»Die Höhle der vergessenen Träume«
Das Abenteuer der Höhlenmalereien von Chauvet
Seit Werner Herzog mit seinem Dokumentarfilm über die steinzeitlichen Malereien in den südfranzösischen Chauvet-Höhlen – „Die Höhle der vergessenen Träume“ – Furore macht, wird erneut die Frage aktuell, wie und wann menschliche Kultur entstanden ist, was sie uns noch heute sagen kann und ob sie Teil unseres eigenen Erkenntnisprozesses ist.
Die Menschheit vor 35.000 Jahren im Spiegel eines Films
Der in 3D-Technik aufgenommene Film Herzogs ist ein bewegendes Dokument von Höhlenmalereien, die – 1994 entdeckt – dem breiten Publikum niemals zugänglich gemacht werden, denn die schlechten Erfahrungen mit den Malereien von Lascaux verbieten dies. Dort wurden die steinzeitlichen Kunstwerke durch den Tourismus nahezu zerstört, da sich in der Höhle extreme Klima- und Feuchtigkeitsschwankungen ergaben, was zur Schimmelbildung führte.
Kann der 3D-Film nun die Begegnung mit dem Original ersetzen? Die filmische Darstellung ist ein ganz eigenes Medium, das auch eine bestimmte Interpretation der Werke ergibt, doch sie vermag uns die Bilder so nahezubringen, daß sie zum Erlebnis werden. Zugleich wird das Zeitintervall von ca. 35.000 Jahren durch die wunderbaren Bilder der Pferde, Bisons, Mammuts, Höhlenbären und -löwen nahezu ausgelöscht. Herzog versucht zusätzlich in seinen Interviews und Kommentaren eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen, zum Beispiel zu den australischen Aborigenes, die noch vor 40 Jahren vergleichbare Malereien schufen: Nach dem Warum des Malens befragt, soll der betreffende „Künstler“ gesagt haben, er male gar nicht, sondern er sei nur „die Hand der Geister“.
Eine solche Brücke ins Jenseits ist ja zugleich ein Weg in die Zeitlosigkeit. Vermögen wir uns heute selbst besser zu erkennen, wenn wir an die Ursprünge menschlichen Gestaltens herangeführt werden? Sehnen wir uns angesichts der Bilder nach einer spontanen Beziehung zur Natur, zu den dargestellten Tieren zurück? Hoffen wir etwa, unsere gegenwärtig extrem gesteigerte Sexualität besser zu verstehen, wenn wir uns mit der Darstellung befassen, die einen Bison zeigt, der den Unterleib einer Frau umgreift?!
Die Interpretation der Geschichte
Die Begegnung mit der menschlichen Geschichte birgt immer zwei Möglichkeiten in sich: Entweder bestätigen wir nichts anderes als unsere mehr oder weniger gute oder schlechte Gegenwart, die Tendenz des bloßen Verweilens, eines letztlich trägen Verharrens im Hier und Jetzt – oder wir streben nach Veränderung und ahnen, daß unsere Urväter und Urmütter uns darin Beistand leisten können. So hat wohl der Mensch als Jäger und Sammler trotz oder wegen seines Existenzkampfes in und mit der Natur eine tiefere Beziehung zu ihr gehabt – damit auch zur Sexualität –, als es uns heute möglich ist. So sind die berührend lebendigen Darstellungen von Chauvet keine Wegweiser zurück in die Geschichte, sondern zu einer neuen, gewandelten Gegenwart jenseits der Ausbeutung und Zerstörung unserer von Gott geschenkten Lebenswelt.
Gab es damals schon Träume?
Wenn Werner Herzog von der „Höhle der vergessenen Träume“ spricht, meint er ja, es gehe nicht nur um unsere bloße Gegenwart, sondern ebenso um alles das, was wir vergessen haben, an das wir uns erinnern sollten – nicht als Wissenschaftler, sondern als Menschen. Wenn die Wissenschaftler die Höhle Punkt für Punkt vermessen, so vergleicht er dieses Sammeln von Daten mit den vier Millionen Eintragungen im Telefonbuch von Manhattan. Doch dieses Buch bleibt insgesamt stumm: Wir wissen nicht, wovon alle diese Millionen Menschen träumen.
Adalbert Stifter – er steht für unzählige andere Autoren – schrieb in den „Feldblumen“: „In den Wohnungen der Menschen gehen die Träume aus und ein, und die Nacht fördert ihr Werk“. Glücklich die Menschen, die noch Träume zulassen. Diese sollen die Seele in der Nacht nicht als bloßer Reflex des Tages beschweren, sondern sie – durch eine ganz andere Qualität – davon befreien.
Es geht also um Träume, die helfen können, den Alltag zu bestehen, nicht um Alltagsgedanken oder um trockenes Wissen. Herzog bezieht hier Stellung, wenn er den Begriff Homo sapiens – der kluge, wissende Mensch – als wenig überzeugend bezeichnet, da der Mensch, zumal heute, recht wenig weiß. Er würde den Steinzeitmenschen gerne Homo spiritualis nennen und spielt damit auf seine animistische Religiosität an. Wäre demnach der Homo sapiens – daß er den älteren Neandertaler verdrängt hat, ist inzwischen höchst fraglich geworden – also nicht der erste moderne Mensch, der selbstherrliche Empörer gegen die Götter und Gott, sondern einer, der noch in die Harmonie von Natur und Kosmos eingebunden war? Gehört zur Harmonie der Menschen mit der Natur zugleich die Fähigkeit, sie abbilden und nachzeichnen zu können? Um dies beantworten zu können, ist eine Zwischenbetrachtung erforderlich.
Was gestaltete der Mensch vor Chauvet?
In der Kunstgeschichtsschreibung war noch vor wenigen Jahrzehnten die Auffassung verbreitet, am Beginn alles Kunstschaffens sei die altsteinzeitliche Höhlenmalerei zu sehen. Spätere Stile – charakterisiert durch abstrahierend-geometrische Zeichensetzungen – wurden generell „dem Übergang von der älteren zur jüngeren Steinzeit“ zugeordnet. So schreibt etwa Arnold Hauser in seiner „Sozialgeschichte der Kunst und Literatur“ (1990): „Jetzt erst weicht die naturalistische, den Erlebnissen und der Erfahrung aufgeschlossene Einstellung einem geometrisch stilisierenden, sich vor dem Reichtum der Erfahrungswirklichkeit verschließenden Kunstwollen.“
Doch seit neun Jahren sind solche Betrachtungen vollständig überholt: Archäologen haben in Südafrika Gravuren gefunden, die auf das älteste menschliche „Kunstschaffen“ hindeuten: Ein Muster zeigt schräge, sich kreuzende Linien, die in Ockerstücke geritzt sind und von Forschern in Südafrika – in der sogenannten Blombos-Höhle – entdeckt wurden. Forscher sagen „Was das frühe Kunstwerk darstellen soll, bleibt ein Rätsel. Doch eines ist klar: Die Felsbrocken sind rund 77.000 Jahre alt – und damit deutlich älter als alle bekannten Kunstwerke der Steinzeit.“ (siehe Literatur-Links)
Nun könnte man fragen: Was sind denn geritzte, sich kreuzende Linien gegen die Tierdarstellungen von Chauvet? Können solche geometrische Zeichen wirklich schon als Kunstwerke angesehen werden?
Ich denke, die Bezeichnung Kunst ist weder angebracht noch erforderlich. Es handelt sich um Zeichen, die der Verständigung dienen, die aber auch symbolisch-sakralen Charakter haben können. Wir wissen es nicht! Diese Zeichen sind jedoch so einfach, daß es keines Künstlers bedarf, um sie einzuritzen. Dies dürfte entscheidend sein: Das Künstlerische hat sich noch nicht als eigener Bereich – als Traum – aus dem Lebenszusammenhang der damaligen Menschen herausgelöst.
Die Frage nach Kunst und Leben – die „Erfindung des Bildes“
Wenn Joseph Beuys 1967 in der Theorie der „Sozialen Plastik“ postulierte: „Jeder Mensch ist ein Künstler“, war dies der Versuch, das innerhalb der Gesellschaft zum großen Teil völlig isolierte moderne Kunstschaffen wieder ins Lebensganze einzubringen. Es mußte ein Versuch bleiben, denn letztlich konnte dieser intellektuell-politische Appell nicht eine Gesellschaft zusammenführen, deren schizophrenes Spezialistentum längst zementierte Realität war.
Man kann annehmen, daß das Auftreten von „Kunst“ in der Qualität der Höhlenmalereien von Chauvet bereits erste Tendenzen menschlicher Spezialisierung zeigt. Offenbar handelte es sich bei dem Künstler um einen Menschen, der als Jäger nicht so geschickt wie die anderen war, jedoch zeichnen konnte. Hier muß auf die Besonderheit der farbigen Abdrucke von Händen in der Höhle hingewiesen werden: Es läßt sich eine Hand immer wieder beobachten, deren kleiner Finger leicht verkrüppelt ist. War dies einer der Künstler?
Nun haben sich in der Höhle viele Generationen von Künstlern betätigt, nicht nur ein einziger. Doch dieser eine scheint ein besonderes Schicksal gehabt zu haben: Er konnte wohl mit der Kohle oder mit Ockerpigmenten besser umgehen als mit dem Speer! Hat er damit aus der Not eine Tugend gemacht? Anders gefragt: Sind die Darstellungen der Tiere und der Sexualität Abschied und Erinnerung an eine Phase des menschlichen Lebens, deren „Traum“ zu Ende ging, der vorher intensiv gelebt wurde und bisher keiner bildlichen Vergegenwärtigung bedurfte?
Es gibt auch die Auffassung – wenn es sich um die Jagd auf Tiere handelt –, daß die Darstellung die magische Vorwegnahme der Jagd sei. Bei den Tierdarstellungen von Chauvet gibt es keine derartigen Hinweise, doch ist das bildliche Festhalten der Objekte – dies ergänzt die weiter oben ausgesprochene These – zugleich deren Inbesitznahme. Damit erlebte der Homo sapiens, der im neuzeitlichen Sinne zum ersten Male künstlerisch tätig wurde, damals eine Phase des Verfestigens, eines Zitierens und Beschwörens dessen, was außerhalb der Höhle vor sich ging. Ist damit Werner Herzogs Meinung, er sei in Wahrheit der Homo spiritualis gewesen, zutreffend?
Es spricht vieles dafür, daß der Vorgänger des Höhlenmalers so bezeichnet werden könnte. Er scheint noch frei davon gewesen zu sein, das, was ihn umgibt, was ohnehin zu seiner Lebenswelt gehört, auch im Bild besitzen, dies möglichst genau, sprich naturalistisch abbilden zu wollen. Damit stellen die älteren geometrischen Zeichen, die aufgefunden wurden, keine „Stilisierung“ oder „Abstrahierung“ vom „Reichtum der Erfahrungs-wirklichkeit“ dar, sondern genügten den Frühmenschen in ihrer Einfachheit, sich untereinander oder mit den Geistern zu verständigen.
So eindrucksvoll und schön die Höhlenmalereien sind, so dürften sie in der menschlichen Entwicklung – im Prozeß seines Bewußtwerdens – nicht nur einen Gewinn darstellen, ein völlig neues, atemberaubendes Können, sondern auch einen Verlust: Mit dem Schritt, die Tiere darzustellen, ebenso die männlich-weibliche Sexualität, beginnt eine Art von zweiter Schöpfung: die menschliche Inbesitznahme und Deutung der Welt im Bild. Entspricht nun die menschliche Bildschöpfung – sie ist ein Spiegel seines Wollens – zugleich der ersten, dem Menschen gegebenen Schöpfung?
Die moderne Inflation der Bildwelt und das hohe Bild des Gottessohnes
Hier melden sich Zweifel an! Wenn es richtig ist, daß wir vom Homo sapiens abstammen, wenn wir überhaupt irgendwelche Gemeinsamkeiten mit ihm haben, dann muß es auch erlaubt sein, einen Zusammenhang mit den heutigen Denk- und Bildgewohnheiten zu sehen: Heute nehmen die Bilder in der Gesellschaft eine unglaubliche und zugleich oft mißbrauchte Rolle ein. Man denke an die gigantische Flut der digitalen Fotos von allem und jedem, an das Bild im Internet, an Facebook. Ohne Bilder scheint überhaupt nichts mehr zu gehen, kein Geschäft, keine Karriere. Auch wird mit nichts so getäuscht und getrickst wie mit Bildern! Sie sind wie Viren, die unser Immunsystem ständig attackieren. Es sei in diesem Zusammenhang auch daran erinnert, daß der Tourist auf Reisen dazu neigt zu fotografieren, statt zu schauen.
Auf der anderen Seite haben wir das gewaltigste „Foto“, das je entstanden ist, das Bild des Gottessohnes Jesus, das seine Lichtstrahlung auf das Leinen seines Leichentuches gebannt hat, das berühmte Grabtuch von Turin!
Die Menschheit vor 35.000 Jahren im Spiegel eines Films
Der in 3D-Technik aufgenommene Film Herzogs ist ein bewegendes Dokument von Höhlenmalereien, die – 1994 entdeckt – dem breiten Publikum niemals zugänglich gemacht werden, denn die schlechten Erfahrungen mit den Malereien von Lascaux verbieten dies. Dort wurden die steinzeitlichen Kunstwerke durch den Tourismus nahezu zerstört, da sich in der Höhle extreme Klima- und Feuchtigkeitsschwankungen ergaben, was zur Schimmelbildung führte.
Kann der 3D-Film nun die Begegnung mit dem Original ersetzen? Die filmische Darstellung ist ein ganz eigenes Medium, das auch eine bestimmte Interpretation der Werke ergibt, doch sie vermag uns die Bilder so nahezubringen, daß sie zum Erlebnis werden. Zugleich wird das Zeitintervall von ca. 35.000 Jahren durch die wunderbaren Bilder der Pferde, Bisons, Mammuts, Höhlenbären und -löwen nahezu ausgelöscht. Herzog versucht zusätzlich in seinen Interviews und Kommentaren eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen, zum Beispiel zu den australischen Aborigenes, die noch vor 40 Jahren vergleichbare Malereien schufen: Nach dem Warum des Malens befragt, soll der betreffende „Künstler“ gesagt haben, er male gar nicht, sondern er sei nur „die Hand der Geister“.
Eine solche Brücke ins Jenseits ist ja zugleich ein Weg in die Zeitlosigkeit. Vermögen wir uns heute selbst besser zu erkennen, wenn wir an die Ursprünge menschlichen Gestaltens herangeführt werden? Sehnen wir uns angesichts der Bilder nach einer spontanen Beziehung zur Natur, zu den dargestellten Tieren zurück? Hoffen wir etwa, unsere gegenwärtig extrem gesteigerte Sexualität besser zu verstehen, wenn wir uns mit der Darstellung befassen, die einen Bison zeigt, der den Unterleib einer Frau umgreift?!
Die Interpretation der Geschichte
Die Begegnung mit der menschlichen Geschichte birgt immer zwei Möglichkeiten in sich: Entweder bestätigen wir nichts anderes als unsere mehr oder weniger gute oder schlechte Gegenwart, die Tendenz des bloßen Verweilens, eines letztlich trägen Verharrens im Hier und Jetzt – oder wir streben nach Veränderung und ahnen, daß unsere Urväter und Urmütter uns darin Beistand leisten können. So hat wohl der Mensch als Jäger und Sammler trotz oder wegen seines Existenzkampfes in und mit der Natur eine tiefere Beziehung zu ihr gehabt – damit auch zur Sexualität –, als es uns heute möglich ist. So sind die berührend lebendigen Darstellungen von Chauvet keine Wegweiser zurück in die Geschichte, sondern zu einer neuen, gewandelten Gegenwart jenseits der Ausbeutung und Zerstörung unserer von Gott geschenkten Lebenswelt.
Gab es damals schon Träume?
Wenn Werner Herzog von der „Höhle der vergessenen Träume“ spricht, meint er ja, es gehe nicht nur um unsere bloße Gegenwart, sondern ebenso um alles das, was wir vergessen haben, an das wir uns erinnern sollten – nicht als Wissenschaftler, sondern als Menschen. Wenn die Wissenschaftler die Höhle Punkt für Punkt vermessen, so vergleicht er dieses Sammeln von Daten mit den vier Millionen Eintragungen im Telefonbuch von Manhattan. Doch dieses Buch bleibt insgesamt stumm: Wir wissen nicht, wovon alle diese Millionen Menschen träumen.
Adalbert Stifter – er steht für unzählige andere Autoren – schrieb in den „Feldblumen“: „In den Wohnungen der Menschen gehen die Träume aus und ein, und die Nacht fördert ihr Werk“. Glücklich die Menschen, die noch Träume zulassen. Diese sollen die Seele in der Nacht nicht als bloßer Reflex des Tages beschweren, sondern sie – durch eine ganz andere Qualität – davon befreien.
Es geht also um Träume, die helfen können, den Alltag zu bestehen, nicht um Alltagsgedanken oder um trockenes Wissen. Herzog bezieht hier Stellung, wenn er den Begriff Homo sapiens – der kluge, wissende Mensch – als wenig überzeugend bezeichnet, da der Mensch, zumal heute, recht wenig weiß. Er würde den Steinzeitmenschen gerne Homo spiritualis nennen und spielt damit auf seine animistische Religiosität an. Wäre demnach der Homo sapiens – daß er den älteren Neandertaler verdrängt hat, ist inzwischen höchst fraglich geworden – also nicht der erste moderne Mensch, der selbstherrliche Empörer gegen die Götter und Gott, sondern einer, der noch in die Harmonie von Natur und Kosmos eingebunden war? Gehört zur Harmonie der Menschen mit der Natur zugleich die Fähigkeit, sie abbilden und nachzeichnen zu können? Um dies beantworten zu können, ist eine Zwischenbetrachtung erforderlich.
Was gestaltete der Mensch vor Chauvet?
In der Kunstgeschichtsschreibung war noch vor wenigen Jahrzehnten die Auffassung verbreitet, am Beginn alles Kunstschaffens sei die altsteinzeitliche Höhlenmalerei zu sehen. Spätere Stile – charakterisiert durch abstrahierend-geometrische Zeichensetzungen – wurden generell „dem Übergang von der älteren zur jüngeren Steinzeit“ zugeordnet. So schreibt etwa Arnold Hauser in seiner „Sozialgeschichte der Kunst und Literatur“ (1990): „Jetzt erst weicht die naturalistische, den Erlebnissen und der Erfahrung aufgeschlossene Einstellung einem geometrisch stilisierenden, sich vor dem Reichtum der Erfahrungswirklichkeit verschließenden Kunstwollen.“
Doch seit neun Jahren sind solche Betrachtungen vollständig überholt: Archäologen haben in Südafrika Gravuren gefunden, die auf das älteste menschliche „Kunstschaffen“ hindeuten: Ein Muster zeigt schräge, sich kreuzende Linien, die in Ockerstücke geritzt sind und von Forschern in Südafrika – in der sogenannten Blombos-Höhle – entdeckt wurden. Forscher sagen „Was das frühe Kunstwerk darstellen soll, bleibt ein Rätsel. Doch eines ist klar: Die Felsbrocken sind rund 77.000 Jahre alt – und damit deutlich älter als alle bekannten Kunstwerke der Steinzeit.“ (siehe Literatur-Links)
Nun könnte man fragen: Was sind denn geritzte, sich kreuzende Linien gegen die Tierdarstellungen von Chauvet? Können solche geometrische Zeichen wirklich schon als Kunstwerke angesehen werden?
Ich denke, die Bezeichnung Kunst ist weder angebracht noch erforderlich. Es handelt sich um Zeichen, die der Verständigung dienen, die aber auch symbolisch-sakralen Charakter haben können. Wir wissen es nicht! Diese Zeichen sind jedoch so einfach, daß es keines Künstlers bedarf, um sie einzuritzen. Dies dürfte entscheidend sein: Das Künstlerische hat sich noch nicht als eigener Bereich – als Traum – aus dem Lebenszusammenhang der damaligen Menschen herausgelöst.
Die Frage nach Kunst und Leben – die „Erfindung des Bildes“
Wenn Joseph Beuys 1967 in der Theorie der „Sozialen Plastik“ postulierte: „Jeder Mensch ist ein Künstler“, war dies der Versuch, das innerhalb der Gesellschaft zum großen Teil völlig isolierte moderne Kunstschaffen wieder ins Lebensganze einzubringen. Es mußte ein Versuch bleiben, denn letztlich konnte dieser intellektuell-politische Appell nicht eine Gesellschaft zusammenführen, deren schizophrenes Spezialistentum längst zementierte Realität war.
Man kann annehmen, daß das Auftreten von „Kunst“ in der Qualität der Höhlenmalereien von Chauvet bereits erste Tendenzen menschlicher Spezialisierung zeigt. Offenbar handelte es sich bei dem Künstler um einen Menschen, der als Jäger nicht so geschickt wie die anderen war, jedoch zeichnen konnte. Hier muß auf die Besonderheit der farbigen Abdrucke von Händen in der Höhle hingewiesen werden: Es läßt sich eine Hand immer wieder beobachten, deren kleiner Finger leicht verkrüppelt ist. War dies einer der Künstler?
Nun haben sich in der Höhle viele Generationen von Künstlern betätigt, nicht nur ein einziger. Doch dieser eine scheint ein besonderes Schicksal gehabt zu haben: Er konnte wohl mit der Kohle oder mit Ockerpigmenten besser umgehen als mit dem Speer! Hat er damit aus der Not eine Tugend gemacht? Anders gefragt: Sind die Darstellungen der Tiere und der Sexualität Abschied und Erinnerung an eine Phase des menschlichen Lebens, deren „Traum“ zu Ende ging, der vorher intensiv gelebt wurde und bisher keiner bildlichen Vergegenwärtigung bedurfte?
Es gibt auch die Auffassung – wenn es sich um die Jagd auf Tiere handelt –, daß die Darstellung die magische Vorwegnahme der Jagd sei. Bei den Tierdarstellungen von Chauvet gibt es keine derartigen Hinweise, doch ist das bildliche Festhalten der Objekte – dies ergänzt die weiter oben ausgesprochene These – zugleich deren Inbesitznahme. Damit erlebte der Homo sapiens, der im neuzeitlichen Sinne zum ersten Male künstlerisch tätig wurde, damals eine Phase des Verfestigens, eines Zitierens und Beschwörens dessen, was außerhalb der Höhle vor sich ging. Ist damit Werner Herzogs Meinung, er sei in Wahrheit der Homo spiritualis gewesen, zutreffend?
Es spricht vieles dafür, daß der Vorgänger des Höhlenmalers so bezeichnet werden könnte. Er scheint noch frei davon gewesen zu sein, das, was ihn umgibt, was ohnehin zu seiner Lebenswelt gehört, auch im Bild besitzen, dies möglichst genau, sprich naturalistisch abbilden zu wollen. Damit stellen die älteren geometrischen Zeichen, die aufgefunden wurden, keine „Stilisierung“ oder „Abstrahierung“ vom „Reichtum der Erfahrungs-wirklichkeit“ dar, sondern genügten den Frühmenschen in ihrer Einfachheit, sich untereinander oder mit den Geistern zu verständigen.
So eindrucksvoll und schön die Höhlenmalereien sind, so dürften sie in der menschlichen Entwicklung – im Prozeß seines Bewußtwerdens – nicht nur einen Gewinn darstellen, ein völlig neues, atemberaubendes Können, sondern auch einen Verlust: Mit dem Schritt, die Tiere darzustellen, ebenso die männlich-weibliche Sexualität, beginnt eine Art von zweiter Schöpfung: die menschliche Inbesitznahme und Deutung der Welt im Bild. Entspricht nun die menschliche Bildschöpfung – sie ist ein Spiegel seines Wollens – zugleich der ersten, dem Menschen gegebenen Schöpfung?
Die moderne Inflation der Bildwelt und das hohe Bild des Gottessohnes
Hier melden sich Zweifel an! Wenn es richtig ist, daß wir vom Homo sapiens abstammen, wenn wir überhaupt irgendwelche Gemeinsamkeiten mit ihm haben, dann muß es auch erlaubt sein, einen Zusammenhang mit den heutigen Denk- und Bildgewohnheiten zu sehen: Heute nehmen die Bilder in der Gesellschaft eine unglaubliche und zugleich oft mißbrauchte Rolle ein. Man denke an die gigantische Flut der digitalen Fotos von allem und jedem, an das Bild im Internet, an Facebook. Ohne Bilder scheint überhaupt nichts mehr zu gehen, kein Geschäft, keine Karriere. Auch wird mit nichts so getäuscht und getrickst wie mit Bildern! Sie sind wie Viren, die unser Immunsystem ständig attackieren. Es sei in diesem Zusammenhang auch daran erinnert, daß der Tourist auf Reisen dazu neigt zu fotografieren, statt zu schauen.
Auf der anderen Seite haben wir das gewaltigste „Foto“, das je entstanden ist, das Bild des Gottessohnes Jesus, das seine Lichtstrahlung auf das Leinen seines Leichentuches gebannt hat, das berühmte Grabtuch von Turin!
Die „zweite Schöpfung“ des Menschen im Bild – Verlust und Gewinn
Wir können demnach Verlust und Gewinn mit der „Erfindung des Bildes“, vor allem des naturalistischen Bildes, sehr genau verbuchen: Nie zuvor war es dem Menschen möglich, aus der geschlossenen Lebenswelt mit der Natur herauszutreten. Mit dem ersten Bild von Tieren, von Sexualität, wurde entweder die Harmonie mit der Tierwelt bzw. mit den eigenen triebhaften Anlagen bewußt gemacht, intensiviert oder auch völlig verlassen. Der Mensch steht erstmals am Scheidewege einer eigenen, selbständigen zweiten Schöpfung.
Daß die zweite Schöpfung mit der ersten Schöpfung in Konflikt zu geraten begann, ist in den Höhlen von Chauvet nicht ohne weiteres ablesbar: Hier genügt es, sich nur an den biblischen Mythos vom Sündenfall zu erinnern, der sehr genau schildert, was es mit fehlgeleiteter menschlicher Erkenntnis auf sich haben kann.
Ein Indiz dafür, daß der Homo sapiens bereits vor 35.000 Jahren Schwierigkeiten hatte, seine Sexualität zu leben oder sie aus der Umklammerung durch den tierischen Trieb zu befreien, zeigt das Bild des Bisons, der den weiblichen Unterleib umgreift, oder die gleichalte Venus vom Hohlefels von der Schwäbischen Alb. Im Film wurde in diesem Zusammenhang – sicherlich sehr banal – ein verbaler Brückenschlag zu der sexbetonten amerikanischen Fernsehserie Baywatch versucht. Natürlich sind unsere westliche, aus den Fugen geratene Sexualität und der Kult weiblicher Fruchtbarkeit vor 35.000 Jahren etwas völlig Verschiedenes. Und doch scheinen mit Beginn einer neuen Bewußtseinsphase der Menschheit auch Schwierigkeiten damit aufgetreten zu sein, zu wissen, was Natur und natürlich ist.
Entwicklungen seit der Bronzezeit
Nun gibt es keinerlei Beweis dafür, daß der ältere „Homo spiritualis“ – wie er nun genannt werden könnte – in großer Harmonie mit der Natur und der Schöpfung und damit auch mit seiner eigenen Sexualität lebte. Doch das schöne an der menschlichen Geschichte ist es, daß sie letztlich nichts vergißt, da es immer wieder Spiegelungen älterer Epochen in den jüngeren gibt. Eine solche Spiegelung scheint mir die Entwicklung zu sein, die von den 4.500 Jahre alten Kykladenidolen der griechischen Inseln bis zu den um 1000 Jahre jüngeren spätminoischen Kunstzeugnissen auf Kreta reicht.
Bei den Kykladenidolen handelt es sich – von einigen Ausnahmen abgesehen – um meist weibliche Figuren aus weißem, stark kristallinem parischem Marmor in hockender Haltung, mit Armen, die unter den Brüsten verschränkt sind. (3) Der ovale, nach oben gebogene Kopf ist nur durch die Nase und die Ohren akzentuiert und zeigt nur manchmal den Ansatz von Augen. Der Mund fehlt. Die Figuren zeigen insgesamt eine archaische Einfachheit, die man auch geometrische Stilisierung nennen kann. Dies betrifft auch die weiblichen Geschlechts-merkmale, die sich keinesfalls in den Vordergrund drängen.
Der Ausdruck des nach oben gerichteten Antlitzes ist der eines großen, stillen Schauens, eines Schauens, das sich durch raumzeitliche Begriffe nicht erfassen läßt.
Geradezu gegensätzlich erscheinen die Skulpturen der spätminoischen Kleinkunst der Zeit um 1500 v. Chr. So ist die Fayencefigur der sogenannten Schlangengöttin, die wahrscheinlich eine Priesterin darstellt, vergleichsweise naturalistisch ausgebildet und wirkt mit ihren ausgestreckten Armen und dem entblößten Busen – trotz oder wegen der statuarischen Haltung – ebenso erotisch wie machtbetont. Das heißt, mit den Möglichkeiten des Menschen, die Phase der geometrisch-archaischen Stilisierung zu verlassen und mit der Naturnähe zugleich die raumzeitliche Dimension zu erobern, hat er sich dazu verführen lassen, das noch heute aktuelle Spiel von Eros und Macht zu inszenieren.
Der Mythos vom Minotaurus
Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, daß bei den Griechen des Festlands der Mythos vom ,,Minotaurus im kretischen Labyrinth“ entstand. Demnach bat einst König Minos von Kreta den Meeresgott Poseidon darum, zur Bestätigung seiner Herrschaft einen Stier zu senden. Dieser Bitte kam Poseidon nach und schenkte Minos einen schneeweißen Stier, der aus dem Meer an Land stieg. Doch der König, der zunächst gelobte, das Tier Poseidon zu opfern, behielt den Stier für sich. Als Strafe ließ Poseidon die Gattin des Minos, Pasiphae, in Leidenschaft zu dem Stier entbrennen. Aus der Verbindung Pasiphaes mit dem Stier ging der menschengestaltige, stierköpfige Minotaurus hervor. Um sich vor dem menschenfressenden Minotaurus zu schützen und auch, um diesen zu verbergen, ließ Minos durch den Künstler Dädalos ein Labyrinth erbauen. Dort hauste nun der Minotaurus. Von Zeit zu Zeit mußte das tributpflichtige Athen Jungfrauen und Jünglinge nach Kreta senden, die dem Minotaurus zum Fraß vorgeworfen wurden. Erst als der Held Theseus nach Kreta kam, die Liebe der Königstochter Ariadne gewann, mit dem ,,Faden der Ariadne“ gerüstet, ins Innere des Labyrinths drang, dort den Minotaurus tötete und wieder aus dem Labyrinth hinausfand, waren Athen und Kreta vom Wüten des Ungeheuers befreit. – Was verkörpert das Bild des Labyrinths und des Minotaurus anderes als den Menschen, der von einem sexuellen Dämon beherrscht, die rechte Orientierung im Leben verloren hat?! Sein Inneres, seine Seele ist zum Labyrinth geworden. Die Klarheit der Empfindungen und Gefühle ist getrübt. Und so kommt es, daß er, während er noch zu herrschen glaubt, schon seine Macht an andere abgeben muß, die noch frei von solchen zwanghaften Bindungen sind.
Der Mythos vom Minotaurus ist offenbar so alt, daß er auch dem Bison von Chauvet zu entsprechen scheint. Zugleich ist der Brückenschlag in die Gegenwart, zu Picassos Minotaurus-Zyklus, sehr naheliegend. Hier hat der Künstler seiner eigenen, kaum sublimierten Sexualität das Mäntelchen des Mythos und der Kunst verliehen. Picasso meint ja, Kunst sei „immer erotisch“. Es ist insofern etwas Wahres an diesem Wort, da vor allem das Bild erotisch-sexuell wirken kann, wobei es hier ganz unterschiedliche gesellschaftliche Ansprüche gibt, die von der Kunst bis zur Pornographie reichen.
Verführung durch das Bild – neue Bilder, eine „neue Zeit“
Einerseits heißt es, die Augen seien „das Tor zur Seele“, andererseits werden – sachlich betrachtet – die optischen Reize, die das Auge empfängt, in elektrische Signale umgewandelt und über die Nervenfasern zum Großhirn geleitet, wo die Wahrnehmung des Bildes entsteht. Einen großen Anteil haben hier die äußeren Reize – dazu gehören vor allem die sexuellen Signale –, die im sogenannten Kopfkino verarbeitet werden. Was aus dieser äußeren Welt der Reize im Bereich der Seele landet, baut ein Labyrinth auf, aus dem es keine Auswege mehr gibt. Nun gibt es auch Bilder, die aufgrund ihrer höheren Qualität über das Kleinhirn zum Sonnengeflecht – also zur inneren Empfindung – weitergeleitet werden. Es sind die Impulse und Bilder, die einen seelisch-geistigen Kern in sich tragen und die – schlicht gesagt – zum Herzen sprechen. Sie wären in der Lage, den Menschen aus dem seelischen Labyrinth zu befreien. Doch diese sind selten geworden, seit die Kunst Wege geht, die ihre Hilfe meist versagen.
Denn mit der „Revolution der modernen Kunst“ um 1910 wurde der Irrtum gepflegt, daß Bilder, die raumzeitlich zu verorten sind, zu keiner tieferen Aussage fähig sind. Diesen Irrtum haben die Väter der Moderne, allen voran Kandinsky, verbreitet. Sie haben sich vom Illusionismus und Materialismus der bisherigen Kunst losreißen wollen, indem sie eine neue, „geistige Kunst“ propagierten. Doch dies war letztlich nur eine Revolution des Kopfes – das absichtliche Aufheben raumzeitlicher Bindungen – nicht der des Gemütes.
Hier sind Fotografie und Film in die Bresche gesprungen: Sie haben – wegen des anderen Publikums – von vornherein mit einer intellektuellen Distanzierung nichts im Sinn gehabt. So scheint diese Kunstform stärker für die Zukunft offen zu sein als die meist „verkopfte“ Bildende Kunst, es sei denn, jene betätigt sich als Medium der Verführung zu Sexualität und Gewalt. Der Film kann auch ganz andere Bilder und Themen bringen, wie dies nicht nur Herzogs Film über Chauvet beweist.
Die Bilder einer „neuen Zeit“ knüpfen zunächst an die ältesten Bilder der Menschheit an und können uns irgendwann zu uns selbst zurückführen. Dies kann allerdings nur gelingen, wenn wir die ältesten kulturellen Zeugnisse des Menschen nicht nur andächtig verehren, sondern zum Ausgangspunkt einer Erkenntnisbemühung machen.
Literatur:
(1) Siehe: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,176441,00.html
(2) Siehe: http://cogweb.ucla.edu/ep/Art/BlombosOchre.jpg
(3) Siehe: http://www.bruchsal.org/sites/default/files/imagecache/medium/Kykladenidol.jpg + http://www.bruchsal.org/sites/default/files/Idol.JPG
(4) Siehe: http://www.belladonna.de/images/hauptkatalog/23103.jpg
Autor: Dr. Christian Baur
