gewinnen.
Die von diesen alternativen Bewegungen eingeschlagenen Wege sind mühsam und langwierig. Die etablierten Gruppen und Parteien sind ja nur schwer zum Umdenken zu bewegen, und die Masse der von den Medien oft unzureichend oder einseitig informierten Bevölkerung braucht Zeit, um eine Problematik zu verstehen, die ihr niemand anschaulich erklären will.
Das hat sich zum Beispiel in der ökologischen Bewegung gezeigt, die vom Establishment zunächst madig gemacht wurde. Es mußte zu spektakulären Aktionen von Greenpeace und zur Gründung neuer Parteien kommen, die sich für den unerläßlichen Umwelt- und Naturschutz einsetzten, dessen Notwendigkeit die Etablierten nicht sehen wollten. Als dann folgerichtig, als Reaktion auf das Versagen der etablierten Parteien, die Grünen in Parlamente einzogen, wurde das Parteienspektrum bunter und die Regierungsbildung schwieriger.
Einiges spricht dafür, daß sich dieser Weg wiederholen kann. Die Machthaber sind nur selten einsichtig. Es wäre gut, wenn sie sich etwas mehr mit der Geschichte beschäftigen würden.
Vorerst bleibt uns noch die Hoffnung auf eine bessere Einsicht der vom Volk gewählten Demokraten, die sich eidlich verpflichtet haben, dem Wohl des Volkes zu dienen. Diese sollten mehr an das Gemeinwohl als an ihre Parteiinteressen denken. Die zu vermeidenden Alternativen wären Chaos, Umsturz, Revolution oder gar Krieg, also Instabilitäten, die noch kaum je etwas Gutes gebracht haben.
Anmerkungen:
1 Um 1900 hatte Europa einen Anteil von 25 Prozent an der Weltbevölkerung. Im Jahre 2007 betrug dieser Anteil noch 11 Prozent. (9)
2 Leider hat das Deutschland-Modell seit Adenauers Zeiten einen Konstruktionsfehler, an dem es zu scheitern droht. Derzeit hat das „Schiff Deutschland“ schon Schlagseite und droht zu kentern, falls nicht entschlossen umgesteuert wird. Bisher hatte noch keine politische Partei den Mut, dem Volk ehrlich zu sagen, was Sache ist. (vgl. Literaturverzeichnis 9)
3 CIA = Central Intelligence Agency; IWF = Internationaler Währungsfonds (International Monetary Fund)
Literatur:
(1) Brunnengräber/Klein/Walk, NGOs im Prozess der Globalisierung, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2005
(2) Chossudovsky Michel, Global brutal, Zweitausendeins, Frankfurt 2002 (3) Cohn Norman, Die Erwartung der Endzeit, Insel, Frankfurt 1997 (4) Der Spiegel, 30/2010 (5) Fukuyama Francis, Das Ende der Geschichte, Kindler, München 1992 (6) Gray John, Politik der Apokalypse, Klett-Cotta, Stuttgart 2009 (7) Heins Volker, Weltbürger und Lokalpatrioten, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 2002 (8) Paczensky Gert von, Teurer Segen, Goldmann, München 1991 (9) Sinn Hans-Werner, Kasino-Kapitalismus, Econ, Berlin 2009 (10) Sölle Dorothee, Mystik und Widerstand, Piper, München 1999 (11) Steingart Gabor, Deutschland. Der Abstieg eines Superstars, Piper, München 2006
Christliche Lehren in alle Welt zu verbreiten, sahen die Kirchen des Abendlandes jahrhundertelang als ihre Aufgabe an. Manche Missionare nahmen dafür große Strapazen auf sich. Heute verkünden an ihrer Stelle Propagandisten die „liberale Ökonomie“ als „Heilsweg für alle Völker“ …
Jahrhundertelang sahen es die Kirchen des Abendlandes als ihre Aufgabe, die christlichen Lehren in alle Welt zu verbreiten. Der Aufruf dazu findet sich in der Bibel zum Beispiel in Matth. 28, 18–20. Demnach sprach der Auferstandene zu seinen Jüngern: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie alle zu befolgen, was ich euch geboten habe.“
Bald nach dem Kreuzestod Jesu begann die Missionsarbeit seiner Anhänger. Innerhalb von drei Jahrhunderten verbreitete sich das Christentum über das Römische Reich und darüber hinaus bis Abessinien und Indien.
Der nächste große Schub für die Missionsarbeit kam mit dem Kolonialismus. Wo immer portugiesische oder spanische Konquistadoren oder sonstige europäische Eroberer in fremde Länder eindrangen, wurden sie von Priestern und Mönchen begleitet. Diese fühlten sich berufen, die unwissenden „Heiden“ in Übersee zum Christentum zu bekehren. Durch die Taufe und den Glauben an Jesus Christus sollten die Eingeborenen erlöst und vor dem Höllenfeuer bewahrt werden. Während der Kolonialzeit wetteiferten unterschiedliche christliche Kirchen (evangelisch, katholisch, orthodox) und sogar verschiedene Orden (Dominikaner und Jesuiten) um die Seelen der „Heiden“ und machten sich – manchmal sogar in unschöner Weise – gegenseitig Konkurrenz.
Viele Missionare arbeiteten in bester Überzeugung, gaben sich große Mühe, nahmen Strapazen auf sich und riskierten nicht selten sogar ihr Leben im Dienste ihrer Kirche. Man kommt nicht umhin, mit Achtung von den Leistungen mancher Missionare zu sprechen (vgl. GralsWelt Heft 26/2003, „Utopia im Urwald“). Allerdings fehlte ihnen meist das Verständnis für die Kultur und die Überlieferungen der zu Bekehrenden. Sofern diese sich nicht von ihren alten Riten trennen wollten, wurden sie als Ketzer behandelt und ihr kulturelles und religiöses Erbe vernichtet. So wurden zum Beispiel fast alle Schriften der Mayas verbrannt – sehr zum Leidwesen moderner Forscher.
Auch der gutgemeinte Unterricht in den Missionsschulen führte – besonders im 20. Jahrhundert – oft nicht zum erhofften Erfolg. Die lesekundigen älteren Schüler lasen nicht selten lieber Marx, Engels, Lenin und Mao als die Bibel. So trugen Missionare in den Entwicklungsländern ungewollt zur Verbreitung kommunistischer Vorstellungen bei.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die christliche Missionsarbeit großenteils zum Erliegen gekommen. Neue Gläubige gewinnt eher der Islam, für den aggressive Prediger in vielen Ländern massiv eintreten, während in den meisten islamischen Staaten keinerlei Verbreitung anderer religiöser Ideen möglich ist.
Eine verpaßte Chance
In Südamerika hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Chance für das Christentum geboten, seine eigenen Lehren ernsthaft zu praktizieren und damit seinem Glauben und der Missionsarbeit über Amerika hinaus zeitgemäße, neue Impulse zu geben. Katholische Befreiungstheologen sahen eine Aufgabe ihrer Kirche im Kampf gegen Armut, Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Das Urchristentum war ja besonders eine Religion der Armen, der Unterdrückten, der Sklaven; eine Zielgruppe, die in der christlichen Verkündigung bis heute erkennbar ist (vgl. GralsWelt Heft 54/2009, „Das Feuer des Christentums“). Doch die Amtskirchen konnten sich im 20. Jahrhundert ebensowenig wie im Mittelalter dazu durchringen, gegen staatliche Repressionen und amtlich praktiziertes Unrecht Stellung zu beziehen. Anscheinend war die Angst vor eigenem Machtverlust größer als der Mut, für christliche Werte entschlossen einzutreten und im Extremfall sogar das Martyrium auf sich zu nehmen. Es fehlten wohl ein zweiter Franz von Assisi (1181–1226) und ein Papst, der dessen Anliegen verstand. So wurden die Befreiungstheologen als Kommunisten diffamiert und gerieten ins Abseits. Einzelne ihrer Anhänger verzweifelten an ihrer Kirche und wurden zu gewaltbereiten Extremisten – zum Beispiel der aus Südtirol stammende Jesuiten-Novize Michael Nothdurfter (1961–1990): Enttäuscht von seiner Kirche, kam er über die Befreiungstheologie zu kommunistischen Anschauungen und wurde bei einer Geiselnahme erschossen.
Neoliberale Heilsversprechen
An die Stelle der christlichen Missionare traten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Propagandisten, die neoliberale Ideen mit gleicher ideologischer Voreingenommenheit vertreten wie einst die Missionare ihre Dogmen. Allerdings geht es nun nicht mehr um das Seelenheil, sondern um (angeblich) ideale soziale Zustände und die wirtschaftliche Prosperität. Eine säkulare Utopie übernimmt den Platz des einst verheißenen geistigen Paradieses im Jenseits. Das zu erwartende Scheitern dieser neoliberalen, irdischen Utopie wird sich dann kaum verheimlichen lassen – anders als die religiösen Paradies-Verheißungen, die nicht einklagbar sind.
Wieder wird aller Welt gepredigt, daß in der neuen Ära des weltweiten Kapitalismus für alle Völker nur ein Weg in eine glückliche Zukunft führen kann. Und wieder ist es ein Weg der Europäer¹ und Nordamerikaner. Den Platz des Missionars haben Ökonomen, Entwicklungshelfer und Menschenrechtler eingenommen. Ihr Heilsversprechen heißt Demokratie und liberale Ökonomie nach westlichem Vorbild. „Dieser Glaube, die Menschheit stünde an der Schwelle einer neuen Ära, kommt sozialwissenschaftlich daher, ist aber einfach nur die neueste Spielart apokalyptischer Anschauungen, die bis in die Antike zurückreichen“, schreibt Cohn Norman in seinem Buch „Die Erwartung der Endzeit“. (3, S. 9)
Nach dem Kalten Krieg
Während des Kalten Krieges war der Kommunismus ein gefürchteter Konkurrent des Westens. Es galt der Welt zu beweisen, daß zum Beispiel die „soziale Marktwirtschaft“ nach deutschem Vorbild² zum „Wohlstand für alle“ führt und dem kommunistischen Ansatz klar überlegen ist. Eine rücksichtslose Ausbeutung von Mensch und Natur im Sinne einer neoliberalen „freien Marktwirtschaft“ verbot sich daher im Wettbewerb der beiden politischen Systeme.
Nach dem Scheitern der bolschewistischen Mißwirtschaft ging der Neoliberalismus in die Offensive. Nun wurde propagiert, daß überall ideale Zustände eintreten müssen, wenn nur – nach amerikanischem Vorbild – Demokratie, freie Marktwirtschaft, freier Waren- und Kapitalverkehr eingeführt werden. Wer sich diesem Ansinnen widersetzte, wurde als Kommunist diffamiert, als Gefahr für den Weltfrieden angeprangert oder zur „Achse des Bösen“ gezählt.
Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama (5) vertritt die Meinung, daß „das Ende der Geschichte“ erreicht sei, wenn sich die liberale Demokratie als „endgültige menschliche Regierungsform“ weltweit durchgesetzt habe. Diese ideale Regierungsart würde für alle Menschen die bestmöglichen Lebensbedingungen bringen (vgl. GralsWelt Heft 41/2006, „Der Start in das 3. Jahrtausend“).
Die Exponenten dieses „messianinschen Liberalismus“ lassen sich durchaus mit den Missionaren vergleichen. Beide – Missionare wie Prediger des Neoliberalismus – waren oder sind unbeirrbar von der Richtigkeit ihrer Ideologien überzeugt und halten es nicht für nötig, auf die spezifischen Belange – in Kultur, Religion und Wirtschaft – der zu bekehrenden Völker einzugehen.
Da die (noch) stärkste Weltmacht hinter den Markt-Fetischisten steht, errangen sie Erfolge beim Abbau von Handelshemmnissen, in der Deregulierung und der Globalisierung. Diese Maßnahmen halfen vor allem den Industrieländern, während die armen Länder noch auf den versprochenen Aufschwung warten.
Eine Weltverschwörung?
Von den verschiedensten Seiten werden alle möglichen Verschwörungstheorien kolportiert. Geheime Gesellschaften wie Freimaurer oder Illuminaten planen angeblich mit unterschiedlichen Mitteln den Umsturz, die (okkulte) Weltherrschaft. Vermutlich werden solche Schauergeschichten vorsätzlich ausgestreut, um von den wahren Ansätzen zur Beherrschung der Welt abzulenken. De facto ist ja eine – von der westlichen Führungsmacht gestützte – kapitalistische Wirtschaftsweise schon dabei, die „Weltherrschaft“ anzutreten:
„Unter der Neuen Weltordnung bestimmen die Militärplaner des Außenministeriums, des Pentagons und der CIA die Außenpolitik der USA. Sie unterhalten auch Kontakte zu Vertretern des IWF³, der Weltbank und Welthandelsorganisation (WTO). Die internationale Finanzbürokratie in Washington wiederum, verantwortlich für die mörderischen Wirtschaftsreformen, die sie der Dritten Welt und den meisten Ländern des ehemaligen Ostblocks aufzwingt, pflegt enge Beziehungen zum Finanzestablishment der Wall Street.
Die Mächte hinter diesem System sind die globalen Banken und Finanzorganisationen, der militärisch-industrielle Komplex, die Öl- und Energiegiganten, die Biotech-Konzerne sowie mächtige Medien- und Kommunikationsunternehmen mit ihren gefälschten Nachrichten und offenkundigen Verzerrungen der Weltereignisse.“ (2, S. 12; vgl. dazu auch GralsWelt 41/2006, „Monetarismus oder Menschenrechte?“)
Die von diesem neokapitalistischen Wirtschaftssystem begünstigten riskanten finanziellen Transaktionen führten zu wirtschaftlichen Turbulenzen, Banken-Crash und Staatsbankrott. Die Weltwirtschaft pendelt zwischen Boom und Crash. Geschickte Spekulanten können sich in beiden Phasen bereichern. Schlagen riskante Spekulationen zur Gewinnmaximierung fehl, dann versuchen die gescheiterten Manager, manchmal sogar mit Erfolg, die Verluste auf die Steuerzahler abzuwälzen!
Was dann auf viele wie eine Verschwörung wirkt, ist meist nichts weiter als die Konsequenz des weltweit dominierenden neokapitalistischen Wirtschaftssystems, das sich weder durch gesetzliche Vorschriften noch durch ethische Vorgaben einschränken lassen will. Die Verantwortlichen in den Banken und in der Großindustrie tun das, wofür sie bezahlt werden: möglichst hohe Renditen erwirtschaften!
Wenn zum Beispiel eine Aktiengesellschaft keine maximalen Renditen anstrebt, dafür aber volkswirtschaftlich verantwortungsvoll handelt, sozial denkt, die Belange der Mitarbeiter berücksichtigen und den langfristigen Bestand des Unternehmens sichern will, dann müssen sich ihre Aktionäre mit einer geringeren Kapitalverzinsung abfinden. Die Aktienkurse der betreffenden Gesellschaft sinken, aus dem „sozialen Vorzeigeunternehmen“ wird ein Übernahmekandidat. Früher oder später wird diese AG dann billig aufgekauft, unter neuem Management auf den „richtigen Kurs“ gebracht oder gewinnbringend zerschlagen (vgl. Beitrag „Arbeite, um zu überleben!“ in dieser Ausgabe).
Die Widerstände wachsen
Wie nicht anders zu erwarten, formieren sich Gegenkräfte zum derzeit dominierenden turbo-kapitalistischen Wirtschaftssystem. Allerdings weniger von politischen Parteien, deren Aufgabe es wäre, den Fehlentwicklungen entgegenzutreten. Die Gegenbewegungen kommen vor allem aus der Zivilgesellschaft. Es sind NGOs (Non-governmental organisations, nicht-staatliche Organisationen) wie Apollo Alliance, Attac, Greenpeace, Bürgerinitiativen usw. Hier verbreiten „Visionäre ohne Macht“ ihre alternativen Ideen und versuchen, ein breiteres Publikum für neue Wege zu gewinnen.
Die von diesen alternativen Bewegungen eingeschlagenen Wege sind mühsam und langwierig. Die etablierten Gruppen und Parteien sind ja nur schwer zum Umdenken zu bewegen, und die Masse der von den Medien oft unzureichend oder einseitig informierten Bevölkerung braucht Zeit, um eine Problematik zu verstehen, die ihr niemand anschaulich erklären will.
Das hat sich zum Beispiel in der ökologischen Bewegung gezeigt, die vom Establishment zunächst madig gemacht wurde. Es mußte zu spektakulären Aktionen von Greenpeace und zur Gründung neuer Parteien kommen, die sich für den unerläßlichen Umwelt- und Naturschutz einsetzten, dessen Notwendigkeit die Etablierten nicht sehen wollten. Als dann folgerichtig, als Reaktion auf das Versagen der etablierten Parteien, die Grünen in Parlamente einzogen, wurde das Parteienspektrum bunter und die Regierungsbildung schwieriger.
Einiges spricht dafür, daß sich dieser Weg wiederholen kann. Die Machthaber sind nur selten einsichtig. Es wäre gut, wenn sie sich etwas mehr mit der Geschichte beschäftigen würden.
Vorerst bleibt uns noch die Hoffnung auf eine bessere Einsicht der vom Volk gewählten Demokraten, die sich eidlich verpflichtet haben, dem Wohl des Volkes zu dienen. Diese sollten mehr an das Gemeinwohl als an ihre Parteiinteressen denken. Die zu vermeidenden Alternativen wären Chaos, Umsturz, Revolution oder gar Krieg, also Instabilitäten, die noch kaum je etwas Gutes gebracht haben.
Anmerkungen:
1 Um 1900 hatte Europa einen Anteil von 25 Prozent an der Weltbevölkerung. Im Jahre 2007 betrug dieser Anteil noch 11 Prozent. (9)
2 Leider hat das Deutschland-Modell seit Adenauers Zeiten einen Konstruktionsfehler, an dem es zu scheitern droht. Derzeit hat das „Schiff Deutschland“ schon Schlagseite und droht zu kentern, falls nicht entschlossen umgesteuert wird. Bisher hatte noch keine politische Partei den Mut, dem Volk ehrlich zu sagen, was Sache ist. (vgl. Literaturverzeichnis 9)
3 CIA = Central Intelligence Agency; IWF = Internationaler Währungsfonds (International Monetary Fund)
Literatur:
(1) Brunnengräber/Klein/Walk, NGOs im Prozess der Globalisierung, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2005
(2) Chossudovsky Michel, Global brutal, Zweitausendeins, Frankfurt 2002 (3) Cohn Norman, Die Erwartung der Endzeit, Insel, Frankfurt 1997 (4) Der Spiegel, 30/2010 (5) Fukuyama Francis, Das Ende der Geschichte, Kindler, München 1992 (6) Gray John, Politik der Apokalypse, Klett-Cotta, Stuttgart 2009 (7) Heins Volker, Weltbürger und Lokalpatrioten, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 2002 (8) Paczensky Gert von, Teurer Segen, Goldmann, München 1991 (9) Sinn Hans-Werner, Kasino-Kapitalismus, Econ, Berlin 2009 (10) Sölle Dorothee, Mystik und Widerstand, Piper, München 1999 (11) Steingart Gabor, Deutschland. Der Abstieg eines Superstars, Piper, München 2006
Autor: Siegfried Hagl
