Symbole
Der „christliche Streit“ um das Kreuz
Große Aufregung und Empörung verursachte vor einiger Zeit die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg, das Kreuzzeichen in den Klassenzimmern staatlicher Schulen verletze die Religionsfreiheit der Schüler. Vor allem römisch-katholische Kreise reagierten zum Teil sehr heftig auf das Urteil. Man sieht christliche Werte in höchster Gefahr. Wie christlich ist das Kreuzzeichen wirklich? Hat das frühchristlich-griechische Kreuz – gegenüber dem Leidenskreuz – die eigentlich universale Bedeutung?
Die christliche Gesellschaft und das Straßburger Urteil
Keltisches KreuzWer die wirkliche Substanz des gegenwärtigen christlichen Glaubens in Frage stellt, kann mit weniger Aufregung und Empörung rechnen als derjenige, der christliche Symbole in öffentlichen Räumen ablehnt. Offenbar fühlen sich christlich-katholische Kreise gegenüber einer säkularisierten Gesellschaft – sie wird gelegentlich auch als Spaßgesellschaft bezeichnet – wie mit dem Rücken zur Wand stehend und glauben nun, das Kreuz in öffentlichen Räumen als letzte Bastion verteidigen und zugleich den Staat als Schutzmacht anrufen zu müssen.
Doch der Staat und die europäischen Nationen können einem moralisch-religiösen Erosionsprozeß nicht Einhalt gebieten, und daher ist das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg durchaus konsequent. Interessanterweise wird nun die mögliche Überzeugung des einzelnen – ganz gleich, wie sie beschaffen sei – gegenüber dem bisherigen Monopol einer gesellschaftlichen Mehrheit geschützt, und dies ist durchaus zu begrüßen.
Historisches zum „griechischen Kreuz“
Das Kreuz war nicht immer ein christliches Zeichen. Anders als das Leidenskreuz bzw. Kruzifix wies das ältere griechische Kreuz jeweils gleichlange Schenkel auf. Dieses Kreuz war bereits in urgeschichtlicher Zeit, in den frühen Hochkulturen des Vorderen Orients, Amerikas und Asiens, ein weit verbreitetes Symbol. Als Radkreuz, also von einem Ring umgeben – so wird es auch als Sonnenzeichen angesehen -, läßt es sich zum Beispiel auf den Felszeichnungen der frühen Bronzezeit in Schweden, in der Provinz Bohuslän, nachweisen.
Das Rad- oder Sonnenkreuz erlangte als architektonische Grundform eine besondere Bedeutung für die Anlage zahlreicher Städte Europas und Asiens, und zwar sowohl durch seine Kreisform als auch durch seine Vierteilung: „In diesem Sinne ist die Roma quadrata als ‚viergeteilte‘ Stadt zu verstehen“ (1).
Dem Mythos zufolge wurde Rom auf dem Grundriß des Kreuzes im Kreis erbaut – die Weltachse
(Quelle: www.erratiker.ch)Das oben wiedergegebene Zitat spielt auf den durch Vitruv und Plutarch überlieferten Gründungsmythus Roms an, der sich folgendermaßen beschreiben läßt: Die Stadt – damit auch die Welt – baut sich von ihrem Mittelpunkt her auf, und zwar dort, wo auf dem Palatin „in einem augural-kultischen Akt“ – dem Erscheinen von zwölf Geiern am Himmel – von Romulus und Remus „eine runde Baugrube“ ausgehoben wurde. In diese Grube – genannt mundus, wie die Bezeichnung der Welt (!) – wurden „Spenden von allen guten und notwendigen Dingen“, u. a. Früchte sowie Erde aus der Heimat der Gründerstämme gegeben.
„Von diesem Mittelpunkt geht die Weltachse aus, die nach ‚unten‘, in die Erde, und zum Himmel reicht und so diese verbindet: an ihren Horizonten ist die Welt rund, und sie hat vier Ecken – Osten und Westen, Norden und Süden; zwischen diesen Polen verlaufen“ die beiden Achsen, „die sich in ihrem Mittelpunkt kreuzen; die Welt ist dadurch viergeteilt“.
– Die Stadt hat damit ihren Mittelpunkt, aber noch nicht ihren Umfang: Romulus läßt auf dem Palatin mit einem bronzenen Pflug den „sulcus primigenius ziehen, die Urfurche“ und kennzeichnet so die Grenzen der zukünftigen Stadt (2). Demnach liegt Rom auf einem kreuzförmigen Grundriß – annähernd im Kreis -, wobei die Weltachse durch den Mittelpunkt des Kreuzes geht. Zugleich kann man sagen: Wo Rom ist, ist auch die Welt!
Es ist aufschlußreich, daß die Weltachse, die eine zusätzliche, dritte Dimension eröffnet – nach ‚unten‘, in die Erde, und hinauf zum Himmel – nicht nur einen weltlichen, sondern auch einen geistigen Aspekt zeigt und auf die künftige Rolle Roms als Zentrum der Christenheit vorauszudeuten scheint. Die Weltachse kann – für die zu errichtende Architektur – raumzeitlich wie auch symbolisch verstanden werden, da sie ja nicht nur die Erde und den Himmel, sondern auch die Unterwelt und die Sphäre der olympischen Götter miteinander verbindet.
Das Pantheon als Abbild des Kosmos
Pantheon in RomDie Erfüllung des Gründungsmythos ergibt sich weniger durch die Entwicklung der Weltstadt Rom, die – neuzeitliche Entwicklungen vorwegnehmend – nach und nach über alle gegebenen Grenzen hinauswucherte, sondern durch ein einziges Gebäude: durch das Pantheon (S. Maria ad Martyres). Der nach dem Vorbild der Kuppelsäle römischer Thermen konzipierte Zentralbau blieb als einziges der antiken Bauwerke Roms fast völlig erhalten. Er wurde um 114 bis 123 n. Chr. errichtet und 609 als römisch-katholische Kirche geweiht.
Es handelt sich um eine Rotunde mit einer aus konzentrischen Ringen gebildeten und innen kassettierten Halbkreiskuppel aus Leichtbeton und einer Vorhalle. Wenn die Kuppel als Kugel nach unten fortgesetzt würde, würde sie gerade den Boden berühren. Die Wahl eines kuppelgewölbten Rundbaues mit dem oculus – dem offenen Auge – im Zenit hängt wohl auch mit der Intention zusammen, das Gebäude ‚allen Göttern‘ zu weihen, und ging damit auf einen Wandel religiöser Vorstellungen zurück.
Die Architektur vermittelt in ihrer großen Raumwirkung auch die Erfahrung, daß es hier wohl nicht mehr allein um die Beziehung des Menschen zu einzelnen anthropomorphen Gottheiten ging, sondern zugleich um ein Abbild eines alles überwölbenden Kosmos. Das Pantheon ist Vorbild für spätere Zentralbauten – wie zum Beispiel für die Hagia Sophia in Istanbul -, die in der sakralen Architektur immer eine besondere Bedeutung hatten und haben.
Die ersten christlichen Jahrhunderte und das Kreuzeszeichen
ChristusmonogrammAnders als die relativ späte Umwidmung des heidnischen Pantheons zur Kirche entwickelt sich bereits in den ersten Jahrhunderten nach Christus die Verwendung des griechischen Kreuzes als christliches Zeichen. Etwa gleichzeitig dient der Fisch als Christussymbol bzw. als Erkennungszeichen der Christen untereinander, wobei die griechischen Buchstaben des Wortes ICHTHYS (Fisch) als Abkürzungen für die Bezeichnungen: Jesus, Christus, Gottes-Sohn und Erlöser zu verstehen sind.
Im zweiten Jahrhundert entsteht auch das Christusmonogramm – das X und P ineinander geschrieben -, abgeleitet von den griechischen Buchstaben Chi und Rho. Christlichen Autoren zufolge gewahrte Kaiser Konstantin d. Große dieses Zeichen als Vision des Strahlenkreuzes, die ihn darin bestärkte, einen geplanten Kampf zu beginnen, der zunächst hoffnungslos erschien, jedoch dann siegreich endete (Schlacht an der Milvischen Brücke, 312 n. Chr.).
Das Kruzifix und das Leidenskreuz
Etwa in der Zeit, als das Christentum 380 n. Chr. zur Staatsreligion erhoben wird, sind die ersten bildlichen Darstellungen der Kreuzigung Christi nachweisbar. Seit dieser Zeit gewinnt auch das sogenannte lateinische Kreuz – das Leidenskreuz -, das einen nach unten verlängerten senkrechten Balken aufweist, an Bedeutung.
In den Jahrhunderten davor – etwa in den Katakomben Roms oder Neapels – beziehen sich Malereien niemals auf die Kreuzigung, sondern auf Themen, die mit der Mission Christi verbunden sind. So wird Christus vor allem als Guter Hirte dargestellt, als Verkörperung des Alpha und Omega, als Lehrer der Apostel, als Vermittler des göttlichen Wortes (Neapel) oder beim Abendmahl.
„Das Kreuz auf sich nehmen“
Platinspitze bei 700.000facher Vergrößerung (Quelle: www.physik.uni-bayreuth.de).Es mutet heute seltsam an, daß die Christen in der Zeit furchtbarster Verfolgungen zu ihrem Trost weder des Leidenskreuzes bedurften noch der Darstellung des Gottessohnes am Kreuz. Offenbar begriffen sie die Erlösung doch anders, als diese nach und nach durch die offizielle christliche Theologie dargestellt wurde – nicht durch den Kreuzestod Jesu, sondern durch die Nachfolge Christi, durch die überzeugte Tat, zu der der Gottessohn immer wieder aufgefordert hat: „Dann rief er das Volk samt seinen Jüngern herzu und sprach zu ihnen: Wenn einer mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten.“ (Lk. 9, 23)
Christus spricht dieses Wort zu einem Zeitpunkt aus, da ihm bewußt geworden ist, daß die Mehrheit der Menschen seinen Tod herbeiführen möchte. Wäre sein Kreuzestod notwendig gewesen und hätte dieser schreckliche Tod wirklich die Erlösung der Menschheit gebracht, hätte es sich eigentlich erübrigt, in dieser unbedingten Weise das Volk und die Jünger zur Nachfolge aufzufordern, ja dazu, das Kreuz auf sich zu nehmen! – Es verhält sich wohl so, daß Christus die Mahnung, jeder möge sein Kreuz auf sich nehmen und ihm nachfolgen, sowohl im übertragenen geistigen Sinne als auch wörtlich gemeint hat.
Diese Aufforderung wird von jedem anders umzusetzen gewesen sein: Galt es für den einen, in seinem Inneren Verzicht auf ein äußeres, durch die Gesellschaft bestätigtes Leben zu leisten – um damit der göttlichen Wahrheit zu folgen -, so konnte für einen anderen daraus in letzter Konsequenz auch der Märtyrertod folgen.
Das „Kreuz der Wahrheit“ – historische Apostel- und Scheibenkreuze
Wenn der Mensch sein Kreuz auf sich nimmt, um – im Dienst am göttlichen Wort und in Liebe zum Gottessohn – letztlich sein Leben zu gewinnen, nimmt er nicht das Kreuz des Leidens auf sich, sondern das Kreuz des göttlichen Wortes, das Kreuz der Wahrheit und der Erlösung – worauf Abd-ru-shin in der Gralsbotschaft hinweist. Sinnbildlich entspricht diesem das griechische Kreuz mit gleichlangen Schenkeln, das nicht von Tod und Leiden spricht, sondern von der Harmonie in dieser Schöpfung. Als Weihe- oder Apostelkreuz ist es noch heute an den Wänden katholischer Kirchen – manchmal auch auf den Antependien der Altäre – zu sehen.
Im Mittelalter gab es besonders aufwendig gestaltete Scheibenkreuze, von denen sich einige erhalten haben. Eines der schönsten, das aus Niedersachsen stammt und im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts entstand, wird im Stift Kremsmünster (Oberösterreich) aufbewahrt.
Es besteht aus Kupfer, ist getrieben und teilvergoldet – ursprünglich waren auch die Kreuzbalken sowie der Ring verkleidet und mit Steinen besetzt – und zeigt zwischen den Schenkeln Bilder mit Themen der Auferstehung Christi: „Jesus und die drei Frauen am Grabe“, „die Himmelfahrt Christi“, „der Löwe erweckt seine totgeborenen Jungen durch sein Gebrüll zum Leben“ sowie „der Sonnenflug der Adler“ (3).
Christus am Kreuz als ernste Mahnung
Natürlich wäre es nicht richtig, jegliche Darstellung Christi am Kreuze abzulehnen. Sie wird und muß immer daran erinnern, daß der Gottessohn aus göttlichen Höhen in Liebe zu uns Menschen herabkam, um uns – die wir uns vollständig verirrt und in die Netze unseres Denkens und niederen Wollens verstrickt haben – die Wahrheit zu bringen und dafür letztlich auch in den Tod zu gehen, da der menschliche Haß stärker war als die Erkenntnis einzelner.
Das Bild des am Kreuze getöteten Gottessohnes bzw. das Leidenskreuz bringen nicht die Erlösung; darum müssen wir uns schon selbst bemühen, indem wir die Wahrheit aufnehmen und danach leben. So schreibt Abd-ru-shin: „So vermag auch der Kreuzestod Jesu nicht einfach Deine eigenen Sünden wegzuwaschen.
Sollte derartiges geschehen, so müßten vorher die ganzen Gesetze des Weltalls gestürzt werden. Das geschieht aber nicht. Jesus selbst beruft sich oft genug auf alles das, ‚was geschrieben steht‘, also auf das Alte. Das neue Evangelium der Liebe hat auch nicht die Absicht, das alte der Gerechtigkeit zu stürzen oder abzustoßen, sondern zu ergänzen. Es will damit verbunden sein.“ (4)
Die Gesetze des Kosmos
Die Gesetze des Weltalls oder die des ganzen Kosmos schwingen harmonisch in der Gestalt des Kreuzes. Dies wird u. a. auch durch Entdeckungen der modernen Naturwissenschaft anschaulich, die da und dort einen Blick in die Werkstatt der Schöpfung gewinnen kann. Besonders eindrucksvoll ist das Bild, das entsteht, wenn eine Platinspitze in 700.000facher Vergrößerung betrachtet wird.
Es sind hier natürlich nicht starre Kreuze zu sehen, sondern schwingende und kreisende Strukturen, die die „Kommunikation“ der Atome oder der „Materiefeldquanten“ mit den Energiefeldern bzw. den „virtuellen Photonen“ zeigt. (5) Dieses Bild zeugt von der gottgewollten Harmonie und Schönheit der Schöpfung.
Für den Menschen – für den Christen sowie für die Angehörigen anderer Religionen – besteht die Aufgabe, die Harmonie der Schöpfung auch in seinem eigenen Leben Wirklichkeit werden zu lassen. Wer sich auf diesem Weg befindet, für den mögen religiöse Symbole wichtige Wegbegleiter sein Sie können öffentlich werden, müssen es aber nicht, und sie machen auch nicht die Essenz des Lebens und Strebens aus.
Literatur:
(1) Theologische Realenzyklopädie, Bd. 19
(2) Vgl.: Tilo Schabert, Die Architektur der Welt. Eine kosmologische Lektüre architektonischer Formen. München 1997
(3) www.uni-klu.ac.at
(4) Abd-ru-shin, Im Lichte der Wahrheit, Gralsbotschaft, Bd. II, Stuttgart 1990
(5) Vgl.: www.alternativeumwelttechnik.de
Die christliche Gesellschaft und das Straßburger Urteil
Keltisches KreuzWer die wirkliche Substanz des gegenwärtigen christlichen Glaubens in Frage stellt, kann mit weniger Aufregung und Empörung rechnen als derjenige, der christliche Symbole in öffentlichen Räumen ablehnt. Offenbar fühlen sich christlich-katholische Kreise gegenüber einer säkularisierten Gesellschaft – sie wird gelegentlich auch als Spaßgesellschaft bezeichnet – wie mit dem Rücken zur Wand stehend und glauben nun, das Kreuz in öffentlichen Räumen als letzte Bastion verteidigen und zugleich den Staat als Schutzmacht anrufen zu müssen.
Doch der Staat und die europäischen Nationen können einem moralisch-religiösen Erosionsprozeß nicht Einhalt gebieten, und daher ist das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg durchaus konsequent. Interessanterweise wird nun die mögliche Überzeugung des einzelnen – ganz gleich, wie sie beschaffen sei – gegenüber dem bisherigen Monopol einer gesellschaftlichen Mehrheit geschützt, und dies ist durchaus zu begrüßen.
Historisches zum „griechischen Kreuz“
Das Kreuz war nicht immer ein christliches Zeichen. Anders als das Leidenskreuz bzw. Kruzifix wies das ältere griechische Kreuz jeweils gleichlange Schenkel auf. Dieses Kreuz war bereits in urgeschichtlicher Zeit, in den frühen Hochkulturen des Vorderen Orients, Amerikas und Asiens, ein weit verbreitetes Symbol. Als Radkreuz, also von einem Ring umgeben – so wird es auch als Sonnenzeichen angesehen -, läßt es sich zum Beispiel auf den Felszeichnungen der frühen Bronzezeit in Schweden, in der Provinz Bohuslän, nachweisen.
Das Rad- oder Sonnenkreuz erlangte als architektonische Grundform eine besondere Bedeutung für die Anlage zahlreicher Städte Europas und Asiens, und zwar sowohl durch seine Kreisform als auch durch seine Vierteilung: „In diesem Sinne ist die Roma quadrata als ‚viergeteilte‘ Stadt zu verstehen“ (1).
Dem Mythos zufolge wurde Rom auf dem Grundriß des Kreuzes im Kreis erbaut – die Weltachse
(Quelle: www.erratiker.ch)Das oben wiedergegebene Zitat spielt auf den durch Vitruv und Plutarch überlieferten Gründungsmythus Roms an, der sich folgendermaßen beschreiben läßt: Die Stadt – damit auch die Welt – baut sich von ihrem Mittelpunkt her auf, und zwar dort, wo auf dem Palatin „in einem augural-kultischen Akt“ – dem Erscheinen von zwölf Geiern am Himmel – von Romulus und Remus „eine runde Baugrube“ ausgehoben wurde. In diese Grube – genannt mundus, wie die Bezeichnung der Welt (!) – wurden „Spenden von allen guten und notwendigen Dingen“, u. a. Früchte sowie Erde aus der Heimat der Gründerstämme gegeben.
„Von diesem Mittelpunkt geht die Weltachse aus, die nach ‚unten‘, in die Erde, und zum Himmel reicht und so diese verbindet: an ihren Horizonten ist die Welt rund, und sie hat vier Ecken – Osten und Westen, Norden und Süden; zwischen diesen Polen verlaufen“ die beiden Achsen, „die sich in ihrem Mittelpunkt kreuzen; die Welt ist dadurch viergeteilt“.
– Die Stadt hat damit ihren Mittelpunkt, aber noch nicht ihren Umfang: Romulus läßt auf dem Palatin mit einem bronzenen Pflug den „sulcus primigenius ziehen, die Urfurche“ und kennzeichnet so die Grenzen der zukünftigen Stadt (2). Demnach liegt Rom auf einem kreuzförmigen Grundriß – annähernd im Kreis -, wobei die Weltachse durch den Mittelpunkt des Kreuzes geht. Zugleich kann man sagen: Wo Rom ist, ist auch die Welt!
Es ist aufschlußreich, daß die Weltachse, die eine zusätzliche, dritte Dimension eröffnet – nach ‚unten‘, in die Erde, und hinauf zum Himmel – nicht nur einen weltlichen, sondern auch einen geistigen Aspekt zeigt und auf die künftige Rolle Roms als Zentrum der Christenheit vorauszudeuten scheint. Die Weltachse kann – für die zu errichtende Architektur – raumzeitlich wie auch symbolisch verstanden werden, da sie ja nicht nur die Erde und den Himmel, sondern auch die Unterwelt und die Sphäre der olympischen Götter miteinander verbindet.
Das Pantheon als Abbild des Kosmos
Pantheon in RomDie Erfüllung des Gründungsmythos ergibt sich weniger durch die Entwicklung der Weltstadt Rom, die – neuzeitliche Entwicklungen vorwegnehmend – nach und nach über alle gegebenen Grenzen hinauswucherte, sondern durch ein einziges Gebäude: durch das Pantheon (S. Maria ad Martyres). Der nach dem Vorbild der Kuppelsäle römischer Thermen konzipierte Zentralbau blieb als einziges der antiken Bauwerke Roms fast völlig erhalten. Er wurde um 114 bis 123 n. Chr. errichtet und 609 als römisch-katholische Kirche geweiht.
Es handelt sich um eine Rotunde mit einer aus konzentrischen Ringen gebildeten und innen kassettierten Halbkreiskuppel aus Leichtbeton und einer Vorhalle. Wenn die Kuppel als Kugel nach unten fortgesetzt würde, würde sie gerade den Boden berühren. Die Wahl eines kuppelgewölbten Rundbaues mit dem oculus – dem offenen Auge – im Zenit hängt wohl auch mit der Intention zusammen, das Gebäude ‚allen Göttern‘ zu weihen, und ging damit auf einen Wandel religiöser Vorstellungen zurück.
Die Architektur vermittelt in ihrer großen Raumwirkung auch die Erfahrung, daß es hier wohl nicht mehr allein um die Beziehung des Menschen zu einzelnen anthropomorphen Gottheiten ging, sondern zugleich um ein Abbild eines alles überwölbenden Kosmos. Das Pantheon ist Vorbild für spätere Zentralbauten – wie zum Beispiel für die Hagia Sophia in Istanbul -, die in der sakralen Architektur immer eine besondere Bedeutung hatten und haben.
Die ersten christlichen Jahrhunderte und das Kreuzeszeichen
ChristusmonogrammAnders als die relativ späte Umwidmung des heidnischen Pantheons zur Kirche entwickelt sich bereits in den ersten Jahrhunderten nach Christus die Verwendung des griechischen Kreuzes als christliches Zeichen. Etwa gleichzeitig dient der Fisch als Christussymbol bzw. als Erkennungszeichen der Christen untereinander, wobei die griechischen Buchstaben des Wortes ICHTHYS (Fisch) als Abkürzungen für die Bezeichnungen: Jesus, Christus, Gottes-Sohn und Erlöser zu verstehen sind.
Im zweiten Jahrhundert entsteht auch das Christusmonogramm – das X und P ineinander geschrieben -, abgeleitet von den griechischen Buchstaben Chi und Rho. Christlichen Autoren zufolge gewahrte Kaiser Konstantin d. Große dieses Zeichen als Vision des Strahlenkreuzes, die ihn darin bestärkte, einen geplanten Kampf zu beginnen, der zunächst hoffnungslos erschien, jedoch dann siegreich endete (Schlacht an der Milvischen Brücke, 312 n. Chr.).
Das Kruzifix und das Leidenskreuz
Etwa in der Zeit, als das Christentum 380 n. Chr. zur Staatsreligion erhoben wird, sind die ersten bildlichen Darstellungen der Kreuzigung Christi nachweisbar. Seit dieser Zeit gewinnt auch das sogenannte lateinische Kreuz – das Leidenskreuz -, das einen nach unten verlängerten senkrechten Balken aufweist, an Bedeutung.
In den Jahrhunderten davor – etwa in den Katakomben Roms oder Neapels – beziehen sich Malereien niemals auf die Kreuzigung, sondern auf Themen, die mit der Mission Christi verbunden sind. So wird Christus vor allem als Guter Hirte dargestellt, als Verkörperung des Alpha und Omega, als Lehrer der Apostel, als Vermittler des göttlichen Wortes (Neapel) oder beim Abendmahl.
„Das Kreuz auf sich nehmen“
Platinspitze bei 700.000facher Vergrößerung (Quelle: www.physik.uni-bayreuth.de).Es mutet heute seltsam an, daß die Christen in der Zeit furchtbarster Verfolgungen zu ihrem Trost weder des Leidenskreuzes bedurften noch der Darstellung des Gottessohnes am Kreuz. Offenbar begriffen sie die Erlösung doch anders, als diese nach und nach durch die offizielle christliche Theologie dargestellt wurde – nicht durch den Kreuzestod Jesu, sondern durch die Nachfolge Christi, durch die überzeugte Tat, zu der der Gottessohn immer wieder aufgefordert hat: „Dann rief er das Volk samt seinen Jüngern herzu und sprach zu ihnen: Wenn einer mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten.“ (Lk. 9, 23)
Christus spricht dieses Wort zu einem Zeitpunkt aus, da ihm bewußt geworden ist, daß die Mehrheit der Menschen seinen Tod herbeiführen möchte. Wäre sein Kreuzestod notwendig gewesen und hätte dieser schreckliche Tod wirklich die Erlösung der Menschheit gebracht, hätte es sich eigentlich erübrigt, in dieser unbedingten Weise das Volk und die Jünger zur Nachfolge aufzufordern, ja dazu, das Kreuz auf sich zu nehmen! – Es verhält sich wohl so, daß Christus die Mahnung, jeder möge sein Kreuz auf sich nehmen und ihm nachfolgen, sowohl im übertragenen geistigen Sinne als auch wörtlich gemeint hat.
Diese Aufforderung wird von jedem anders umzusetzen gewesen sein: Galt es für den einen, in seinem Inneren Verzicht auf ein äußeres, durch die Gesellschaft bestätigtes Leben zu leisten – um damit der göttlichen Wahrheit zu folgen -, so konnte für einen anderen daraus in letzter Konsequenz auch der Märtyrertod folgen.
Das „Kreuz der Wahrheit“ – historische Apostel- und Scheibenkreuze
Wenn der Mensch sein Kreuz auf sich nimmt, um – im Dienst am göttlichen Wort und in Liebe zum Gottessohn – letztlich sein Leben zu gewinnen, nimmt er nicht das Kreuz des Leidens auf sich, sondern das Kreuz des göttlichen Wortes, das Kreuz der Wahrheit und der Erlösung – worauf Abd-ru-shin in der Gralsbotschaft hinweist. Sinnbildlich entspricht diesem das griechische Kreuz mit gleichlangen Schenkeln, das nicht von Tod und Leiden spricht, sondern von der Harmonie in dieser Schöpfung. Als Weihe- oder Apostelkreuz ist es noch heute an den Wänden katholischer Kirchen – manchmal auch auf den Antependien der Altäre – zu sehen.
Im Mittelalter gab es besonders aufwendig gestaltete Scheibenkreuze, von denen sich einige erhalten haben. Eines der schönsten, das aus Niedersachsen stammt und im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts entstand, wird im Stift Kremsmünster (Oberösterreich) aufbewahrt.
Es besteht aus Kupfer, ist getrieben und teilvergoldet – ursprünglich waren auch die Kreuzbalken sowie der Ring verkleidet und mit Steinen besetzt – und zeigt zwischen den Schenkeln Bilder mit Themen der Auferstehung Christi: „Jesus und die drei Frauen am Grabe“, „die Himmelfahrt Christi“, „der Löwe erweckt seine totgeborenen Jungen durch sein Gebrüll zum Leben“ sowie „der Sonnenflug der Adler“ (3).
Christus am Kreuz als ernste Mahnung
Natürlich wäre es nicht richtig, jegliche Darstellung Christi am Kreuze abzulehnen. Sie wird und muß immer daran erinnern, daß der Gottessohn aus göttlichen Höhen in Liebe zu uns Menschen herabkam, um uns – die wir uns vollständig verirrt und in die Netze unseres Denkens und niederen Wollens verstrickt haben – die Wahrheit zu bringen und dafür letztlich auch in den Tod zu gehen, da der menschliche Haß stärker war als die Erkenntnis einzelner.
Das Bild des am Kreuze getöteten Gottessohnes bzw. das Leidenskreuz bringen nicht die Erlösung; darum müssen wir uns schon selbst bemühen, indem wir die Wahrheit aufnehmen und danach leben. So schreibt Abd-ru-shin: „So vermag auch der Kreuzestod Jesu nicht einfach Deine eigenen Sünden wegzuwaschen.
Sollte derartiges geschehen, so müßten vorher die ganzen Gesetze des Weltalls gestürzt werden. Das geschieht aber nicht. Jesus selbst beruft sich oft genug auf alles das, ‚was geschrieben steht‘, also auf das Alte. Das neue Evangelium der Liebe hat auch nicht die Absicht, das alte der Gerechtigkeit zu stürzen oder abzustoßen, sondern zu ergänzen. Es will damit verbunden sein.“ (4)
Die Gesetze des Kosmos
Die Gesetze des Weltalls oder die des ganzen Kosmos schwingen harmonisch in der Gestalt des Kreuzes. Dies wird u. a. auch durch Entdeckungen der modernen Naturwissenschaft anschaulich, die da und dort einen Blick in die Werkstatt der Schöpfung gewinnen kann. Besonders eindrucksvoll ist das Bild, das entsteht, wenn eine Platinspitze in 700.000facher Vergrößerung betrachtet wird.
Es sind hier natürlich nicht starre Kreuze zu sehen, sondern schwingende und kreisende Strukturen, die die „Kommunikation“ der Atome oder der „Materiefeldquanten“ mit den Energiefeldern bzw. den „virtuellen Photonen“ zeigt. (5) Dieses Bild zeugt von der gottgewollten Harmonie und Schönheit der Schöpfung.
Für den Menschen – für den Christen sowie für die Angehörigen anderer Religionen – besteht die Aufgabe, die Harmonie der Schöpfung auch in seinem eigenen Leben Wirklichkeit werden zu lassen. Wer sich auf diesem Weg befindet, für den mögen religiöse Symbole wichtige Wegbegleiter sein Sie können öffentlich werden, müssen es aber nicht, und sie machen auch nicht die Essenz des Lebens und Strebens aus.
Literatur:
(1) Theologische Realenzyklopädie, Bd. 19
(2) Vgl.: Tilo Schabert, Die Architektur der Welt. Eine kosmologische Lektüre architektonischer Formen. München 1997
(3) www.uni-klu.ac.at
(4) Abd-ru-shin, Im Lichte der Wahrheit, Gralsbotschaft, Bd. II, Stuttgart 1990
(5) Vgl.: www.alternativeumwelttechnik.de
Autor: Dr. Christian Baur
