Gefährliche Gedankenspuren
Stolpersteine auf dem Weg der geistigen Entwicklung
Gedanken üben einen machtvollen Einfluß auf das Wohlbefinden und die persönliche Entwicklung aus. Sie leiten unsere Entscheidungen und prägen unser Verhalten. Doch nicht alles, was wir denken, stammt ursprünglich tatsächlich aus uns selbst. Oft genug folgen wir – unkritisch und unbewußt – fremden Gedankenspuren und ahnen nicht, wie leicht beeinflußbar wir sind. Auch das, was wir als „innere Stimme“ des Geistes betrachten, kann von gedanklichen Erwägungen überlagert werden. Diese Gegebenheiten bilden gefährliche Stolpersteine auf dem Lebensweg, mit denen man rechnen sollte …
Autor: Werner Huemer
Unsere Gedankenwelt entsteht durch viele fremde Einflüsse, zum Beispiel aus Büchern oder Gesprächen, und bleibt diesen Einflüssen verbunden, bis man neue Wege sucht …
„Ich denke nur das, was ich selbst will, und empfinde unbeeinflußt von anderen!“ – Ohne weiter darüber nachzudenken, gehen wir meist davon aus, in allen unseren inneren Regungen ganz „wir selbst“ zu sein und unbeeinflußt das zu tun oder zu lassen, was wir selbst wollen. Aber inwieweit stimmt das wirklich?
Bei kritischer Selbstbetrachtung weicht dieses optimistische Selbstverständnis meist der Ernüchterung, und es zeigen sich weitreichende Abhängigkeiten. Selbst wer von sich meint, einen Weg der geistigen oder spirituellen Entwicklung gefunden und sich von hemmenden gesellschaftlichen Konventionen weitgehend befreit zu haben, sollte sich seiner Unabhängigkeit nicht allzu sicher sein …
„Ich denke nur das, was ich selbst will, und empfinde unbeeinflußt von anderen!“ Ist das wirklich so?
Der Halt durch vorgeprägte Gedankenspuren
Wer glaubt, sich als „Insel“ im Ozean des Lebens unbeeinflußt von anderen Menschen entwickeln zu können, täuscht sich zumeist. Im „Untergrund“ bestimmen fremde Einflüsse …
Zunächst gilt es eine grundlegende Gegebenheit zu beachten: Was immer wir Menschen sehen, hören oder sonstwie wahrnehmen, hinterläßt Spuren in unserem Denken. Niemand ist eine Insel und kann sich unbeeinflußt von anderen entwickeln. Jedes Kind wird geprägt durch die Ansichten seiner Eltern, Lehrer, Bekannten oder Freunde. Aber auch auf den Erwachsenen übt das gesellschaftliche Umfeld maßgeblichen Einfluß aus. Tradition, Konfession und Bildung prägen unseren gedanklichen Hintergrund, und ebenso bleibt niemand unberührt von den vielfältigen Anforderungen und Zielen im beruflichen und privaten Leben.
Wir alle folgen in unseren eigenen Gedanken also immer auch den Spuren anderer Menschen, dem Wissen und dem Weltbild anderer, dem Glauben und den Zweifeln anderer, dem Vorbild und der Lebensweisheit anderer.
Bildhaft könnte man ausdrücken: Uns alle umschweben „Wölkchen“ aus vorgefertigten Gedanken – teils eigenen, teils fremden Ursprungs –, die unser Handeln, unser Urteilsvermögen und auch unser Selbstverständnis maßgeblich beeinflussen. Unser gedanklicher Hintergrund wirkt sich auf die innere Haltung aus und gibt uns auch tatsächlich Halt, weil wir uns im irdischen Leben ja durch unser Denken selbst definieren.
Den meisten Menschen bereitet es keine Sorgen, wenn ihr persönliches „Gedankenwölkchen“ stark durch fremde Einflüsse geprägt ist. Viele haben offenbar sogar das Bedürfnis, ein fremdbestimmtes Leben zu führen – oder besser gesagt: sich fremdbestimmt führen zu lassen –, weil sie in dem, was viele andere machen, den bestmöglichen Halt zu haben glauben.
Mode-, Musik- und Sporttrends, sprachliche und andere kulturelle Gepflogenheiten oder der Wunsch, sich Glaubens- oder Gesinnungsgemeinschaften anzuschließen, zeugen vielfach davon.
Der Drang nach geistiger Freiheit
Andererseits aber verspüren wohl alle Menschen gelegentlich den Antrieb, sich von den Gedankenwelten, die sie umgeben und beeinflussen, freizuringen. Sie wollen ihr Leben selbst bestimmen, anstatt nur vorgeprägten Fährten zu folgen. Dieses Bedürfnis nach Freiheit und Eigenständigkeit zeigt sich beispielsweise in der Jugendzeit, wenn der Geist des Menschen im Bewußtsein durchbricht und unabhängig von den Eltern seine Spuren ziehen will. Und es zeigt sich aus gutem Grund, denn der Wunsch, das eigene Leben selbstverantwortlich zu gestalten, gehört untrennbar zum Menschsein.
Daher kann das Bedürfnis, sich von spürbaren Hemmungen freizuringen, auch später jederzeit wieder zur Wirkung kommen, etwa wenn jemand mit seinen Lebensverhältnissen unzufrieden ist und nach neuen Wegen sucht oder wenn in einem Menschen die Sehnsucht nach tieferem Wissen und Wahrheit erwacht und er sich mit dem, was ihm allgemein als Antwort auf seine Lebensfragen geboten wird, nicht mehr zufriedengeben mag.
In solchen Fällen zeigt sich der – bisweilen stark ausgeprägte – Wille, Gedankenspuren, die das Leben bisher beeinflußt und geführt haben, zu verlassen, eigene Gewohnheiten zu hinterfragen und Verhaltensweisen zu ändern.
Ein solcher Wandel gleicht dem Schritt auf einer Treppe: Während man vorher fest mit beiden Beinen (im Leben) gestanden war, verläßt man den sicheren Grund nun und tastet in erhöhter Wachsamkeit, suchend und offen, nach neuem Halt und sicherem Gleichgewicht. Dieser Aufbruch ist besonders weitreichend, wenn es um Weltanschauliches geht, wenn jemand also Veränderungen in seinem Gottes-, Welt- und Menschenbild erstrebt.
Eine Sackgasse abseits des Weges
„Wer suchet, der findet!“ So lautet eine Weisheit aus dem Erfahrungsschatz der Menschheit. Wer offenen Gemüts nach Neuem Ausschau hält, wird mit großer Wahrscheinlichkeit bald etwas Weiterführendes für sich entdecken. Vielleicht noch nicht jenen Heimathafen endgültiger Wahrheit, wo er sich zuletzt geistig angekommen fühlt, aber doch wenigstens einen Weg, der seine Sehnsucht nach einem sinnvolleren Leben oder nach tieferer Gotterkenntnis besser erfüllt.
Betrachten wir als Beispiel jemanden, der aus seiner Kirche austritt. Nicht, weil er plötzlich seinen Gottesglauben verloren hätte, sondern, wie wir hier annehmen wollen, wegen einer anderen Überzeugung: Er spürt, daß es für ein spirituelles Leben nicht ausreicht, die Sonntagsmesse zu besuchen und an den Erlöser einfach nur zu glauben. Deshalb schließt er sich einer Gemeinschaft an, die konkretere, direkt ins Alltagsleben eingreifende Ideale pflegt. Nehmen wir an, er verzichtet fortan auf den Konsum von Tabak, ernährt sich vegetarisch, sucht innere Ruhe in regelmäßigen Gebeten, belegt Seminare zur spirituellen Entfaltung und so weiter. Nach und nach nimmt sein Leben dadurch neue Formen an, die neuen Ideale führen zu neuen Erkenntnissen, neuen Bekanntschaften und eröffnen weitere Horizonte. Spürbar erfrischend und beglückend vollzieht sich für diesen Menschen eine Entwicklung; sein Innenleben orientiert sich an sinnvolleren Zielen und folgt den entsprechenden Leitlinien.
Erfahrungen dieser oder ähnlicher Art machen viele wahrheitssuchende Menschen, die den „Lebenskonzepten“ der breiten Masse kritisch gegenüberstehen. Doch ohne es zu bemerken, geraten sie manchmal auf ihrem neuen Weg in eine neue Sackgasse. Denn die fremden, alten Gedankenspuren von einst sind nun zwar glücklich überwunden, der Schritt auf der Treppe ist getan, dafür aber umschweben den Menschen im Kontakt mit Gleichgesinnten und unter dem Einfluß der jetzt für ihn gültigen Lehre viele neue „Wölkchen“ mit neuen Gedankenprägungen, die letztlich wieder hemmend wirken können.