Anton Bruckner
Geistige Energie
Anton Bruckner, Orgelspieler und Sinfoniker, erfüllte, wie Bach und Beethoven vor ihm, eine geistesgeschichtliche Sendung, die bis heute lebendig nachwirkt. Während jedoch Bach und Beethoven eine enorme Breitenwirkung erzielten, war Bruckners Kunst lange mißverstanden worden, weil man sie mit der klassisch-romantischen Elle maß und zudem im Kirchenraum ansiedelte.
Anton BrucknerWas man heutzutage über die Person des Komponisten Anton Bruckner aufgetischt bekommt, ist nicht gerade dazu geeignet, um als ein Musterbeispiel für geistige Energie zu dienen. Als Trumm von einem Mannsbild, als großes Kind oder auch als „zweibeinige Riesenbirne“, wie ein Zeitgenosse seinen Körperwuchs beschrieb, schien er dessen ungeachtet, würde man blindlings dem anekdotischen Schrifttum folgen, vor diversen Schwachstellen nur so zu strotzen. Jedenfalls wurde kaum ein Komponist der Musikgeschichte so rigoros auf die privaten Fehlschläge in seinem Alltag reduziert wie Anton Bruckner.
Ob es nun seine ungeschickte Verliebtheit zu Frauen war, die in sein Leben traten, die anscheinend kriecherische Unterwürfigkeit gegenüber Autoritäten, sein primitiver Zählzwang oder auch nur sein häufiges Schwitzen, was ihn, angeblich nur aus diesem Grunde und nicht, weil es beim Orgelspielen einfach bequemer war, viel zu weite Kleidung tragen ließ – das alles und noch mehr überdeckte, besonders ab seiner Wiener Zeit, die geistige Potenz dieses schöpferischen Menschen.
Bewunderer wie Kritiker, die beide nicht das musikalisch Neue begriffen hatten, das Bruckner brachte, sondern es vorzogen, ihn mit gutgemeinten Ratschlägen einzudecken, ihm gar in die Instrumentation seiner Sinfonien hineinzupfuschen (z.B. der „ungiltige“ Beckenschlag in der Siebenten, den als einziger Dirigent anscheinend nur Günter Wand wegläßt), tappten in die allgegenwärtige romantische Falle. Aber Bruckner war kein Romantiker und deshalb mit einem echten musikalischen Romantiker wie seinem Antipoden Franz Liszt oder mit Wagner, trotz der Bewunderung, die er dessen Werken zollte, auch nicht geistesverwandt.
Mißverständnisse
Zwischen der geistigen Aussagekraft der 8. Sinfonie Bruckners und der lediglich vom Thema her ähnlichen Oper „Parsifal“ von Richard Wagner liegen Welten. Was für ein erschütternder, aber auch zuversichtlicher Aufschrei einer Menschenseele aus der Tiefe empor zur lichten Höhe bei Bruckner!
Und welch eine falsche Erlöser-Philosophie bei Wagner, die seinen Operntext am Ende unverdaulich macht. Hier, bei Wagner, die musikalisch-erotische Faszination einer grandiosen, gefühlsgeladenen Musik, sozusagen die tönenden Wogen eines vom Meister für lauteres Wasser ausgegebenen Zaubertrankes, welcher Nervenreize bedient – ein Narkotikum sogar in diesem „Bühnenweihfestspiel“, wobei der Zaubertrank nicht übertrieben ist, denn als „geheimnisvoll-flüssige Säfte“ bezeichnet Wagner selbst seine Musik! Dort hingegen, bei Bruckner, ein glanzvoller, energiegeladener Sturm des Geistes, der instrumentale Griff nach Ebenen, denen das Urbild aller großen Musik entstammt!
Trotz der Tenorhörner, der sogenannten Wagnertuben, und trotz des tiefen Eindrucks, den der „Parsifal“ in Bayreuth auf Bruckner gemacht hatte, sind die vorhandenen Ähnlichkeiten rein äußerlicher Natur. Allein, wie lapidar Bruckner einen G-Dur-Akkord neben einen H-Dur-Akkord hinstellt, wirft bereits ein Licht auf den Unterschied zwischen beiden Komponisten, dem gönnerhaften, aber kleinwüchsigen Wagner und dem demutsvollen, statt dessen groß geratenen Bruckner, der auf Karikaturen paradoxerweise stets devot und mickrig dargestellt wurde.
Aber nicht nur die totale Einbeziehung der Melodik in alle Stimmen seines Instrumentalsatzes und somit die Verschmelzung von Homophonie und Polyphonie ist bei Bruckner einzigartig, jedes einzelne Intervall erfährt bei ihm auch noch eine besondere, eine neue Bedeutung. Quinten und Oktavsprünge beginnen bei ihm zu sprechen, Sexten und Septimen drängen verlangend nach oben.
Um sogleich einer weiteren Fehldeutung zu begegnen, die allgemein verbreitet ist: Bruckners Musik gipfelt mitnichten in katholischer Glaubensinbrunst. Das wäre eine romantisch-religiöse und damit abwegige Klassifikation. Sondern seine Tonsprache ist der Ausdruck geistiger Energie, ein Akt starker Selbstbehauptung mit dem freudig stolzen Blick auf GOTT.
Selbstverständlich war der Mann aus St. Florian privat ein gläubiger Katholik, dazu im Schoß der Kirche, halt so, wie jedermann in Österreich katholisch war. Als schöpferischer Musiker jedoch, in seiner geistigen Berufung, der mit dem Pfund, das ihm verliehen wurde, zeitlebens wucherte, blieb er wahrhaft unabhängig. Oder welcher Komponist außer Bruckner hätte wohl über die eigene Begabung gesagt: „Die wollen, daß ich anders schreibe. Ich könnt’s ja auch, aber ich darf nicht. Unter Tausenden hat mich Gott begnadigt und dies Talent mir, gerade mir gegeben. Ihm muß ich einmal Rechenschaft ablegen. Wie stünde ich denn vor unserem Herrgott da, wenn ich den anderen folgte und nicht ihm?“
In der Tat hatte Bruckner die größte Mühe, sein musikalisches Werk vor fremder Einflußnahme zu behüten, zu verteidigen. Er ging dabei nicht immer geschickt vor und mußte es leider in Kauf nehmen, daß sich diejenigen, die von der Größe seiner Kunst nichts begriffen hatten, an seine privaten Angewohnheiten klammerten, was bis heute anzuhalten scheint.
Etwa zwei Drittel der umfangreichen, über tausend Bände umfassenden Bruckner-Bibliographie handeln unnötigerweise von diesen Eigentümlichkeiten, insbesondere dem äußeren Erscheinungsbild des kindlichen Mannes. Oft sind es nur kuriose Geschichtchen, die hundert Jahre nach seinem Tode (am 11. Oktober 1896) ungezügelt weiterwuchern. Würde es dem Fernsehen oder einem anderen Massenmedium heute einfallen, die Biographie Bruckners zu vermarkten, brauchte man nicht lange darauf zu warten, von den fortgesetzt kolportierten Klischees, angefangen mit seiner bescheidenen Abstammung aus der tiefsten Provinz oder der mystischen Inbrunst des Helden von St. Florian, förmlich überrannt zu werden.
Indes: Bruckners Welt mochte zwar ärmlich wirken, er konnte in Wirklichkeit aber auf ein gesundes, nämlich natürlich gewachsenes Selbstbewußtsein zurückblicken, eingebettet in die österreichische Tradition. Man denke nur nicht, daß die Musik, die in der angeblich so tiefen Provinz gemacht wurde, kein großstädtisches Niveau gehabt hätte!
Im Gegensatz zur heutigen Zeit mit ihren hochsubventionierten Orchestern, ihren um die Welt jettenden Pultstars, mit ihrer Kirchenchorprobe einmal die Woche oder dem Akkordeonspieler, der einen runden Geburtstag verbrämen hilft, vibrierte der kunsthandwerkliche Heimatboden Anton Bruckners geradezu!
Während heute außerhalb der Chorprobe nicht mehr viel passiert und der Fernseher den Leuten näher steht als die Gitarre an der Wand, war zur Brucknerzeit ringsumher Sang und Klang. Da gab es nicht nur die Ausstrahlungskraft der musikalischen Zentren Prag, Wien und Linz. Im Nachbarnest Hörsching, wo Bruckner von einem der besten österreichischen Musiklehrer seiner Zeit (Johann Baptist Weiß) unterrichtet wurde, war das musikalische Niveau immerhin so hoch, daß man dort Mozarts „Große Fugenmesse“ c-Moll KV 427 aufführen konnte.
Bruckners Kunst hat eine immense Spannweite; sie darf, führt man sich seine neun Sinfonien zu Gemüte, sowohl irdisch als auch himmlisch (kosmisch) genannt werden, jedoch niemals mystisch! Jene „tiefglühende“, religiöse oder esoterische Spiritualität, die man dem Komponisten andichtet, wird immer wieder nur von außen durch gewisse Dirigenten und deren Anhängerschaft in sein Werk hineingeraten. Die geistliche Musik indessen, die Bruckner zeitlebens auch noch schrieb, mag zwar ein bestimmtes Maß an Katholizismus mitenthalten. Jedoch wurde der „Kirchenmusiker“ nach dem ersten Schaffensschub, der etwa 1868 endete, deutlich in die zweite Reihe verwiesen.
Ein energischer Karrieresprung
Mit 44 Jahren, nachdem er in Linz Hauptschullehrer (1855) und Domorganist (1856) geworden war, fühlte Bruckner sich reif, auch noch die letzte Sprosse auf der gesellschaftlichen Leiter zu erklimmen. Er bewarb sich und wurde Professor für Generalbaß und Kontrapunkt am Wiener Konservatorium. Auftakt dazu war, noch in Linz, die Uraufführung seiner 1. Sinfonie. In Wien begann, daß er „rücksichtslos und ohne Hemmungen die ihm befreundeten Kreise für seine Interessen einsetzte und damit unausbleiblich Widerstand hervorrief“ (Manfred Wagner).
Zudem legte er größten Wert auf eine angemessene Wohnadresse, mindestens in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt, womit er sich zielbewußt beim gehobeneren Bürgertum etablierte. Und ein Jahr vor seinem Tode wurde ihm sogar kostenloses Wohnrecht (eine 9-Zimmer-Wohnung) im Belvedere eingeräumt. Soviel in Kürze zu seiner vermeintlich provinziellen Unbeholfenheit, von der bei genauerem Hinsehen nicht mehr viel übrig bleibt, zumal sich Bruckner in seinem äußeren Erscheinungsbild durchaus der Mode anpaßte.
Ein Jahr später (1869) gelang es ihm, seinen bereits vorhandenen Ruf auf einer Reise nach Frankreich (Nancy und Paris) zu festigen und triumphal auszubauen. Als Organist wurde ihm nicht nur die höchste technische Vollendung bescheinigt, sondern auch sein genialer Ideenreichtum bei der Orgelimprovisation gerühmt. Dieser Erfolg steigerte sich sogar noch zwei Jahre später in London. Aber die erste kalte Dusche ließ nicht lange auf sich warten. In Wien wurde seine 2. Sinfonie abgelehnt.
Der Dirigent Otto Dessoff und die Wiener Philharmoniker erklärten sie kurzerhand für „unspielbar“. Überdies wäre sie zu lang und hätte zu viele Pausen, womit zum erstenmal auf Bruckners berühmte Generalpausen – auch unqualifiziert „Löcher“ genannt – abgehoben wurde. Die Ablehnung der Sinfonie stürzte Bruckner sofort in einen erneuten, nahezu zwanghaften Schaffensrausch. Er machte sich an die Komposition seiner 3. Sinfonie, indes er seine Zweite ein Jahr später, sogar mit demselben Orchester, nun allerdings nach mehreren, zusätzlich bezahlten Proben und allseitiger Zustimmung der Mitwirkenden, selber uraufführte. ...
Anton BrucknerWas man heutzutage über die Person des Komponisten Anton Bruckner aufgetischt bekommt, ist nicht gerade dazu geeignet, um als ein Musterbeispiel für geistige Energie zu dienen. Als Trumm von einem Mannsbild, als großes Kind oder auch als „zweibeinige Riesenbirne“, wie ein Zeitgenosse seinen Körperwuchs beschrieb, schien er dessen ungeachtet, würde man blindlings dem anekdotischen Schrifttum folgen, vor diversen Schwachstellen nur so zu strotzen. Jedenfalls wurde kaum ein Komponist der Musikgeschichte so rigoros auf die privaten Fehlschläge in seinem Alltag reduziert wie Anton Bruckner.
Ob es nun seine ungeschickte Verliebtheit zu Frauen war, die in sein Leben traten, die anscheinend kriecherische Unterwürfigkeit gegenüber Autoritäten, sein primitiver Zählzwang oder auch nur sein häufiges Schwitzen, was ihn, angeblich nur aus diesem Grunde und nicht, weil es beim Orgelspielen einfach bequemer war, viel zu weite Kleidung tragen ließ – das alles und noch mehr überdeckte, besonders ab seiner Wiener Zeit, die geistige Potenz dieses schöpferischen Menschen.
Bewunderer wie Kritiker, die beide nicht das musikalisch Neue begriffen hatten, das Bruckner brachte, sondern es vorzogen, ihn mit gutgemeinten Ratschlägen einzudecken, ihm gar in die Instrumentation seiner Sinfonien hineinzupfuschen (z.B. der „ungiltige“ Beckenschlag in der Siebenten, den als einziger Dirigent anscheinend nur Günter Wand wegläßt), tappten in die allgegenwärtige romantische Falle. Aber Bruckner war kein Romantiker und deshalb mit einem echten musikalischen Romantiker wie seinem Antipoden Franz Liszt oder mit Wagner, trotz der Bewunderung, die er dessen Werken zollte, auch nicht geistesverwandt.
Mißverständnisse
Zwischen der geistigen Aussagekraft der 8. Sinfonie Bruckners und der lediglich vom Thema her ähnlichen Oper „Parsifal“ von Richard Wagner liegen Welten. Was für ein erschütternder, aber auch zuversichtlicher Aufschrei einer Menschenseele aus der Tiefe empor zur lichten Höhe bei Bruckner!
Und welch eine falsche Erlöser-Philosophie bei Wagner, die seinen Operntext am Ende unverdaulich macht. Hier, bei Wagner, die musikalisch-erotische Faszination einer grandiosen, gefühlsgeladenen Musik, sozusagen die tönenden Wogen eines vom Meister für lauteres Wasser ausgegebenen Zaubertrankes, welcher Nervenreize bedient – ein Narkotikum sogar in diesem „Bühnenweihfestspiel“, wobei der Zaubertrank nicht übertrieben ist, denn als „geheimnisvoll-flüssige Säfte“ bezeichnet Wagner selbst seine Musik! Dort hingegen, bei Bruckner, ein glanzvoller, energiegeladener Sturm des Geistes, der instrumentale Griff nach Ebenen, denen das Urbild aller großen Musik entstammt!
Trotz der Tenorhörner, der sogenannten Wagnertuben, und trotz des tiefen Eindrucks, den der „Parsifal“ in Bayreuth auf Bruckner gemacht hatte, sind die vorhandenen Ähnlichkeiten rein äußerlicher Natur. Allein, wie lapidar Bruckner einen G-Dur-Akkord neben einen H-Dur-Akkord hinstellt, wirft bereits ein Licht auf den Unterschied zwischen beiden Komponisten, dem gönnerhaften, aber kleinwüchsigen Wagner und dem demutsvollen, statt dessen groß geratenen Bruckner, der auf Karikaturen paradoxerweise stets devot und mickrig dargestellt wurde.
Aber nicht nur die totale Einbeziehung der Melodik in alle Stimmen seines Instrumentalsatzes und somit die Verschmelzung von Homophonie und Polyphonie ist bei Bruckner einzigartig, jedes einzelne Intervall erfährt bei ihm auch noch eine besondere, eine neue Bedeutung. Quinten und Oktavsprünge beginnen bei ihm zu sprechen, Sexten und Septimen drängen verlangend nach oben.
Um sogleich einer weiteren Fehldeutung zu begegnen, die allgemein verbreitet ist: Bruckners Musik gipfelt mitnichten in katholischer Glaubensinbrunst. Das wäre eine romantisch-religiöse und damit abwegige Klassifikation. Sondern seine Tonsprache ist der Ausdruck geistiger Energie, ein Akt starker Selbstbehauptung mit dem freudig stolzen Blick auf GOTT.
Selbstverständlich war der Mann aus St. Florian privat ein gläubiger Katholik, dazu im Schoß der Kirche, halt so, wie jedermann in Österreich katholisch war. Als schöpferischer Musiker jedoch, in seiner geistigen Berufung, der mit dem Pfund, das ihm verliehen wurde, zeitlebens wucherte, blieb er wahrhaft unabhängig. Oder welcher Komponist außer Bruckner hätte wohl über die eigene Begabung gesagt: „Die wollen, daß ich anders schreibe. Ich könnt’s ja auch, aber ich darf nicht. Unter Tausenden hat mich Gott begnadigt und dies Talent mir, gerade mir gegeben. Ihm muß ich einmal Rechenschaft ablegen. Wie stünde ich denn vor unserem Herrgott da, wenn ich den anderen folgte und nicht ihm?“
In der Tat hatte Bruckner die größte Mühe, sein musikalisches Werk vor fremder Einflußnahme zu behüten, zu verteidigen. Er ging dabei nicht immer geschickt vor und mußte es leider in Kauf nehmen, daß sich diejenigen, die von der Größe seiner Kunst nichts begriffen hatten, an seine privaten Angewohnheiten klammerten, was bis heute anzuhalten scheint.
Etwa zwei Drittel der umfangreichen, über tausend Bände umfassenden Bruckner-Bibliographie handeln unnötigerweise von diesen Eigentümlichkeiten, insbesondere dem äußeren Erscheinungsbild des kindlichen Mannes. Oft sind es nur kuriose Geschichtchen, die hundert Jahre nach seinem Tode (am 11. Oktober 1896) ungezügelt weiterwuchern. Würde es dem Fernsehen oder einem anderen Massenmedium heute einfallen, die Biographie Bruckners zu vermarkten, brauchte man nicht lange darauf zu warten, von den fortgesetzt kolportierten Klischees, angefangen mit seiner bescheidenen Abstammung aus der tiefsten Provinz oder der mystischen Inbrunst des Helden von St. Florian, förmlich überrannt zu werden.
Indes: Bruckners Welt mochte zwar ärmlich wirken, er konnte in Wirklichkeit aber auf ein gesundes, nämlich natürlich gewachsenes Selbstbewußtsein zurückblicken, eingebettet in die österreichische Tradition. Man denke nur nicht, daß die Musik, die in der angeblich so tiefen Provinz gemacht wurde, kein großstädtisches Niveau gehabt hätte!
Im Gegensatz zur heutigen Zeit mit ihren hochsubventionierten Orchestern, ihren um die Welt jettenden Pultstars, mit ihrer Kirchenchorprobe einmal die Woche oder dem Akkordeonspieler, der einen runden Geburtstag verbrämen hilft, vibrierte der kunsthandwerkliche Heimatboden Anton Bruckners geradezu!
Während heute außerhalb der Chorprobe nicht mehr viel passiert und der Fernseher den Leuten näher steht als die Gitarre an der Wand, war zur Brucknerzeit ringsumher Sang und Klang. Da gab es nicht nur die Ausstrahlungskraft der musikalischen Zentren Prag, Wien und Linz. Im Nachbarnest Hörsching, wo Bruckner von einem der besten österreichischen Musiklehrer seiner Zeit (Johann Baptist Weiß) unterrichtet wurde, war das musikalische Niveau immerhin so hoch, daß man dort Mozarts „Große Fugenmesse“ c-Moll KV 427 aufführen konnte.
Bruckners Kunst hat eine immense Spannweite; sie darf, führt man sich seine neun Sinfonien zu Gemüte, sowohl irdisch als auch himmlisch (kosmisch) genannt werden, jedoch niemals mystisch! Jene „tiefglühende“, religiöse oder esoterische Spiritualität, die man dem Komponisten andichtet, wird immer wieder nur von außen durch gewisse Dirigenten und deren Anhängerschaft in sein Werk hineingeraten. Die geistliche Musik indessen, die Bruckner zeitlebens auch noch schrieb, mag zwar ein bestimmtes Maß an Katholizismus mitenthalten. Jedoch wurde der „Kirchenmusiker“ nach dem ersten Schaffensschub, der etwa 1868 endete, deutlich in die zweite Reihe verwiesen.
Ein energischer Karrieresprung
Mit 44 Jahren, nachdem er in Linz Hauptschullehrer (1855) und Domorganist (1856) geworden war, fühlte Bruckner sich reif, auch noch die letzte Sprosse auf der gesellschaftlichen Leiter zu erklimmen. Er bewarb sich und wurde Professor für Generalbaß und Kontrapunkt am Wiener Konservatorium. Auftakt dazu war, noch in Linz, die Uraufführung seiner 1. Sinfonie. In Wien begann, daß er „rücksichtslos und ohne Hemmungen die ihm befreundeten Kreise für seine Interessen einsetzte und damit unausbleiblich Widerstand hervorrief“ (Manfred Wagner).
Zudem legte er größten Wert auf eine angemessene Wohnadresse, mindestens in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt, womit er sich zielbewußt beim gehobeneren Bürgertum etablierte. Und ein Jahr vor seinem Tode wurde ihm sogar kostenloses Wohnrecht (eine 9-Zimmer-Wohnung) im Belvedere eingeräumt. Soviel in Kürze zu seiner vermeintlich provinziellen Unbeholfenheit, von der bei genauerem Hinsehen nicht mehr viel übrig bleibt, zumal sich Bruckner in seinem äußeren Erscheinungsbild durchaus der Mode anpaßte.
Ein Jahr später (1869) gelang es ihm, seinen bereits vorhandenen Ruf auf einer Reise nach Frankreich (Nancy und Paris) zu festigen und triumphal auszubauen. Als Organist wurde ihm nicht nur die höchste technische Vollendung bescheinigt, sondern auch sein genialer Ideenreichtum bei der Orgelimprovisation gerühmt. Dieser Erfolg steigerte sich sogar noch zwei Jahre später in London. Aber die erste kalte Dusche ließ nicht lange auf sich warten. In Wien wurde seine 2. Sinfonie abgelehnt.
Der Dirigent Otto Dessoff und die Wiener Philharmoniker erklärten sie kurzerhand für „unspielbar“. Überdies wäre sie zu lang und hätte zu viele Pausen, womit zum erstenmal auf Bruckners berühmte Generalpausen – auch unqualifiziert „Löcher“ genannt – abgehoben wurde. Die Ablehnung der Sinfonie stürzte Bruckner sofort in einen erneuten, nahezu zwanghaften Schaffensrausch. Er machte sich an die Komposition seiner 3. Sinfonie, indes er seine Zweite ein Jahr später, sogar mit demselben Orchester, nun allerdings nach mehreren, zusätzlich bezahlten Proben und allseitiger Zustimmung der Mitwirkenden, selber uraufführte. ...
Autor: Peter Deiries
