Sprechen lernen
„Sag’ einfach Mama zu mir!“
Die großen Wunder der Entwicklung in den ersten Jahren: Wie Kinder sprechen lernen.
Vor kurzem kaufte sich eine gute Bekannte einen Sprachkurs auf CD. Sie will verstärkt wieder Englisch lernen, da sie die Sprache im Beruf braucht. Sie erzählte mir von ihren bisherigen Versuchen, diese Sprache zu lernen, und meinte: „Bei so viel Aufwand hätte eigentlich mehr herauskommen müssen!“ Nun hat sie sechs CDs, drei Lehrbücher und die Hoffnung, daß ihr nun durch häufiges Hören gelingt, Englisch zu lernen.
Daß sich Erwachsene mit dem Erlernen einer Sprache schwertun, ist ja bekannt. Daß ein Kind jedoch in den ersten Lebensjahren eine Sprache, seine Muttersprache, so vollständig erlernen kann, daß es sie automatisch beherrscht, ist demgegenüber mehr als erstaunlich. Schließlich geschieht das alles völlig ohne Sprachkurs! Warum gelingt das?
Der Mensch – eine „physiologische Frühgeburt“
Wenn ein Kind geboren wird, ist es hilflos und völlig auf die Menschen in seiner Umgebung angewiesen. Die Entwicklungspsychologie spricht in diesem Zusammenhang davon, daß der Mensch eine „physiologische Frühgeburt“ sei. Das bedeutet, daß er wesentliche Merkmale des Menschseins nach der Geburt erst erlernen muß.
Diese Merkmale sind das Sprechen, das Laufen sowie die Fähigkeit, sich emotional mit Menschen zu verbinden.1 Die ersten Lebensjahre sind besonders wichtig für die Entwicklung des Kindes, da in dieser Zeit die Grundlagen für das spätere Leben gelegt werden. Das, was nicht gelernt wurde, kann später oft nur mit Mühe ausgeglichen werden. Umgekehrt sind bestimmte Bedingungen nötig, damit die Entwicklung des Kindes gelingt.
Aufgabenreiche erste Lebensmonate
Die erfolgreiche und erfahrene Kinderärztin Emmi Pikler schildert in ihrem Buch „Friedliche Babys – zufriedene Mütter“ anschaulich, was Kindsein in den ersten Lebensmonaten bedeutet: Das Kind „war an etwas Besseres gewöhnt. An Stille und Ruhe, an Dunkelheit und an gleichmäßige, angenehme Temperatur.
Die Nahrung kam fertig zu ihm. Es mußte nicht atmen. Es war keinem stärkeren Druck, keiner Reibung ausgesetzt, schwamm es doch beinahe neun Monate lang frei. […] Das Neugeborene muß sich an vielerlei Unveränderbares gewöhnen. Diese Gewöhnung nimmt viele Wochen in Anspruch …“2 -
„Anfangs birgt diese Welt für das Neugeborene – auch wenn vollständige Stille und Ruhe es umgibt – sehr viele Aufgaben. Sich in das neue Leben einfügen, atmen, essen, verdauen, sich an das Licht im Wechsel mit der Finsternis, an die Temperaturunterschiede gewöhnen – all dies sind riesige Aufgaben. Die ersten Wochen sind mit deren Lösung ausgefüllt.“3
Dieser kurze Einblick in die ersten Lebenswochen kann nur andeuten, was die neuen Lebensumstände für das Baby bedeuten, was es alles verarbeiten muß, wovon der Erwachsene kaum eine Vorstellung hat.
Lallen, plappern, fragen …
Daß ein Kind ganz ohne Sprachkurs sprechen lernt, hängt damit zusammen, daß diese Fähigkeit in dem noch unfertigen Menschen keimhaft angelegt ist. Das bedeutet, daß ein Kind unter weitgehend normalen Voraussetzungen sprechen lernt, ohne daß etwas Besonderes hierfür getan werden muß. Die Entwicklung findet in einer bestimmten Reihenfolge statt.
Im Alter von zwei bis drei Monaten beginnt die Phase, in der das Kind lallt. Heinz Remplein schreibt dazu: „Aufgabe dieses spielerisch geübten Lallens ist es, das ‚Rohmaterial der Sprechbewegungen‘ zu liefern. […] Die Reihenfolge, in der die verschiedenen Laute angeeignet werden, ist bei allen Kindern annähernd dieselbe und kommt nach dem Prinzip des geringsten physiologischen Kraftaufwandes zustande.“4
So beginnt die Sprachentwicklung. Das Kind hört seine eigenen Laute und ahmt sie nach. Ebenso versucht es, die Laute, die es von anderen Personen hört, nachzuahmen. Interessant ist, daß auch taubstumme Kinder diese erste Phase des Lallens durchlaufen. Da sie aber weder sich noch andere sprechen hören, setzt die nachfolgende Entwicklung aus. Dem Kind fehlen die Impulse durch die Nachahmung der eigenen Laute oder der Laute anderer Personen.
Der Phase des Lallens folgen weitere Phasen des Spracherwerbs: Im Alter von etwa 12 Monaten spricht das Kind erste kleine Wörter, dabei verdoppelt es die Silben (Ma-ma, Pa-pa). Mit etwa 18 Monaten verwendet das Kind Sätze, die aus einem Wort bestehen. Im Alter von zwei Jahren beherrscht ein Kind durchschnittlich 50 Wörter und reiht zwei Wörter zu einem Satz zusammen.
Dies ist die Zeit des ersten Fragealters. In den folgenden Monaten und Jahren nimmt der Wortschatz stark zu, das Kind verwendet die Sprache grammatikalisch richtig und beherrscht zunehmend auch schwierige Laute. Im Alter von drei Jahren folgt das zweite Fragealter („Warum? Warum? Warum?“), es ist die Zeit der ersten Begriffsbildung; das Kind beginnt, Zusammenhänge zu erfassen.
Im Alter von fünf bis sechs Jahren kann der Erwerb der Muttersprache als abgeschlossen gelten.5 Die Grundlagen sind gelegt und gefestigt. Von jetzt an wird die Sprache dauernd verfeinert.
Erstaunlich ist, daß diese Entwicklung bis ins kleinste bei jedem Kind gleich abläuft. Jede der Phasen baut auf den vorhergehenden auf und setzt diese voraus. Das ist so von Natur aus vorgesehen, und das Baby und Kleinkind macht in der Regel von sich aus die richtigen Übungen zum richtigen Zeitpunkt.
Verarbeiten und vorbeirauschen lassen …
Daß diese Entwicklung so selbstverständlich in dieser Weise verlaufen kann, liegt auch an dem noch nicht ausgereiften Gehirn: Das Kind verarbeitet nur das, was es verstehen kann, und es versteht nur das, was es verarbeiten kann. Der bekannte Hirnforscher Manfred Spitzer schreibt in diesem Zusammenhang: Wenn wir mit einem Kleinkind sprechen, bekommt es „davon genau dasjenige mit, was es verarbeiten kann. Alles andere rauscht an ihm vorbei.
Da gelernt wird, was verarbeitet wird, lernt das Kleinkind zunächst einfache sprachliche Strukturen. Noch einmal: Dies geschieht nicht, weil ihm zuerst einfache Strukturen beigebracht werden, sondern weil es zunächst nur einfache Strukturen verarbeiten kann. Es sucht sich dadurch automatisch aus dem variantenreichen Input heraus, was es lernen kann.
Hat es erst einmal einfache Strukturen gelernt und reift danach zu etwas mehr Verarbeitungskapazität heran, dann wird es neben diesen einfachen Strukturen zusätzlich etwas komplexere Strukturen als solche auch erkennen, verarbeiten und daher auch lernen. […]
Die Tatsache der Reifung während des Lernens ist damit nicht hinderlich, sondern überaus sinnvoll: Gerade weil das Gehirn reift und gleichzeitig lernt, ist gewährleistet, daß es in der richtigen Reihenfolge lernt. Dies wiederum gewährleistet, daß es überhaupt komplexe Zusammenhänge lernen kann und auch lernt. […]
Es scheint somit im Hinblick auf die Sprachentwicklung eine kritische Periode zu geben, während der sie durch Auseinandersetzung mit und Verarbeitung von Sprachinput erfolgen muß.“6 Diese kritische Periode endet im Alter von etwa zwölf Jahren. Wenn ein Mensch bis dahin nicht sprechen gelernt hat, lernt er es auch später nicht mehr.
Laufen und sich emotional verbinden
Neben dem Erlernen der Sprache gehört zu den wesentlichen Merkmalen des Menschseins auch das aufrechte Gehen. Auch in der Abfolge der Bewegungen gibt es eine Reihenfolge, die von Natur aus vorgesehen ist. Das Kleinkind „übt“ die richtige Bewegung zum richtigen Zeitpunkt.
Bis die Muskulatur so gekräftigt ist, daß es sitzen oder sich aufrichten und sein eigenes Gewicht tragen kann, vergeht viel Zeit. Auch in der Bewegungsentwicklung baut eine Phase auf der vorgehenden auf, und eine gesunde Entwicklung ist die Folge … wenn das Kind nicht in der natürlichen Entwicklung gehindert wird.7
Das dritte wesentliche Merkmal des Menschseins ist die Fähigkeit, sich emotional mit Menschen verbinden zu können. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Um sich zu einem Menschen entwickeln zu können, braucht das Kind die „Bindung“ an einen oder einige wenige Menschen. Ein häufiger Wechsel oder das Fehlen eindeutiger Bezugspersonen führt zu massiven Entwicklungsrückständen, insbesondere im Bereich der Sprache.8
Stabile Beziehungen zu einigen wenigen Bezugspersonen sind ebenso wie stabile äußere Strukturen (räumliche Umgebung des Kindes, regelmäßiger Tagesablauf, Regeln usw.) eine Grundlage für die Bildung innerer Strukturen beim Kind. Der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann sagt: „Ohne das Begreifen, nein, das Verinnerlichen von Regelhaftigkeit in der umgebenden Welt gibt es keine verläßliche Wahrnehmung, kein stabiles Zeitempfinden, keine sinnenhafte Symbolbildung.“9 Auf stabilen äußeren Strukturen gründet sich für das Kind, ob es eine Situation oder eine Person als verläßlich erlebt. Verläßlichkeit beruhigt das Kind, weil es sich sicher fühlt.
Vor kurzem kaufte sich eine gute Bekannte einen Sprachkurs auf CD. Sie will verstärkt wieder Englisch lernen, da sie die Sprache im Beruf braucht. Sie erzählte mir von ihren bisherigen Versuchen, diese Sprache zu lernen, und meinte: „Bei so viel Aufwand hätte eigentlich mehr herauskommen müssen!“ Nun hat sie sechs CDs, drei Lehrbücher und die Hoffnung, daß ihr nun durch häufiges Hören gelingt, Englisch zu lernen.
Daß sich Erwachsene mit dem Erlernen einer Sprache schwertun, ist ja bekannt. Daß ein Kind jedoch in den ersten Lebensjahren eine Sprache, seine Muttersprache, so vollständig erlernen kann, daß es sie automatisch beherrscht, ist demgegenüber mehr als erstaunlich. Schließlich geschieht das alles völlig ohne Sprachkurs! Warum gelingt das?
Der Mensch – eine „physiologische Frühgeburt“
Wenn ein Kind geboren wird, ist es hilflos und völlig auf die Menschen in seiner Umgebung angewiesen. Die Entwicklungspsychologie spricht in diesem Zusammenhang davon, daß der Mensch eine „physiologische Frühgeburt“ sei. Das bedeutet, daß er wesentliche Merkmale des Menschseins nach der Geburt erst erlernen muß.
Diese Merkmale sind das Sprechen, das Laufen sowie die Fähigkeit, sich emotional mit Menschen zu verbinden.1 Die ersten Lebensjahre sind besonders wichtig für die Entwicklung des Kindes, da in dieser Zeit die Grundlagen für das spätere Leben gelegt werden. Das, was nicht gelernt wurde, kann später oft nur mit Mühe ausgeglichen werden. Umgekehrt sind bestimmte Bedingungen nötig, damit die Entwicklung des Kindes gelingt.
Aufgabenreiche erste Lebensmonate
Die erfolgreiche und erfahrene Kinderärztin Emmi Pikler schildert in ihrem Buch „Friedliche Babys – zufriedene Mütter“ anschaulich, was Kindsein in den ersten Lebensmonaten bedeutet: Das Kind „war an etwas Besseres gewöhnt. An Stille und Ruhe, an Dunkelheit und an gleichmäßige, angenehme Temperatur.
Die Nahrung kam fertig zu ihm. Es mußte nicht atmen. Es war keinem stärkeren Druck, keiner Reibung ausgesetzt, schwamm es doch beinahe neun Monate lang frei. […] Das Neugeborene muß sich an vielerlei Unveränderbares gewöhnen. Diese Gewöhnung nimmt viele Wochen in Anspruch …“2 -
„Anfangs birgt diese Welt für das Neugeborene – auch wenn vollständige Stille und Ruhe es umgibt – sehr viele Aufgaben. Sich in das neue Leben einfügen, atmen, essen, verdauen, sich an das Licht im Wechsel mit der Finsternis, an die Temperaturunterschiede gewöhnen – all dies sind riesige Aufgaben. Die ersten Wochen sind mit deren Lösung ausgefüllt.“3
Dieser kurze Einblick in die ersten Lebenswochen kann nur andeuten, was die neuen Lebensumstände für das Baby bedeuten, was es alles verarbeiten muß, wovon der Erwachsene kaum eine Vorstellung hat.
Lallen, plappern, fragen …
Daß ein Kind ganz ohne Sprachkurs sprechen lernt, hängt damit zusammen, daß diese Fähigkeit in dem noch unfertigen Menschen keimhaft angelegt ist. Das bedeutet, daß ein Kind unter weitgehend normalen Voraussetzungen sprechen lernt, ohne daß etwas Besonderes hierfür getan werden muß. Die Entwicklung findet in einer bestimmten Reihenfolge statt.
Im Alter von zwei bis drei Monaten beginnt die Phase, in der das Kind lallt. Heinz Remplein schreibt dazu: „Aufgabe dieses spielerisch geübten Lallens ist es, das ‚Rohmaterial der Sprechbewegungen‘ zu liefern. […] Die Reihenfolge, in der die verschiedenen Laute angeeignet werden, ist bei allen Kindern annähernd dieselbe und kommt nach dem Prinzip des geringsten physiologischen Kraftaufwandes zustande.“4
So beginnt die Sprachentwicklung. Das Kind hört seine eigenen Laute und ahmt sie nach. Ebenso versucht es, die Laute, die es von anderen Personen hört, nachzuahmen. Interessant ist, daß auch taubstumme Kinder diese erste Phase des Lallens durchlaufen. Da sie aber weder sich noch andere sprechen hören, setzt die nachfolgende Entwicklung aus. Dem Kind fehlen die Impulse durch die Nachahmung der eigenen Laute oder der Laute anderer Personen.
Der Phase des Lallens folgen weitere Phasen des Spracherwerbs: Im Alter von etwa 12 Monaten spricht das Kind erste kleine Wörter, dabei verdoppelt es die Silben (Ma-ma, Pa-pa). Mit etwa 18 Monaten verwendet das Kind Sätze, die aus einem Wort bestehen. Im Alter von zwei Jahren beherrscht ein Kind durchschnittlich 50 Wörter und reiht zwei Wörter zu einem Satz zusammen.
Dies ist die Zeit des ersten Fragealters. In den folgenden Monaten und Jahren nimmt der Wortschatz stark zu, das Kind verwendet die Sprache grammatikalisch richtig und beherrscht zunehmend auch schwierige Laute. Im Alter von drei Jahren folgt das zweite Fragealter („Warum? Warum? Warum?“), es ist die Zeit der ersten Begriffsbildung; das Kind beginnt, Zusammenhänge zu erfassen.
Im Alter von fünf bis sechs Jahren kann der Erwerb der Muttersprache als abgeschlossen gelten.5 Die Grundlagen sind gelegt und gefestigt. Von jetzt an wird die Sprache dauernd verfeinert.
Erstaunlich ist, daß diese Entwicklung bis ins kleinste bei jedem Kind gleich abläuft. Jede der Phasen baut auf den vorhergehenden auf und setzt diese voraus. Das ist so von Natur aus vorgesehen, und das Baby und Kleinkind macht in der Regel von sich aus die richtigen Übungen zum richtigen Zeitpunkt.
Verarbeiten und vorbeirauschen lassen …
Daß diese Entwicklung so selbstverständlich in dieser Weise verlaufen kann, liegt auch an dem noch nicht ausgereiften Gehirn: Das Kind verarbeitet nur das, was es verstehen kann, und es versteht nur das, was es verarbeiten kann. Der bekannte Hirnforscher Manfred Spitzer schreibt in diesem Zusammenhang: Wenn wir mit einem Kleinkind sprechen, bekommt es „davon genau dasjenige mit, was es verarbeiten kann. Alles andere rauscht an ihm vorbei.
Da gelernt wird, was verarbeitet wird, lernt das Kleinkind zunächst einfache sprachliche Strukturen. Noch einmal: Dies geschieht nicht, weil ihm zuerst einfache Strukturen beigebracht werden, sondern weil es zunächst nur einfache Strukturen verarbeiten kann. Es sucht sich dadurch automatisch aus dem variantenreichen Input heraus, was es lernen kann.
Hat es erst einmal einfache Strukturen gelernt und reift danach zu etwas mehr Verarbeitungskapazität heran, dann wird es neben diesen einfachen Strukturen zusätzlich etwas komplexere Strukturen als solche auch erkennen, verarbeiten und daher auch lernen. […]
Die Tatsache der Reifung während des Lernens ist damit nicht hinderlich, sondern überaus sinnvoll: Gerade weil das Gehirn reift und gleichzeitig lernt, ist gewährleistet, daß es in der richtigen Reihenfolge lernt. Dies wiederum gewährleistet, daß es überhaupt komplexe Zusammenhänge lernen kann und auch lernt. […]
Es scheint somit im Hinblick auf die Sprachentwicklung eine kritische Periode zu geben, während der sie durch Auseinandersetzung mit und Verarbeitung von Sprachinput erfolgen muß.“6 Diese kritische Periode endet im Alter von etwa zwölf Jahren. Wenn ein Mensch bis dahin nicht sprechen gelernt hat, lernt er es auch später nicht mehr.
Laufen und sich emotional verbinden
Neben dem Erlernen der Sprache gehört zu den wesentlichen Merkmalen des Menschseins auch das aufrechte Gehen. Auch in der Abfolge der Bewegungen gibt es eine Reihenfolge, die von Natur aus vorgesehen ist. Das Kleinkind „übt“ die richtige Bewegung zum richtigen Zeitpunkt.
Bis die Muskulatur so gekräftigt ist, daß es sitzen oder sich aufrichten und sein eigenes Gewicht tragen kann, vergeht viel Zeit. Auch in der Bewegungsentwicklung baut eine Phase auf der vorgehenden auf, und eine gesunde Entwicklung ist die Folge … wenn das Kind nicht in der natürlichen Entwicklung gehindert wird.7
Das dritte wesentliche Merkmal des Menschseins ist die Fähigkeit, sich emotional mit Menschen verbinden zu können. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Um sich zu einem Menschen entwickeln zu können, braucht das Kind die „Bindung“ an einen oder einige wenige Menschen. Ein häufiger Wechsel oder das Fehlen eindeutiger Bezugspersonen führt zu massiven Entwicklungsrückständen, insbesondere im Bereich der Sprache.8
Stabile Beziehungen zu einigen wenigen Bezugspersonen sind ebenso wie stabile äußere Strukturen (räumliche Umgebung des Kindes, regelmäßiger Tagesablauf, Regeln usw.) eine Grundlage für die Bildung innerer Strukturen beim Kind. Der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann sagt: „Ohne das Begreifen, nein, das Verinnerlichen von Regelhaftigkeit in der umgebenden Welt gibt es keine verläßliche Wahrnehmung, kein stabiles Zeitempfinden, keine sinnenhafte Symbolbildung.“9 Auf stabilen äußeren Strukturen gründet sich für das Kind, ob es eine Situation oder eine Person als verläßlich erlebt. Verläßlichkeit beruhigt das Kind, weil es sich sicher fühlt.
Das Kind lernt das Sprechen von uns
Welche Umstände können nun die sprachliche Entwicklung des Kindes fördern?
Allgemein läßt sich sagen, daß es für das Kind hilfreich ist, wenn der Erwachsene langsam und deutlich spricht, ohne sich jedoch zu verstellen. Emmi Pikler schreibt hierzu: Anfangs bemüht sich das Kind nur, „den Klang, die Bedeutung, die Melodie der Sprache der Erwachsenen nachzuahmen. […]
Das Kind versteht aber viel von der Rede der Erwachsenen schon in der Zeit, in der es vorerst nur den Klang der Sprache nachahmt. […] Es hängt nicht nur von der Begabung, von der Fertigkeit ab, wann das Kind zu sprechen beginnt. Das Kind lernt das Sprechen von uns. Um die Sprache zu verstehen, um mit Sprechen zu beginnen, muß es die Erwachsenen sprechen hören.
Daran fehlt es im allgemeinen nicht […] Aber es genügt nicht, das Sprechen bloß zu hören, bloß vor ihm miteinander zu sprechen. Wir müssen auch mit ihm sprechen, damit es auf den Sinn der Sprache aufmerksam wird. Sprechen wir mit dem Kind von Geburt an, erzählen wir ihm etwas, anstatt nur zu babbeln und liebkosende Worte zu sagen […]
Von Geburt an erzählen wir dem Säugling, was wir mit ihm tun, was wir von ihm erwarten, was jetzt folgen wird, als würden wir laut denken. Immer wenn wir mit ihm sind, ihn aufnehmen, baden, zum Stillen vorbereiten oder ins Freie bringen usw., fordern wir ihn auf, was wir von ihm erwarten. Zwar versteht er von alldem gar nichts, doch achtet er von Anfang an mit Freude auf uns, wenn wir zu ihm sprechen. Er beobachtet unsere Laute, unsere Mundbewegungen.
Später, wenn er immer wieder dieselben Laute, dasselbe Wort im Zusammenhang mit demselben Gegenstand, mit derselben Bewegung oder mit demselben Geschehen zusammen hört, verbindet er das, was er sieht und erfährt, mit dem, was er dabei hört … er beginnt zu verstehen, was wir sagen. Dieser Weg führt zum Sprechenlernen.“10
Diese Darlegungen geben einen Einblick, wie sich das Sprechenlernen natürlich entwickeln kann. Es sind vor allem die alltäglichen Situationen, die sich anbieten, um sie bewußt zu nutzen. Indem das Kind angesprochen und vorbereitet wird auf das, was mit ihm geschehen wird, kann es zunehmend mitmachen, mithelfen. Durch diese schlichte Art, im Alltag mit dem Kind zu sprechen, es miteinzubeziehen in das, was geschieht, lernt das Kind nicht nur sprechen, sondern darüber hinaus auch zu kommunizieren, also in eine soziale Verbindung mit anderen Menschen zu treten.
Vorsicht vor Überforderung!
Das Kind erlernt seine Muttersprache also im Erleben des Alltags und im Kontakt mit anderen Menschen. Auch eine Fremdsprache kann das Kind in den ersten Lebensjahren leicht erlernen, wenn es zweisprachig aufwächst. Auf diesem Weg lernt es die zweite Sprache ebenfalls im Erleben des Alltags und im Kontakt mit anderen Menschen und wird dadurch sicher in der Sprache.
Da das Beherrschen weiterer Sprachen für das Berufsleben als wichtig gilt, versucht man heute aber oft, mit dem Erlernen einer Fremdsprache möglichst früh zu beginnen und bereits mit Kleinkindern entsprechende Kurse zu besuchen. Es gibt Lernpsychologen, die das skeptisch sehen, da das Lernen einer Sprache in einem Kurs erheblich vom Lernen einer Sprache im Alltag abweicht.
Ganz allgemein muß auch gesagt werden, daß sich die heute weit verbreitete Vorstellung einer „frühen Förderung“ nicht so ohne weiteres mit den oben dargestellten Stufen der Entwicklung in Übereinstimmung bringen läßt. Es kann passieren, daß vom Kind zu früh zu viel erwartet wird. Das hat unangenehme Folgen für das Kind.
Wenn es für das, was es lernen soll, noch nicht reif ist, dann versteht es das nicht und kann es auch nicht wirklich verarbeiten. Gleichzeitig wird es daran gehindert, das zu lernen, was gerade „dran“ ist. In der Folge kann das Kind mit Nervosität reagieren. Dauert der Zustand an, so wird das Kind immer unsicherer und gerät zunehmend unter Leistungsdruck, reagiert mit Unruhe oder Apathie.
Was zuviel ist, ist zuviel!
Neben der Überforderung des Kindes kann auch die Reizüberflutung die gesunde Entwicklung des Kindes beeinträchtigen. Ein Kind, das zu vielen Reizen ausgesetzt ist, kann diese nicht verarbeiten, zumal es nicht zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden kann. Versetzen wir uns in die Lage des eben geborenen Kindes, so wie es Emmi Pikler geschildert hat: Das Kind kommt aus der Ruhe, der Dunkelheit … Alle neuen Eindrücke müssen erst verarbeitet, geordnet werden.
So kann man sich die Frage stellen, wie es einem Kleinkind ergeht, das durch eine Fußgängerzone geschoben wird. Je nachdem, wie der Kinderwagen beschaffen ist, schaut das Kind zudem von der Mutter oder dem Vater weg und sieht unzählige fremde Personen, während eine ungeordnete Welt auf das Kind einstürmt …
Bleibt noch zu hinterfragen, wie sich Fernsehen und Computer auf die kindliche Sprachentwicklung auswirken. Der Hirnforscher Manfred Spitzer weist darauf hin, daß die vom Computer bereitgestellte Realität sich als unglaublich verarmt erweist, da das Kind keine sinnlichen Erfahrungen sammeln kann.
In der Wirklichkeit lernt das Kind ganzheitlich: Wenn es mit Wasser spielt, dann fühlt, hört und sieht es das Wasser auch. Solcherart Eindrücke verhelfen ihm zu Erfahrungen, die sein Gehirn und sein Begriffsvermögen reifen lassen. Demgegenüber bieten Computer und Fernseher nur eine „Art ‚Bildsoße‘, die von einer Art ‚Klangsoße‘ begleitet wird.“11 Ebenso sprechen im Fernseher zwar Menschen miteinander, aber sie sprechen nicht mit dem Kind im alltäglichen Leben. Es wird keine zwischenmenschliche Beziehung aufgebaut.
Die wunderbaren Kindheitsjahre
Kinder lernen also aufgrund der natürlichen Voraussetzungen ihre erste Sprache (und noch weitaus mehr) in sehr kurzer Zeit. Magda Gerber faßt dieses Geschehen mit folgenden Worten zusammen: „Wenn wir an die Tatsache denken, daß ein gesundes, normales Kind in drei Jahren laufen, sprechen, verstehen und kommunizieren lernt, können wir diese Jahre wahrhaft ‚wunderbare Jahre‘ nennen. In der übrigen Zeit bauen Kinder auf diesem Grundwissen auf.“12
Während die Kinder aufgrund der natürlichen Voraussetzungen ihre erste Sprache im Eiltempo – und ganz ohne Kurs! – erlernen, müssen wir Erwachsenen uns weiterhin (mehr oder auch weniger) auf verschiedensten Wegen darum bemühen, uns eine Sprache anzueignen. Bleibt zu hoffen, daß es uns irgendwie doch „kinderleicht“ fällt.
Anmerkungen:
1 Schenk-Danzinger Lotte, Entwicklungspsychologie. öbv&hpt; 2002 (S. 85)
2 Pikler Emmi, Friedliche Babys – zufriedene Mutter. Pädagogische Ratschläge einer Kinderärztin. Herder, Freiburg im Breisgau 2008 (S.13)
3 Zitiert aus „Friedliche Babys – zufriedene Mutter“, S. 66
4 Remplein Heinz, Die seelische Entwicklung des Menschen im Kindes- und Jugendalter, Ernst Reinhard Verlag, Munchen/Basel 1971 (S. 200 f.)
5 Vgl. www.sprachheilberater.de
6 Spitzer Manfred, Lernen: Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg/Berlin 2002 (S. 234 ff.)
7 Ergänzend sei hier darauf hingewiesen, daß die Kinderärztin Emmi Pikler in dem Buch „Friedliche Babys – zufriedene Mutter“ eine anschauliche Darstellung der sinnhaften Abfolge in der Entwicklung der Bewegung gibt. (S. 21-50)
8 Schenk-Danzinger Lotte, Entwicklungspsychologie. öbv&hpt; 2002 (S. 126)
9 Bergmann Wolfgang, in: Neue Zurcher Zeitung, www.kinderpsychologie-bergmann.de
10 Zitiert aus „Friedliche Babys – zufriedene Mutter“, S. 84
11 Spitzer Manfred, Lernen: Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg/Berlin 2002 (S.224 f.)
12 Gerber Magda, Dein Baby zeigt Dir den Weg. arbor-Verlag, Freiamt im Schwarzwald 2007 (S. 177)
Autor: Elvira Schmitt
