„Es geht darum, das Innerste des Nächsten zu berühren und auch sich berühren zu lassen …“
Susanne Barknowitz ist Atem- und Psychotherapeutin in Innsbruck und Hauptautorin des Buches „Wege aus der Seelenkrise – Hilfe bei Ängsten und Depressionen“.
Im Interview mit dem GralsWelt-Redakteur Mehmet Yesilgöz spricht sie über ihre therapeutische Arbeit.
Autor: Mehmet Yesilgöz
Susanne Barknowitz
GralsWelt: Ich möchte das Gespräch mit einem kleinen Selbstversuch starten! Ich habe Angst vor diesem Interview! Dabei sind Sie doch eine nette Person, von der keine Bedrohung auszugehen scheint! Wieso verspüre ich im Augenblick dennoch dieses subtile Angstgefühl? Bin ich noch normal, oder geht das anderen auch so? Wie kann ich handlungsfähig bleiben?
Barknowitz (lacht): Das geht ganz vielen so, keine Sorge! Diese „Angst“, von der Sie hier sprechen, ist wohl eher Aufregung oder ein Spannungsgefühl, also das, was man landläufig als „Lampenfieber“ bezeichnet.
Sie können dem ganz einfach entgegenwirken, indem Sie sich beispielsweise ganz auf den Interviewpartner und den Inhalt des Gesagten einstellen und nicht sich selbst beobachten. Sobald Sie ganz bei Ihrem Mitmenschen und bei der Sache sind, vergeht auch die zwanghafte Eigenbeobachtung, und der natürliche Gesprächsfluß stellt sich wieder ein.
GralsWelt: Sie beschreiben in dem Buch „Wege aus der Seelenkrise“, daß der Angstneurotiker um keinen Preis leiden möchte. Welchen Sinn hat denn das persönliche Leid im Leben?
Barknowitz: Leid geschieht ja nie ohne einen ganz bestimmten Bezug zum eigenen Leben, zum Erleben der Person. Erschütterungen, wie der Tod eines geliebten Menschen, Krankheiten oder andere leidvolle Erfahrungen, sind Teil der eigenen Biographie, da passiert ja nichts wahllos.
Wenn der Betroffene nun diese Geschehnisse bejahend verarbeiten will, dann hat er die große Chance, etwas Wichtiges zu erkennen, und dadurch auch die Gelegenheit, etwas in seinem Leben in guter Weise umzustellen. Das dumpfe Leiden weicht einer klaren Antwort, und man kann gestärkt daraus hervorgehen.
GralsWelt: Und wenn er das nicht möchte, so wie das in unserer Gesellschaft mit Ängsten und Nöten eben der Fall ist? Leiden ist ja nicht gerade „in“! Die meisten Menschen sind doch eher darauf aus, alles Unliebsame so lange wie möglich zu ignorieren, es fernzuhalten und sich zudem noch abzulenken.
Barknowitz: Wenn von außen etwas Einschneidendes geschieht, z. B. der plötzliche Tod eines geliebten Menschen, dann wird die betroffene Person zwangsläufig einen Leidensdruck erleben, auch wenn er nach außen hin nicht leiden möchte.
Er kann sich dieses Momentes nicht erwehren, denn er leidet ja! Wenn er nun diese Tatsache annimmt, als Realität bejaht und dabei noch versucht, das Geschehene richtig einzuordnen, so kann er schließlich nicht nur etwas überwinden, sondern auch für sich innerlich Gewinn daraus ziehen.
GralsWelt: Und wie sieht das in der Praxis aus? Wie führen Sie Menschen an ein Problem heran, dem sie seit Jahren aus dem Wege gehen, weil sie sich davor fürchten?
Barknowitz: Ich „arbeite“ mit diesem Leid, versuche es als persönliche Konfrontation zu verdeutlichen und darauf hinzuweisen, daß sich an dieser Stelle etwas verändern muß.
Oft sind es visuelle Impulse, die ich einsetze, also z. B. das Bild des Steins, den man zur Seite räumen muß, um weitergehen zu können. Wichtig sind aber auch Schlüsselsätze wie: Warum lasse ich mich ständig verletzen? Was trage ich selbst dazu bei, daß ich ständig verletzt werde? Ist das lebenswert, so wie es ist?
Wonach sehnen Sie sich denn wirklich? Was können Sie dazu beitragen, daß Ihre Situation besser wird, und zwar Sie und nicht irgendwer? Der Patient muß sich letztlich auf das besinnen, was ihm wertvoll ist, was ihm lebenswert erscheint. Allein diese Fragen rütteln häufig schon sehr stark an alten Verkrustungen, sie berühren. Ich möchte, daß mein Gegenüber diese Konfrontation annimmt und sie als Chance zur Veränderung nutzt.
GralsWelt: Ist eigentlich Verlustangst oder – besser gesagt – die Angst, etwas Geliebtes zu verlieren, sich von etwas verabschieden zu müssen, der erste Impuls zu Fehlentscheidungen, die erste falsche Abzweigung zur Seelenkrise, zum Kontrollwahn?
Barknowitz: Nein, nicht immer. Häufig ist es eine ungeheuere innere Einengung, eine bestimmte Betrachtungsweise der Dinge, welche so einengt, daß die Seele nicht genug Platz zum Leben hat. Irgendwann wird es in einem so eng, daß man die Bedrückung als zu schwer empfindet und es nicht mehr zum Aushalten ist.
Vor kurzem hatte ich beispielsweise ein junges Mädchen in der Praxis, das bisher immer versuchte, alles im Leben über den Verstand zu kontrollieren. Das Überraschende war hierbei: die Depression, die sich nun bei ihr eingestellt hatte, nahm ihr diesen krankhaften Kontrollzwang komplett aus der Hand!
Wenn die Depression so stark ist, daß einem das Leben aus den Händen gleitet und nichts mehr wie gewohnt läuft, dann ist auch keine Kontrolle mehr möglich.
Hier finden wir dann einen Ansatzpunkt, um dieses komplexe Gebilde im Hintergrund und die gewohnten Muster der Vergangenheit verstehen zu lernen. An dieser Stelle der Therapie bietet sich auch die Möglichkeit an, endlich an den Menschen heranzukommen, ihm zu helfen. Ich könnte ihr beispielsweise in der Folge dabei helfen zu sehen, was ihr bisher an Lebendigem und damit auch Beweglichem in ihrem Leben fehlte.
Eine weitere wichtige Methode für mich ist die Körperarbeit, wie ich sie z. B. in der Atembehandlung anwende, weil mit ihr ein Schritt nach innen getan wird, indem über das Spüren der Zugang zum Innersten eröffnet wird.
Meist können die Menschen dabei eher loslassen, sich entspannen und allmählich wieder zu sich finden. Der Verstand tritt dabei etwas mehr in den Hintergrund. So kann man die eigene Einengung besser wahrnehmen und sie dann schließlich wieder in Worte fassen.
GralsWelt: Was macht man bei Existenzängsten, bei denen die Angst ja meist von außen geschürt wird oder von unvorhersehbaren Faktoren abhängt, wie z. B. von einem launischen Chef oder der Weltmarktlage? Hier beeinträchtigt ja jede Entscheidung auch das Geschick der eigenen Familie.
Barknowitz: Ich versuche das Problem gemeinsam mit dem Patienten nicht nur von außen zu betrachten. Meist steht ja hinter dem offensichtlichen Problem ein ganz anderes Problem.
Wenn ein Mensch sich seinem launischen Chef bis zur Unterwürfigkeit anpaßt, dann ist er dabei natürlich auch todunglücklich – unglücklicher sogar, als wenn er eine Weile arbeitslos wäre! Die meisten Karrierebestrebungen gehen doch auf Kosten des eigenen Inneren, das irgendwann einmal über den Körper oder über psychische Störungen rebelliert.
Eigentlich ist mein wichtigstes Ziel, daß sich die Menschen wieder trauen, die eigenen Fähigkeiten, die sie in sich tragen, auch zu leben, da ich überzeugt bin, daß hierin sogar eine Verpflichtung liegt! Wenn sie mit dieser Arbeit an sich selbst beginnen, ergeben sich fast gesetzmäßig neue Möglichkeiten.
GralsWelt: Wenn aber ein Mensch über Jahrzehnte des Stillstands infolge eines bestimmten Lebensumstandes sein Innerstes wieder zu entdecken beginnt, dann steht so jemand doch plötzlich auch vor dem Nichts, oder?
Er hatte ja all die Jahre ein ganz anderes „Überlebenskonzept“ gepflegt. Die sozialen Fähigkeiten und die persönliche Empfindungsfähigkeit können ja nur sehr mangelhaft ausgebildet sein, da sie über den alten „Modus“ eher wenig benötigt wurden.
Barknowitz: Er braucht kein Konzept für sein Leben! Er braucht nur zu spüren, zu empfinden, was für ihn passend und stimmig ist. Ein passendes Konzept oder Patentrezepte habe ich für ihn ja auch nicht parat! Ich kann ihn lediglich darin bestärken, den inneren Notwendigkeiten zu folgen.
Das hört sich im ersten Augenblick vielleicht banal an, doch in Wirklichkeit ist dieser Prozeß der Umstellung höchst erstaunlich. Es ist einfach ergreifend, wenn der eigentliche Mensch dort innen wieder beginnt, so zu leben, wie er in Wirklichkeit ist. Dieses wahrhaftige Ich ist bei fast allen durch Anpassung aus verschiedensten Gründen sehr stark zugeschüttet.
Die mangelnde Identität ist hierbei eine der Hauptursachen, daß ein Mensch überhaupt in die „Störungen“ gerät. Über Jahre, Jahrzehnte oder gar Inkarnationen hinweg läuft diese Anpassung, und dies alles nur, um nicht verletzt zu werden, um anerkannt zu werden, um einen Platz in der Gesellschaft zu haben.
Diese Mechanismen sitzen in fast allen so dermaßen tief, daß sich daraus sichtbare Störungen entwickeln, die das Innerste in seinen Entfaltungsmöglichkeiten blockieren. Fast niemand ist heute noch er selbst! Es ist aber erstaunlich, welche neuen Möglichkeiten sich ergeben, wenn sich jemand auf den Weg begibt, wenn er die Frage spürt: Was ist denn überhaupt meine Aufgabe in diesem Leben? Wo ist mein Platz? Was liegt mir denn wirklich?