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Pferde als Therapeuten

Heilende Bewegung für Leib und Seele

Der Begriff Hippotherapie leitet sich aus dem griechischen „hippos“ für Pferd und Therapie ab, meint jedoch nicht die Behandlung des Pferdes, sondern die des bedürftigen Menschen unter Zuhilfenahme des Pferdes. Ärzte und Physiotherapeuten entdeckten die ausgleichende Wirkung des rhythmischen Bewegtwerdens auf dem Pferderücken bei verschiedenen Störungen und Krankheitsbildern. Heute gilt diese Therapie als Bestandteil und Ergänzung krankengymnastischer Behandlungsmaßnahmen und kann speziell dort helfen, wo herkömmliche Methoden nichts mehr bewirken können. Dabei dient das Pferd als wunderbares Medium, den Patienten so anzunehmen, wie er ist, ob krank oder behindert, eingeschränkt in seiner Bewegung oder Wahrnehmung.

„Jasper ist mein Glücklichmacher“, strahlt Eva Tuschhoff in die Runde, als man ihr beim Absteigen vom Pferd in den Rollstuhl behilflich ist. Die 51jährige leidet an einer Form von Multipler Sklerose, kommt dreimal pro Woche zur therapeutischen Reitstunde in den Reiterhof nach Kriftel im Rhein-Main-Gebiet, und wer sie zuerst auf dem Pferd reiten sieht, kann sich nicht vorstellen, daß diese Frau sonst zur Fortbewegung auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

Pferd und Reiterin, unter Anleitung und Aufsicht der Hippotherapeutin, verschmelzen in der Therapiestunde zu einer harmonischen Bewegungseinheit, und dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn die Reiterin von der therapieüblichen Gangart Schritt zum Trab anhebt.

Der Stolz über die erbrachte Leistung ist ihr vom Gesicht abzulesen, und diese Erfahrung verhilft Frau Tuschhoff zu einem Erleben, das die Lebensqualität über ihren Alltag hinaus für sie ins Unermeßliche steigert: das räumliche Aufheben von Grenzen und damit verbunden das oft entbehrte Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit.

Die nächste Patientin ist ein körperlich und verstandesmäßig schwerstbehindertes Mädchen namens Bernadette, 25 Jahre alt, mit der Körpergröße einer etwa Zehnjährigen. Im Rahmen ihrer sprachlichen Möglichkeiten nur zur Lautgebung fähig, drückt sie vor Beginn ihrer Therapiestunde deutlich ihre Ungeduld aus, auf das Pferd gehoben zu werden.

Da sie selbst in sich überhaupt keinen Halt finden kann, ist es notwendig, daß die Hippotherapeutin ihr, auf dem Pferd hinter ihr sitzend, eine körperliche Abstützung ermöglicht. Das Pferd wird jetzt von einer Pferdeführerin geleitet.

Und nun wandelt sich im Laufe der Reitstunde das Bild völlig: die sichtbare Anspannung und Verkrampfung in dem kleinen, hilfsbedürftigen Körper lockert sich zunehmend, der Bewegungsspielraum vergrößert sich wahrnehmbar, Bernadettes Augen öffnen sich und sie zeigt durch zunehmendes Kichern und Lachen, daß sie nichts als reine Freude empfindet. Was ist das Geheimnis des therapeutischen Reitens?

Dem von außen Betrachtenden begegnet zuerst die kraftvoll-lebendige Einheit von Patient, Pferd, Therapeut und Pferdeführer. Es wird eine fast spielerische Freude vermittelt, und erst der tiefere Blick läßt erkennen, daß dieser ungezwungene Umgang miteinander auf einer fachgerechten Therapie und einer sensiblen Feinabstimmung aller Beteiligten fußt. Die Begegnung zwischen Mensch und Pferd bleibt grundsätzlich nicht ohne hilfreiche Wirkung; darauf hat die Hippotherapie ihre umfangreichen Lehrsätze aufgebaut.

Doch bei allem erlernbaren Fachwissen für die Ausführung durch entsprechend geschulte Physiotherapeuten kann die Hippotherapie nicht zu einer schablonenartigen Routine werden. Sie ist eine lebendige Behandlung für große und kleine Patienten mit und auf dem Pferd, die durch die Behandlungsgestaltung des Therapeuten und das Bewegungsangebot des Pferdes unerschöpfliche Möglichkeiten bietet.

Anke von Gossler ist selbständige Physiotherapeutin mit Hippotherapielizenz. Selbst passionierte Reiterin, hat sich ihr schon als Jugendliche ein Eindruck eingegraben, der wegweisend für ihre berufliche Entwicklung werden sollte: Als 16jährige konnte sie zum ersten Mal einer therapeutischen Reitstunde beiwohnen und die strahlenden Augen der behandelten Kinder erleben.

Das war ausschlaggebend für sie, die Sehnsucht nach Hilfestellung für derart bedürftige Menschen zur Hauptmotivation ihrer beruflichen Ausbildung werden zu lassen. Sie hat ihren Weg zielstrebig verfolgt und über verschiedene Stationen (Praktika, Ausbildung zur Physiotherapeutin, Lehrerin für „Feldenkrais und Reiten“, Hippotherapeutin, Atemtherapeutin) frühzeitig festgestellt, daß sie ihr Verständnis von Qualität in der Ausführung des therapeutischen Reitens nur in der Selbständigkeit umsetzen kann.

Mittlerweile greift sie in ihrer Tätigkeit auf mehrjährige Erfahrungen in der Hippotherapie zurück, die sie neben anderen Pferden auch mit ihrem eigenen Pferd „Jasper“ durchführt. Im folgenden Gespräch erzählt Anke von Gossler mehr über die Möglichkeiten dieser Therapie und über das harmonische Zusammenwirken zwischen Mensch und Pferd.

Als 16jährige konnte sie zum ersten Mal einer therapeutischen Reitstunde beiwohnen und die strahlenden Augen der behandelten Kinder erleben. Das war ausschlaggebend für sie, die Sehnsucht nach Hilfestellung für derart bedürftige Menschen zur Hauptmotivation ihrer beruflichen Ausbildung werden zu lassen.


Die behinderte Bernadette (25)
GralsWelt: Frau von Gossler, welche Patienten können und sollten mit Hippotherapie behandelt werden?

von Gossler:
Die Hippotherapie ist geeignet für Patienten ab vier Jahren, die zum Beispiel unter Koordinations- oder Bewegungsstörungen leiden, an Halbseitenlähmungen, Multipler Sklerose, Wirbelsäulenerkrankungen und -fehlhaltungen, Amputationen, Nervenschädigungen, sensorischen Integrationsstörungen, um nur die wichtigsten zu nennen.



GralsWelt: Woraus leiten sich die großen Erfolgsaussichten der Hippotherapie ab?

von Gossler:
Zum einen gibt es auf der körperlichen Ebene das Kernstück des dreidimensionalen Schwingungsmusters, das heißt, die Hippotherapie ist die einzige krankengymnastische Behandlungsmethode, bei der die drei verschiedenen Bewegungsrichtungen auf/ab, vor/zurück und links/rechts gleichzeitig auf den Patienten einwirken.

Dieses Schwingungsmuster wird bei jedem Schritt des Pferdes in den Körper des Patienten hineingegeben. Diese Art der „Anbahnung einer Funktion“, wie wir in der Physiotherapie sagen, ist mit nichts anderem zu ersetzen. Nur das Pferd kann dieses auch dem Menschen gangtypische Muster übertragen, wobei es von sich aus ganz fein und sensibel die Bewegungsübereinstimmung mit dem Reiter sucht; keine Maschine wäre dazu in der Lage.

Das, was dem Patienten vom Rumpf oder von den Beinen her fehlt, kann man auf diese Weise ideal ansprechen und verbessern, denn die Rumpfmuskulatur beispielsweise wird durch die ständig wiederkehrenden Bewegungsimpulse intensiv trainiert, weil sie vom Körper des Patienten beantwortet werden müssen.

Beim Reiten potenzieren sich die Einwirkungen in den Organismus in einer Schnelligkeit und Effizienz, wie ich sie ohne Pferd nicht zutage fördern könnte. Meine Erfahrung ist, daß die Patienten diese Form der Stabilisierung, die ihnen das Reiten durch die Schaffung von für sie günstigen Bedingungen bringt, von sich aus suchen.

Darüber hinaus ist die Wirkung im seelisch-emotionalen und sensorischen Bereich auch von enormer Wichtigkeit: das Empfinden von Freude und Bestätigung beim Reiten und der Kontakt mit dem Pferd. Pferde sind so wahrhaftig in ihrer Art und suchen den Kontakt von sich aus mit dem Menschen, wenn die Chemie stimmt. Sie spiegeln den Menschen, wie er ist, und diese Form von Ehrlichkeit vermisse ich oft im zwischenmenschlichen Bereich. Patient, Therapeut und Pferd befinden sich energetisch in einem Verbund, und da geht es der Gesamtheit nur so gut, wie es dem einzelnen geht.

Das ist ein sehr wichtiger Punkt des ganzheitlichen Ansatzes in der Hippotherapie. Es ist ein Zusammenspiel von allen, und jeder spürt die Befindlichkeiten des anderen ganz genau.

Deshalb muß es allen in dieser Einheit gut gehen. Jeder gibt sein Bestes und so gelingt die Arbeit miteinander, die auf dieser Basis immer in einen Fortschritt führt. Mein Pferd zum Beispiel ist nicht ausgelaugt, obwohl es viel arbeitet; es ist im Gegenteil sogar so, daß ich seinen Stolz über die erbrachte Leistung wahrnehme. Jeder gibt sein Bestmöglichstes und alle profitieren davon. Es mag etwas untypisch klingen für die heutige Zeit, aber es funktioniert.

GralsWelt:
Dem Pferd werden beim therapeutischen Reiten enorme Leistungen abverlangt. Welche Eigenschaften muß ein Pferd für diese Aufgabe mitbringen?

von Gossler: Zum einen muß ein Pferd rein körperlich eine angemessene Größe haben und einen stabilen Rücken. Gute Grundgangarten besonders in der Therapiegangart Schritt sind erforderlich und weiter eine gute gymnastische Grundausbildung. Darüber hinaus sollte das Pferd nicht zu heißblütig sein, aber willig und in der Lage, auch von sich aus die Verantwortung für seine Aufgabe übernehmen zu wollen. Von seiner Gemütsverfassung ist es ideal, wenn es ruhig und geduldig, menschenfreundlich, offen und lernwillig ist.


Ein Gefühl von Freiheit: Eva Tuschhoff
GralsWelt: Der Hippotherapeut ist ein Physiotherapeut mit hippotherapeutischer Zusatzausbildung. Worin bestehen seine Aufgaben vor und in der Behandlung und welchen Raum nimmt die Intuition in Ihrer Tätigkeit ein?

von Gossler: Grundsätzlich muß ich mich als Therapeut um die Auswahl und Ausbildung des Pferdes kümmern. Auch ein passender Pferdeführer muß gefunden werden. Die meisten Patienten kommen über Empfehlung, über verschiedene bestehende Kontakte oder auch über ärztliche Verordnung. Im Vorfeld muß für den Therapeuten natürlich die körperliche Indikation klar sein.

Es wird ein Rezept vom Arzt benötigt, um den vorliegenden Fall einschätzen zu können und um daraus abzuleiten, worauf besonderes Augenmerk gerichtet werden muß. Wichtig ist auch, sichere Rahmenbedingungen für den Patienten schaffen zu können. Anschließend vereinbart man einen Probetermin, an dem man zusammenkommt und schaut, ob es für alle paßt. Die Patienten, die Familien, die zu mir kommen, egal ob Kinder oder Erwachsene, haben im Vorfeld meistens schon sehr viel Zeit und Energie in alle möglichen anderen Therapien gesteckt, und es herrscht eine gewisse Therapie-Müdigkeit vor.

Und diese wird beim Reiten erst einmal deutlich unterbrochen. Beim Reiten kann ich therapieren, ohne daß es gemerkt wird! Ich wirke hier als Therapeut durch den Druck meiner Hände auf die zu behandelnde Stelle des Patienten ein, und diese Einwirkung wird durch die Bewegungsimpulse des Pferdes um ein Vielfaches verstärkt. Das Ganze ist ein Prozeß, den der Patient in der Auswirkung spürt. Es wird in diesem Sinne etwas für den Patienten bewirkt und es macht ihm auch noch Freude.

Jeder Patient ist mit jedem Pferd und den Gegebenheiten wieder eine ganz neue, lebendige Einheit, und es kann so gut wie gar nicht vorkommen, daß man auch nur zwei gleiche Behandlungen hat. Über das klinische Bild hinaus, das mir sagt, welche körperlichen Voraussetzungen der Patient mitbringt und zusätzlich zu dem, was ich am Patienten wahrnehme und ertaste, kann ich immer wieder nur im Moment aus meiner Intuition heraus entscheiden, was gerade die Anforderung ist.

Diese Intuition setzt sich aus meinem Erfahrungsschatz und der aktuellen Behandlungsmöglichkeit zusammen, und ich kann sie nur sprechen lassen, wenn ich mit mir im Gleichgewicht bin. Dazu gehört eine Freiheit und Kreativität, und ich muß mich in die Situation und die Befindlichkeiten, hauptsächlich des Patienten, einfühlen können.

GralsWelt: Wie sehen Sie aus Ihrer Tätigkeit heraus das besondere Verhältnis zwischen Mensch und Tier?

von Gossler:
Oh, das ist eine schöne Frage. Aus der Tätigkeit heraus kann man sagen, daß es bei einem gewachsenen Verständnis aller Beteiligten füreinander in eine Partnerschaft geht, in ein Miteinander. Eines muß aber von vorneherein klar sein: daß der Therapeut der Chef ist. Diese Dominanzregelung ist unerläßlich. Und andersherum, wenn ich das „Leittier“ bin, muß sich das Tier auf mich verlassen können.

Auch der Therapeut muß sich an die von ihm ausgegebenen Regeln im Sinne von Gleichmäßigkeit und Verläßlichkeit halten. Das Pferd kennt sein Arbeitsfeld ganz genau, und durch die gleichmäßigen Bedingungen bildet sich die erwünschte Arbeitshaltung. Rückwirkend wächst mein Verständnis für seine Aufgabe, und in der Zusammenarbeit kann ich nur die höchste Wertschätzung für die Arbeit des Tieres aufbringen.

So knüpft sich über Jahre eine Beziehung, die eine sehr hohe Qualität entwickeln kann. Man darf bei diesen Betrachtungen nicht außer acht lassen, daß sich das Pferd trotz seiner großen Kraftüberlegenheit als „dienendes Wesen“ wahrhaft in den Dienst des Menschen stellt, und davor habe ich die größte Hochachtung. Ich sage immer zu meinem Pferd: „Danke, daß du so gut mitgearbeitet hast!“ Das ist nicht selbstverständlich.

Es sagt dann: „Ja, ist gut. Ich mache das schon gerne!“ Das ist etwas, was auf Basis der Regeln, der Klarheit und in einer freundlich ruhigen Atmosphäre wachsen kann. Aber es ist etwas Freiwilliges, Geschenktes; es ist nicht abzuringen. Das Pferd ist ein Freund und Helfer und stellt sich mit seinem Körper und seinem Wesen, mit seiner Ganzheit zur Verfügung.

Aber ich muß wissen, daß ich das Pferd, sozusagen als schwächstes, weisungsabhängiges Glied in der Kette, nicht einseitig ausnutzen darf, im Sinne von ausbeuten. Meine Erfahrung ist, daß die Pferde dann besonders gut mitarbeiten, wenn sie die Sinnhaftigkeit dessen, was von ihnen verlangt wird, spüren.

Selbst wenn die Reitschüler auf dem Pferderücken Fehler machen, was zwangsläufig immer wieder vorkommt, verzeihen die Pferde es, wenn sie eine Struktur, eine Ausgewogenheit in der Anleitung dahinter wahrnehmen. Die Balance zwischen Geben und Nehmen muß jedoch unbedingt gewahrt bleiben.

 


„Jasper ist mein Glücklichmacher“, strahlt Eva Tuschhoff in die Runde, als man ihr beim Absteigen vom Pferd in den Rollstuhl behilflich ist. Die 51jährige leidet an einer Form von Multipler Sklerose, kommt dreimal pro Woche zur therapeutischen Reitstunde in den Reiterhof nach Kriftel im Rhein-Main-Gebiet, und wer sie zuerst auf dem Pferd reiten sieht, kann sich nicht vorstellen, daß diese Frau sonst zur Fortbewegung auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

Pferd und Reiterin, unter Anleitung und Aufsicht der Hippotherapeutin, verschmelzen in der Therapiestunde zu einer harmonischen Bewegungseinheit, und dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn die Reiterin von der therapieüblichen Gangart Schritt zum Trab anhebt.

Der Stolz über die erbrachte Leistung ist ihr vom Gesicht abzulesen, und diese Erfahrung verhilft Frau Tuschhoff zu einem Erleben, das die Lebensqualität über ihren Alltag hinaus für sie ins Unermeßliche steigert: das räumliche Aufheben von Grenzen und damit verbunden das oft entbehrte Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit.

Die nächste Patientin ist ein körperlich und verstandesmäßig schwerstbehindertes Mädchen namens Bernadette, 25 Jahre alt, mit der Körpergröße einer etwa Zehnjährigen. Im Rahmen ihrer sprachlichen Möglichkeiten nur zur Lautgebung fähig, drückt sie vor Beginn ihrer Therapiestunde deutlich ihre Ungeduld aus, auf das Pferd gehoben zu werden.

Da sie selbst in sich überhaupt keinen Halt finden kann, ist es notwendig, daß die Hippotherapeutin ihr, auf dem Pferd hinter ihr sitzend, eine körperliche Abstützung ermöglicht. Das Pferd wird jetzt von einer Pferdeführerin geleitet.

Und nun wandelt sich im Laufe der Reitstunde das Bild völlig: die sichtbare Anspannung und Verkrampfung in dem kleinen, hilfsbedürftigen Körper lockert sich zunehmend, der Bewegungsspielraum vergrößert sich wahrnehmbar, Bernadettes Augen öffnen sich und sie zeigt durch zunehmendes Kichern und Lachen, daß sie nichts als reine Freude empfindet. Was ist das Geheimnis des therapeutischen Reitens?

Dem von außen Betrachtenden begegnet zuerst die kraftvoll-lebendige Einheit von Patient, Pferd, Therapeut und Pferdeführer. Es wird eine fast spielerische Freude vermittelt, und erst der tiefere Blick läßt erkennen, daß dieser ungezwungene Umgang miteinander auf einer fachgerechten Therapie und einer sensiblen Feinabstimmung aller Beteiligten fußt. Die Begegnung zwischen Mensch und Pferd bleibt grundsätzlich nicht ohne hilfreiche Wirkung; darauf hat die Hippotherapie ihre umfangreichen Lehrsätze aufgebaut.

Doch bei allem erlernbaren Fachwissen für die Ausführung durch entsprechend geschulte Physiotherapeuten kann die Hippotherapie nicht zu einer schablonenartigen Routine werden. Sie ist eine lebendige Behandlung für große und kleine Patienten mit und auf dem Pferd, die durch die Behandlungsgestaltung des Therapeuten und das Bewegungsangebot des Pferdes unerschöpfliche Möglichkeiten bietet.

Anke von Gossler ist selbständige Physiotherapeutin mit Hippotherapielizenz. Selbst passionierte Reiterin, hat sich ihr schon als Jugendliche ein Eindruck eingegraben, der wegweisend für ihre berufliche Entwicklung werden sollte: Als 16jährige konnte sie zum ersten Mal einer therapeutischen Reitstunde beiwohnen und die strahlenden Augen der behandelten Kinder erleben.

Das war ausschlaggebend für sie, die Sehnsucht nach Hilfestellung für derart bedürftige Menschen zur Hauptmotivation ihrer beruflichen Ausbildung werden zu lassen. Sie hat ihren Weg zielstrebig verfolgt und über verschiedene Stationen (Praktika, Ausbildung zur Physiotherapeutin, Lehrerin für „Feldenkrais und Reiten“, Hippotherapeutin, Atemtherapeutin) frühzeitig festgestellt, daß sie ihr Verständnis von Qualität in der Ausführung des therapeutischen Reitens nur in der Selbständigkeit umsetzen kann.

Mittlerweile greift sie in ihrer Tätigkeit auf mehrjährige Erfahrungen in der Hippotherapie zurück, die sie neben anderen Pferden auch mit ihrem eigenen Pferd „Jasper“ durchführt. Im folgenden Gespräch erzählt Anke von Gossler mehr über die Möglichkeiten dieser Therapie und über das harmonische Zusammenwirken zwischen Mensch und Pferd.

Als 16jährige konnte sie zum ersten Mal einer therapeutischen Reitstunde beiwohnen und die strahlenden Augen der behandelten Kinder erleben. Das war ausschlaggebend für sie, die Sehnsucht nach Hilfestellung für derart bedürftige Menschen zur Hauptmotivation ihrer beruflichen Ausbildung werden zu lassen.


Die behinderte Bernadette (25)
GralsWelt: Frau von Gossler, welche Patienten können und sollten mit Hippotherapie behandelt werden?

von Gossler:
Die Hippotherapie ist geeignet für Patienten ab vier Jahren, die zum Beispiel unter Koordinations- oder Bewegungsstörungen leiden, an Halbseitenlähmungen, Multipler Sklerose, Wirbelsäulenerkrankungen und -fehlhaltungen, Amputationen, Nervenschädigungen, sensorischen Integrationsstörungen, um nur die wichtigsten zu nennen.



GralsWelt: Woraus leiten sich die großen Erfolgsaussichten der Hippotherapie ab?

von Gossler:
Zum einen gibt es auf der körperlichen Ebene das Kernstück des dreidimensionalen Schwingungsmusters, das heißt, die Hippotherapie ist die einzige krankengymnastische Behandlungsmethode, bei der die drei verschiedenen Bewegungsrichtungen auf/ab, vor/zurück und links/rechts gleichzeitig auf den Patienten einwirken.

Dieses Schwingungsmuster wird bei jedem Schritt des Pferdes in den Körper des Patienten hineingegeben. Diese Art der „Anbahnung einer Funktion“, wie wir in der Physiotherapie sagen, ist mit nichts anderem zu ersetzen. Nur das Pferd kann dieses auch dem Menschen gangtypische Muster übertragen, wobei es von sich aus ganz fein und sensibel die Bewegungsübereinstimmung mit dem Reiter sucht; keine Maschine wäre dazu in der Lage.

Das, was dem Patienten vom Rumpf oder von den Beinen her fehlt, kann man auf diese Weise ideal ansprechen und verbessern, denn die Rumpfmuskulatur beispielsweise wird durch die ständig wiederkehrenden Bewegungsimpulse intensiv trainiert, weil sie vom Körper des Patienten beantwortet werden müssen.

Beim Reiten potenzieren sich die Einwirkungen in den Organismus in einer Schnelligkeit und Effizienz, wie ich sie ohne Pferd nicht zutage fördern könnte. Meine Erfahrung ist, daß die Patienten diese Form der Stabilisierung, die ihnen das Reiten durch die Schaffung von für sie günstigen Bedingungen bringt, von sich aus suchen.

Darüber hinaus ist die Wirkung im seelisch-emotionalen und sensorischen Bereich auch von enormer Wichtigkeit: das Empfinden von Freude und Bestätigung beim Reiten und der Kontakt mit dem Pferd. Pferde sind so wahrhaftig in ihrer Art und suchen den Kontakt von sich aus mit dem Menschen, wenn die Chemie stimmt. Sie spiegeln den Menschen, wie er ist, und diese Form von Ehrlichkeit vermisse ich oft im zwischenmenschlichen Bereich. Patient, Therapeut und Pferd befinden sich energetisch in einem Verbund, und da geht es der Gesamtheit nur so gut, wie es dem einzelnen geht.

Das ist ein sehr wichtiger Punkt des ganzheitlichen Ansatzes in der Hippotherapie. Es ist ein Zusammenspiel von allen, und jeder spürt die Befindlichkeiten des anderen ganz genau.

Deshalb muß es allen in dieser Einheit gut gehen. Jeder gibt sein Bestes und so gelingt die Arbeit miteinander, die auf dieser Basis immer in einen Fortschritt führt. Mein Pferd zum Beispiel ist nicht ausgelaugt, obwohl es viel arbeitet; es ist im Gegenteil sogar so, daß ich seinen Stolz über die erbrachte Leistung wahrnehme. Jeder gibt sein Bestmöglichstes und alle profitieren davon. Es mag etwas untypisch klingen für die heutige Zeit, aber es funktioniert.

GralsWelt:
Dem Pferd werden beim therapeutischen Reiten enorme Leistungen abverlangt. Welche Eigenschaften muß ein Pferd für diese Aufgabe mitbringen?

von Gossler: Zum einen muß ein Pferd rein körperlich eine angemessene Größe haben und einen stabilen Rücken. Gute Grundgangarten besonders in der Therapiegangart Schritt sind erforderlich und weiter eine gute gymnastische Grundausbildung. Darüber hinaus sollte das Pferd nicht zu heißblütig sein, aber willig und in der Lage, auch von sich aus die Verantwortung für seine Aufgabe übernehmen zu wollen. Von seiner Gemütsverfassung ist es ideal, wenn es ruhig und geduldig, menschenfreundlich, offen und lernwillig ist.


Ein Gefühl von Freiheit: Eva Tuschhoff
GralsWelt: Der Hippotherapeut ist ein Physiotherapeut mit hippotherapeutischer Zusatzausbildung. Worin bestehen seine Aufgaben vor und in der Behandlung und welchen Raum nimmt die Intuition in Ihrer Tätigkeit ein?

von Gossler: Grundsätzlich muß ich mich als Therapeut um die Auswahl und Ausbildung des Pferdes kümmern. Auch ein passender Pferdeführer muß gefunden werden. Die meisten Patienten kommen über Empfehlung, über verschiedene bestehende Kontakte oder auch über ärztliche Verordnung. Im Vorfeld muß für den Therapeuten natürlich die körperliche Indikation klar sein.

Es wird ein Rezept vom Arzt benötigt, um den vorliegenden Fall einschätzen zu können und um daraus abzuleiten, worauf besonderes Augenmerk gerichtet werden muß. Wichtig ist auch, sichere Rahmenbedingungen für den Patienten schaffen zu können. Anschließend vereinbart man einen Probetermin, an dem man zusammenkommt und schaut, ob es für alle paßt. Die Patienten, die Familien, die zu mir kommen, egal ob Kinder oder Erwachsene, haben im Vorfeld meistens schon sehr viel Zeit und Energie in alle möglichen anderen Therapien gesteckt, und es herrscht eine gewisse Therapie-Müdigkeit vor.

Und diese wird beim Reiten erst einmal deutlich unterbrochen. Beim Reiten kann ich therapieren, ohne daß es gemerkt wird! Ich wirke hier als Therapeut durch den Druck meiner Hände auf die zu behandelnde Stelle des Patienten ein, und diese Einwirkung wird durch die Bewegungsimpulse des Pferdes um ein Vielfaches verstärkt. Das Ganze ist ein Prozeß, den der Patient in der Auswirkung spürt. Es wird in diesem Sinne etwas für den Patienten bewirkt und es macht ihm auch noch Freude.

Jeder Patient ist mit jedem Pferd und den Gegebenheiten wieder eine ganz neue, lebendige Einheit, und es kann so gut wie gar nicht vorkommen, daß man auch nur zwei gleiche Behandlungen hat. Über das klinische Bild hinaus, das mir sagt, welche körperlichen Voraussetzungen der Patient mitbringt und zusätzlich zu dem, was ich am Patienten wahrnehme und ertaste, kann ich immer wieder nur im Moment aus meiner Intuition heraus entscheiden, was gerade die Anforderung ist.

Diese Intuition setzt sich aus meinem Erfahrungsschatz und der aktuellen Behandlungsmöglichkeit zusammen, und ich kann sie nur sprechen lassen, wenn ich mit mir im Gleichgewicht bin. Dazu gehört eine Freiheit und Kreativität, und ich muß mich in die Situation und die Befindlichkeiten, hauptsächlich des Patienten, einfühlen können.

GralsWelt: Wie sehen Sie aus Ihrer Tätigkeit heraus das besondere Verhältnis zwischen Mensch und Tier?

von Gossler:
Oh, das ist eine schöne Frage. Aus der Tätigkeit heraus kann man sagen, daß es bei einem gewachsenen Verständnis aller Beteiligten füreinander in eine Partnerschaft geht, in ein Miteinander. Eines muß aber von vorneherein klar sein: daß der Therapeut der Chef ist. Diese Dominanzregelung ist unerläßlich. Und andersherum, wenn ich das „Leittier“ bin, muß sich das Tier auf mich verlassen können.

Auch der Therapeut muß sich an die von ihm ausgegebenen Regeln im Sinne von Gleichmäßigkeit und Verläßlichkeit halten. Das Pferd kennt sein Arbeitsfeld ganz genau, und durch die gleichmäßigen Bedingungen bildet sich die erwünschte Arbeitshaltung. Rückwirkend wächst mein Verständnis für seine Aufgabe, und in der Zusammenarbeit kann ich nur die höchste Wertschätzung für die Arbeit des Tieres aufbringen.

So knüpft sich über Jahre eine Beziehung, die eine sehr hohe Qualität entwickeln kann. Man darf bei diesen Betrachtungen nicht außer acht lassen, daß sich das Pferd trotz seiner großen Kraftüberlegenheit als „dienendes Wesen“ wahrhaft in den Dienst des Menschen stellt, und davor habe ich die größte Hochachtung. Ich sage immer zu meinem Pferd: „Danke, daß du so gut mitgearbeitet hast!“ Das ist nicht selbstverständlich.

Es sagt dann: „Ja, ist gut. Ich mache das schon gerne!“ Das ist etwas, was auf Basis der Regeln, der Klarheit und in einer freundlich ruhigen Atmosphäre wachsen kann. Aber es ist etwas Freiwilliges, Geschenktes; es ist nicht abzuringen. Das Pferd ist ein Freund und Helfer und stellt sich mit seinem Körper und seinem Wesen, mit seiner Ganzheit zur Verfügung.

Aber ich muß wissen, daß ich das Pferd, sozusagen als schwächstes, weisungsabhängiges Glied in der Kette, nicht einseitig ausnutzen darf, im Sinne von ausbeuten. Meine Erfahrung ist, daß die Pferde dann besonders gut mitarbeiten, wenn sie die Sinnhaftigkeit dessen, was von ihnen verlangt wird, spüren.

Selbst wenn die Reitschüler auf dem Pferderücken Fehler machen, was zwangsläufig immer wieder vorkommt, verzeihen die Pferde es, wenn sie eine Struktur, eine Ausgewogenheit in der Anleitung dahinter wahrnehmen. Die Balance zwischen Geben und Nehmen muß jedoch unbedingt gewahrt bleiben.

 



Autor: Birgit Sokol (Tel.: 07156 - 953215)
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Nachschlagworte

  • Hippotherapie
  • Pferd
  • Reitstunde
  • Reiten

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Birgit Sokol

Tel.: 07156 - 953215

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