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Uri Cane

Verblüffende Unmittelbarkeit

Jazzmusiker interpretieren klassische Werke: Mozart mit Uri Cane

Wer kennt das nicht? Man ist zu einem Konzert gekommen. Erlesene Interpreten schicken sich an, zu Recht unvergessene Meisterwerke klassischer Musik neu aus der Taufe zu heben. Man freut sich etwa auf Mozarts g-Moll-Symphonie, eine Klaviersonate oder etwas aus einer Oper. Die Musik beginnt … da hat sich plötzlich im Kopf ein Schalter umgelegt, und wir denken ungewollt: Schon wieder diese Melodie! War das neulich in einem Werbespot, war es die Hintergrundmusik im Wartezimmer des Facharztes für bildgebende Diagnostik, hörte ich das als Handyton? Oder war es in der Telefon-Warteschleife meiner Reisebüro-Hotline? Man sitzt heute irgendwie in einem goldenen Käfig, wird von Klängen einfach übergossen und fühlt sich dennoch unbeteiligt, übersättigt. Dabei möchte man doch so gerne das musikalische Wesen des Gehörten spüren!

Als Beitrag der ganz anderen Art zum Mozart-Jubiläumsjahr 2006 hat in den Niederlanden der Pianist Uri Caine (sprich: Juri Kein) mit einem Kreis von Jazz- und Weltmusikern eine Mozart-CD zur Einspielung gebracht, die an dieser Stelle nachträglich gewürdigt werden soll, weil Caines Interpretationen, so ungewöhnlich sie sind, mitten ins Zentrum mozartischer Musik führen.

Der Allegro-Anfangssatz der Sonate KV 545 für Klavier solo etwa ist wahrscheinlich jedem hinlänglich bekannt. Viel zu bekannt, möchte man meinen. Doch nein! Uri Caines improvisatorische Fantasien brechen zunächst abrupt mit allem Gewohnten und führen in einem beinahe anarchistischen Gestaltungswillen in ungeahnte Weiten – und gerade damit überraschend wieder mitten ins Herz von Mozarts Musik! Sie befinden sich gewissermaßen immer darin! In dem Moment, in dem man meint, die Interpreten würden sich nun endgültig vom Stück verabschieden und nur mehr ihre eigenen Wege gehen, ist Mozart überraschend wieder da wie der Faden der Ariadne, und man spürt, daß er ohnehin nie weg war!
So geht es dem Hörer auch mit den anderen Stücken auf diesem Tonträger: schäumende Lebensfreude hier, Eintauchen in eine orientalische Traumwelt dort. Nicht der „Marsch alla turca“ ist jetzt gemeint (der ohnehin auch), nein: wir befinden uns vielmehr in einer ungewohnten Einleitung zur großen g-Moll-Symphonie! Wenn das Hauptthema danach einsetzt, eröffnet sich eine völlig neue Erlebniswelt dieses Monumentalwerks. Eine Erlebniswelt, die im normalen Musikbetrieb völlig untergeht, jedoch durch und durch den so vielseitigen, universalen Geist Mozarts atmet!

Auf diese Weise kommen noch acht andere Stücke dran, und bei jedem – wenn auch noch so oft gehört – schließt sich Neues auf. Der langsame Satz der Jupitersymphonie ist darunter, das Finale des Klarinettenquintetts und auch manches aus populären Mozart-Opern.

Uri Caine und seine Freunde gehen es zunächst scheinbar naiv an und graben dann beharrlich Wege zu Mozarts Musik, die in ihrer Unmittelbarkeit verblüffen. Ihre Stärke ist die offensichtliche Absicht, sich auch bei einer Ikone wie Mozart um keinerlei Konvention zu kümmern. So ist ihr Blick unverstellt. Hat jemand mit klassischer Musik auch nichts am Hut, Mozart wird zur Überraschung auch für diesen – und das alles fern jeder vielleicht modisch „verswingenden Behübschung“. Überraschungen warten hier jedoch auch gerade für den, der meint, schon alles genau zu kennen! Natürlich: man muß zwar dafür durchaus nicht gerade ein Jazzfan sein, Voraussetzung für einen Zugang zu dieser Produktion ist aber schon ein offenes Ohr und Herz für die spontane Ton- und Klangsprache dieser Musik. Uri Caine sitzt am Klavier, mit ihm wirken zusammen: Joyce Hammann (Violine), Chris Speed (Klarinette), Ralph Alessi (Trompete), Nguyen Le (E- Gitarre), DJ Olive (Elektronik), Drew Gress (Baß) und Jim Black (Schlagzeug).



Anmerkung:
„Uri Caine Ensemble plays Mozart“
Music Edition Winter & Winter, München 2006
www.winterandwinter.com
N°910 130-2 LC 02829

 


Wer kennt das nicht? Man ist zu einem Konzert gekommen. Erlesene Interpreten schicken sich an, zu Recht unvergessene Meisterwerke klassischer Musik neu aus der Taufe zu heben. Man freut sich etwa auf Mozarts g-Moll-Symphonie, eine Klaviersonate oder etwas aus einer Oper. Die Musik beginnt … da hat sich plötzlich im Kopf ein Schalter umgelegt, und wir denken ungewollt: Schon wieder diese Melodie! War das neulich in einem Werbespot, war es die Hintergrundmusik im Wartezimmer des Facharztes für bildgebende Diagnostik, hörte ich das als Handyton? Oder war es in der Telefon-Warteschleife meiner Reisebüro-Hotline? Man sitzt heute irgendwie in einem goldenen Käfig, wird von Klängen einfach übergossen und fühlt sich dennoch unbeteiligt, übersättigt. Dabei möchte man doch so gerne das musikalische Wesen des Gehörten spüren!

Als Beitrag der ganz anderen Art zum Mozart-Jubiläumsjahr 2006 hat in den Niederlanden der Pianist Uri Caine (sprich: Juri Kein) mit einem Kreis von Jazz- und Weltmusikern eine Mozart-CD zur Einspielung gebracht, die an dieser Stelle nachträglich gewürdigt werden soll, weil Caines Interpretationen, so ungewöhnlich sie sind, mitten ins Zentrum mozartischer Musik führen.

Der Allegro-Anfangssatz der Sonate KV 545 für Klavier solo etwa ist wahrscheinlich jedem hinlänglich bekannt. Viel zu bekannt, möchte man meinen. Doch nein! Uri Caines improvisatorische Fantasien brechen zunächst abrupt mit allem Gewohnten und führen in einem beinahe anarchistischen Gestaltungswillen in ungeahnte Weiten – und gerade damit überraschend wieder mitten ins Herz von Mozarts Musik! Sie befinden sich gewissermaßen immer darin! In dem Moment, in dem man meint, die Interpreten würden sich nun endgültig vom Stück verabschieden und nur mehr ihre eigenen Wege gehen, ist Mozart überraschend wieder da wie der Faden der Ariadne, und man spürt, daß er ohnehin nie weg war!
So geht es dem Hörer auch mit den anderen Stücken auf diesem Tonträger: schäumende Lebensfreude hier, Eintauchen in eine orientalische Traumwelt dort. Nicht der „Marsch alla turca“ ist jetzt gemeint (der ohnehin auch), nein: wir befinden uns vielmehr in einer ungewohnten Einleitung zur großen g-Moll-Symphonie! Wenn das Hauptthema danach einsetzt, eröffnet sich eine völlig neue Erlebniswelt dieses Monumentalwerks. Eine Erlebniswelt, die im normalen Musikbetrieb völlig untergeht, jedoch durch und durch den so vielseitigen, universalen Geist Mozarts atmet!

Auf diese Weise kommen noch acht andere Stücke dran, und bei jedem – wenn auch noch so oft gehört – schließt sich Neues auf. Der langsame Satz der Jupitersymphonie ist darunter, das Finale des Klarinettenquintetts und auch manches aus populären Mozart-Opern.

Uri Caine und seine Freunde gehen es zunächst scheinbar naiv an und graben dann beharrlich Wege zu Mozarts Musik, die in ihrer Unmittelbarkeit verblüffen. Ihre Stärke ist die offensichtliche Absicht, sich auch bei einer Ikone wie Mozart um keinerlei Konvention zu kümmern. So ist ihr Blick unverstellt. Hat jemand mit klassischer Musik auch nichts am Hut, Mozart wird zur Überraschung auch für diesen – und das alles fern jeder vielleicht modisch „verswingenden Behübschung“. Überraschungen warten hier jedoch auch gerade für den, der meint, schon alles genau zu kennen! Natürlich: man muß zwar dafür durchaus nicht gerade ein Jazzfan sein, Voraussetzung für einen Zugang zu dieser Produktion ist aber schon ein offenes Ohr und Herz für die spontane Ton- und Klangsprache dieser Musik. Uri Caine sitzt am Klavier, mit ihm wirken zusammen: Joyce Hammann (Violine), Chris Speed (Klarinette), Ralph Alessi (Trompete), Nguyen Le (E- Gitarre), DJ Olive (Elektronik), Drew Gress (Baß) und Jim Black (Schlagzeug).



Anmerkung:
„Uri Caine Ensemble plays Mozart“
Music Edition Winter & Winter, München 2006
www.winterandwinter.com
N°910 130-2 LC 02829

 



Autor: Peter Klaus

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  • Uri Caine
  • Wolfgang Amadeus Mozart

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Peter Klaus

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