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Franz Schmidt

Musik, „die man ins Jenseits hinübernimmt“

Eine Würdigung des viel zu wenig bekannten österreichischen Komponisten Franz Schmidt (1874–1939)


Franz Schmidt, ca. 1902-1904 … in den 1920er Jahren … und etwa 1937/1938
Es war gewissermaßen über Nacht, daß ich anläßlich eines Konzertes in der Alten Oper Frankfurt den österreichischen Komponisten Franz Schmidt kennenlernte – genauer gesagt, nicht ihn, sondern die wunderbare Musik, die er uns in seiner 4. Sinfonie hinterließ. Zunächst war ich schlichtweg sprachlos, was sicherlich mit der hinreißenden Interpretation des HR-Sinfonieorchesters zusammenhing, geleitet von Markus Stenz, der an jenem Abend als Gastdirigent vom Rhein an den Main gekommen war. Ein Werk von derartig hoher Qualität und Geisteskraft hatte ich unter diesem mir bis dahin völlig unbekannten Komponistennamen nicht erwartet, und beim Verlassen des Konzertsaales las ich in vielen Gesichtern, daß ich bei weitem nicht der einzige war, dem es so erging.

Franz Schmidt wurde am 22. Dezember 1874 in Preßburg, dem heutigen Bratislava, geboren. Er studierte in seiner Jugend zunächst Klavier, überwarf sich jedoch bald mit seinem Lehrer wegen dessen veralteten Interpretationsstils. 1888 übersiedelte die Familie nach Wien und ermöglichte damit dem Hochbegabten ein Studium am damaligen „Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde“, das er 1896 mit Auszeichnung abschloß. Von 1896 bis 1911 war er Mitglied der Wiener Philharmoniker und bis 1914 Solocellist im Hofopernorchester, dem heutigen Orchester der Wiener Staatsoper. Als Pädagoge für Klavier, Violoncello, Kontrapunkt und Komposition bildete er an der „Akademie für Musik und darstellende Kunst“ zahlreiche später bedeutende Musiker, Dirigenten und Komponisten aus; von 1925 bis 1931 war er auch Direktor beziehungsweise Rektor dieser traditionsreichen Ausbildungsstätte. Sein musikalisches Gedächtnis und seine Literaturkenntnisse zu allen musikalischen Gattungen sollen phänomenal gewesen sein. Aus gesundheitlichen Gründen gab er jedoch 1937 seine gesamte Lehrtätigkeit auf. Franz Schmidt war als Solist, Kammermusiker, Begleiter und Dirigent gleichermaßen anerkannt und gefeiert; sein geselliges Wesen ließ ihn zum geschätzten Mitglied der Wiener Gesellschaft werden.

Nach dem Tod Alban Bergs und Franz Schrekers sowie der Emigration Arnold Schönbergs galt er als der bedeutendste Komponist in Österreich. Viele Auszeichnungen und die Ehrendoktorwürde der Universität Wien bezeugen die ihm entgegengebrachte hohe Wertschätzung.

Franz Schmidts Privatleben stand dagegen in krassem Gegensatz zur erfolgreichen beruflichen Laufbahn. Seine erste Frau wurde ab 1919 in einer Wiener Nervenheilanstalt stationär behandelt und drei Jahre nach seinem Tod von den Nazis umgebracht. Seine einzige Tochter Emma verstarb völlig unerwartet nach der Geburt ihres ersten Kindes. Der niedergeschlagene Vater bezeichnete das bewegende Adagio der 4. Sinfonie als „Requiem für meine liebe Tochter“. Die zweite Ehe mit einer wesentlich jüngeren Frau brachte dem bereits mit schweren gesundheitlichen Problemen kämpfenden Künstler dann nochmals eine Stabilisierung. Am 11. Februar 1939 verstarb er jedoch im Alter von 64 Jahren in Perchtoldsdorf bei Wien.
Franz Schmidt zählt zu den Komponisten der österreichischen Spätromantik. Seine Musik zeichnet sich durch eine charakteristische Klangsprache mit sehr feinen Harmonisierungen aus. Er liebte die große Orchesterbesetzung, den monumentalen oratorischen Ausdruck.

Auf konservativem Boden stehend, gelang es ihm, das Erbe von Johannes Brahms und Anton Bruckner zu verfeinern und zu erhöhen.

Strenge motivische Arbeit, kontrapunktische Durchzeichnung und die Freude an der Variation verbinden sich zu einer alles übersteigenden Synthese.

Sein nicht sehr umfangreiches, aber qualitativ hochstehendes Werk umfaßt zwei Opern („Notre Dame“, „Fredigundis“), ein Oratorium („Das Buch mit sieben Siegeln“), vier Sinfonien, Orchesterwerke, zwei Klavierkonzerte, Kammermusik und ein umfangreiches Orgeloeuvre mit Einzel- und Sammelwerken.

Wenige Monate vor seinem Tod komponierte er noch zwei Auftragswerke für den einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein. Franz Schmidt brach körperlich zusammen, er fand aber in seinem musikalischen Schaffen einen großen seelischen Halt, nicht zuletzt durch die 4. Sinfonie (1933) und ganz besonders durch sein Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“, das er im Februar 1937 vollendete und mit dem er sein schöpferisches Leben krönte.

Die 4. Sinfonie ist ein ergreifendes musikalisches Dokument der seelischen Vorgänge des Komponisten beim Verlust seiner geliebten Tochter. Sie besteht aus vier ineinander übergehenden Sätzen und beginnt mit einem expansiven Trompetenthema – ein wiederkehrendes Motto. Schmidt beschrieb es als „die letzte Musik, die man ins Jenseits hinübernimmt, nachdem man unter ihren Auspizien geboren wurde und gelebt hat“. Es folgt jedoch keine Vision des Jenseits, sondern eine weite Auseinandersetzung mit dem Leben … Das Werk wurde 1934 in einem Konzert zwischen Schumanns Klavierkonzert und Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ uraufgeführt.

Diese Plazierung sollte sich leider als symbolisches Vorzeichen für seinen späteren Ruf bewahrheiten, als „österreichischer Kleinmeister“ irgendwo zwischen den bekannten Komponisten der deutschen Romantik und der Moderne des 20. Jahrhunderts eingereiht zu werden. Es gibt in unseren Tagen bisher nur wenige Dirigenten, die genauer in das kompositorische Erbe Franz Schmidts geschaut haben – dabei gäbe es eine Menge zu entdecken!

»Es gibt kein Zuviel des Empfindens, und was man so nennt, ist immer noch zu wenig. All das Schweben und Schaukeln der Empfindung ist kein Zuviel; denn wer empfindet, der soll so viel empfinden, als er nur immer kann und dann womöglich noch mehr. Wenn er dann stirbt, so ist’s nicht in Sünden, denn es gibt nichts Gewisseres als Empfundenes oder Geglaubtes …«

Felix Mendelssohn Bartholdy

Nach dem besagten Frankfurter Konzert suchte ich nach einer guten Aufnahme und fand einige interessante Einspielungen. Eine davon ist eine Aufnahme mit dem Detroit Symphony Orchestra unter der Leitung von Neeme Järvi, eine andere eine Einspielung mit Franz Welser-Möst und dem London Philharmonic Orchestra. Die zuletzt genannte bietet bei geringem Kaufpreis (EMI Classics) eine akzeptable Einführung in die Musik.

Obwohl die Struktur der Komposition gut heraus gearbeitet wurde, wird der Kopfsatz leider sehr schnell gespielt, wobei wesentliche Elemente des Klanges verlorengehen. Die Aufnahme unter der Leitung von Neeme Järvi ist hierbei ausgewogener, wirkt aber an einigen wenigen Stellen etwas blaß. Sie ist außerdem nur in einer Box zusammen mit allen drei anderen Sinfonien erhältlich. Wer also später mehr von Franz Schmidt hören möchte, kann hier beim Label Chandos getrost zugreifen.

Die Einspielung, die ich empfehlen möchte, ist eine Aufnahme aus dem Jahr 1972 mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Zubin Mehta (zusammen mit einer Aufnahme der 2. Mahler-Sinfonie von 1975 als Doppel-CD bei Decca London, Nr. 440 615-2). Leider fehlt auf der Vorderseite der CD-Hülle – charakteristisch für die Unbekanntheit des Komponisten – jeglicher Hinweis auf das hier besprochene Werk, und ärgerlich sind zusätzlich die falschen Zeitangaben für den 3. und 4. Satz auf der Rückseite. Dennoch möchte ich diese Aufnahme hervorheben, da sie meinem Konzerterlebnis musikalisch am nächsten kommt … soweit eine Konserve überhaupt mit einer im Konzertsaal zelebrierten Sinfonie verglichen werden kann.



Internet:
Franz-Schmidt-Gesellschaft:
www.franzschmidtgesellschaft.at



Franz Schmidt, ca. 1902-1904 … in den 1920er Jahren … und etwa 1937/1938
Es war gewissermaßen über Nacht, daß ich anläßlich eines Konzertes in der Alten Oper Frankfurt den österreichischen Komponisten Franz Schmidt kennenlernte – genauer gesagt, nicht ihn, sondern die wunderbare Musik, die er uns in seiner 4. Sinfonie hinterließ. Zunächst war ich schlichtweg sprachlos, was sicherlich mit der hinreißenden Interpretation des HR-Sinfonieorchesters zusammenhing, geleitet von Markus Stenz, der an jenem Abend als Gastdirigent vom Rhein an den Main gekommen war. Ein Werk von derartig hoher Qualität und Geisteskraft hatte ich unter diesem mir bis dahin völlig unbekannten Komponistennamen nicht erwartet, und beim Verlassen des Konzertsaales las ich in vielen Gesichtern, daß ich bei weitem nicht der einzige war, dem es so erging.

Franz Schmidt wurde am 22. Dezember 1874 in Preßburg, dem heutigen Bratislava, geboren. Er studierte in seiner Jugend zunächst Klavier, überwarf sich jedoch bald mit seinem Lehrer wegen dessen veralteten Interpretationsstils. 1888 übersiedelte die Familie nach Wien und ermöglichte damit dem Hochbegabten ein Studium am damaligen „Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde“, das er 1896 mit Auszeichnung abschloß. Von 1896 bis 1911 war er Mitglied der Wiener Philharmoniker und bis 1914 Solocellist im Hofopernorchester, dem heutigen Orchester der Wiener Staatsoper. Als Pädagoge für Klavier, Violoncello, Kontrapunkt und Komposition bildete er an der „Akademie für Musik und darstellende Kunst“ zahlreiche später bedeutende Musiker, Dirigenten und Komponisten aus; von 1925 bis 1931 war er auch Direktor beziehungsweise Rektor dieser traditionsreichen Ausbildungsstätte. Sein musikalisches Gedächtnis und seine Literaturkenntnisse zu allen musikalischen Gattungen sollen phänomenal gewesen sein. Aus gesundheitlichen Gründen gab er jedoch 1937 seine gesamte Lehrtätigkeit auf. Franz Schmidt war als Solist, Kammermusiker, Begleiter und Dirigent gleichermaßen anerkannt und gefeiert; sein geselliges Wesen ließ ihn zum geschätzten Mitglied der Wiener Gesellschaft werden.

Nach dem Tod Alban Bergs und Franz Schrekers sowie der Emigration Arnold Schönbergs galt er als der bedeutendste Komponist in Österreich. Viele Auszeichnungen und die Ehrendoktorwürde der Universität Wien bezeugen die ihm entgegengebrachte hohe Wertschätzung.

Franz Schmidts Privatleben stand dagegen in krassem Gegensatz zur erfolgreichen beruflichen Laufbahn. Seine erste Frau wurde ab 1919 in einer Wiener Nervenheilanstalt stationär behandelt und drei Jahre nach seinem Tod von den Nazis umgebracht. Seine einzige Tochter Emma verstarb völlig unerwartet nach der Geburt ihres ersten Kindes. Der niedergeschlagene Vater bezeichnete das bewegende Adagio der 4. Sinfonie als „Requiem für meine liebe Tochter“. Die zweite Ehe mit einer wesentlich jüngeren Frau brachte dem bereits mit schweren gesundheitlichen Problemen kämpfenden Künstler dann nochmals eine Stabilisierung. Am 11. Februar 1939 verstarb er jedoch im Alter von 64 Jahren in Perchtoldsdorf bei Wien.
Franz Schmidt zählt zu den Komponisten der österreichischen Spätromantik. Seine Musik zeichnet sich durch eine charakteristische Klangsprache mit sehr feinen Harmonisierungen aus. Er liebte die große Orchesterbesetzung, den monumentalen oratorischen Ausdruck.

Auf konservativem Boden stehend, gelang es ihm, das Erbe von Johannes Brahms und Anton Bruckner zu verfeinern und zu erhöhen.

Strenge motivische Arbeit, kontrapunktische Durchzeichnung und die Freude an der Variation verbinden sich zu einer alles übersteigenden Synthese.

Sein nicht sehr umfangreiches, aber qualitativ hochstehendes Werk umfaßt zwei Opern („Notre Dame“, „Fredigundis“), ein Oratorium („Das Buch mit sieben Siegeln“), vier Sinfonien, Orchesterwerke, zwei Klavierkonzerte, Kammermusik und ein umfangreiches Orgeloeuvre mit Einzel- und Sammelwerken.

Wenige Monate vor seinem Tod komponierte er noch zwei Auftragswerke für den einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein. Franz Schmidt brach körperlich zusammen, er fand aber in seinem musikalischen Schaffen einen großen seelischen Halt, nicht zuletzt durch die 4. Sinfonie (1933) und ganz besonders durch sein Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“, das er im Februar 1937 vollendete und mit dem er sein schöpferisches Leben krönte.

Die 4. Sinfonie ist ein ergreifendes musikalisches Dokument der seelischen Vorgänge des Komponisten beim Verlust seiner geliebten Tochter. Sie besteht aus vier ineinander übergehenden Sätzen und beginnt mit einem expansiven Trompetenthema – ein wiederkehrendes Motto. Schmidt beschrieb es als „die letzte Musik, die man ins Jenseits hinübernimmt, nachdem man unter ihren Auspizien geboren wurde und gelebt hat“. Es folgt jedoch keine Vision des Jenseits, sondern eine weite Auseinandersetzung mit dem Leben … Das Werk wurde 1934 in einem Konzert zwischen Schumanns Klavierkonzert und Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ uraufgeführt.

Diese Plazierung sollte sich leider als symbolisches Vorzeichen für seinen späteren Ruf bewahrheiten, als „österreichischer Kleinmeister“ irgendwo zwischen den bekannten Komponisten der deutschen Romantik und der Moderne des 20. Jahrhunderts eingereiht zu werden. Es gibt in unseren Tagen bisher nur wenige Dirigenten, die genauer in das kompositorische Erbe Franz Schmidts geschaut haben – dabei gäbe es eine Menge zu entdecken!

»Es gibt kein Zuviel des Empfindens, und was man so nennt, ist immer noch zu wenig. All das Schweben und Schaukeln der Empfindung ist kein Zuviel; denn wer empfindet, der soll so viel empfinden, als er nur immer kann und dann womöglich noch mehr. Wenn er dann stirbt, so ist’s nicht in Sünden, denn es gibt nichts Gewisseres als Empfundenes oder Geglaubtes …«

Felix Mendelssohn Bartholdy

Nach dem besagten Frankfurter Konzert suchte ich nach einer guten Aufnahme und fand einige interessante Einspielungen. Eine davon ist eine Aufnahme mit dem Detroit Symphony Orchestra unter der Leitung von Neeme Järvi, eine andere eine Einspielung mit Franz Welser-Möst und dem London Philharmonic Orchestra. Die zuletzt genannte bietet bei geringem Kaufpreis (EMI Classics) eine akzeptable Einführung in die Musik.

Obwohl die Struktur der Komposition gut heraus gearbeitet wurde, wird der Kopfsatz leider sehr schnell gespielt, wobei wesentliche Elemente des Klanges verlorengehen. Die Aufnahme unter der Leitung von Neeme Järvi ist hierbei ausgewogener, wirkt aber an einigen wenigen Stellen etwas blaß. Sie ist außerdem nur in einer Box zusammen mit allen drei anderen Sinfonien erhältlich. Wer also später mehr von Franz Schmidt hören möchte, kann hier beim Label Chandos getrost zugreifen.

Die Einspielung, die ich empfehlen möchte, ist eine Aufnahme aus dem Jahr 1972 mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Zubin Mehta (zusammen mit einer Aufnahme der 2. Mahler-Sinfonie von 1975 als Doppel-CD bei Decca London, Nr. 440 615-2). Leider fehlt auf der Vorderseite der CD-Hülle – charakteristisch für die Unbekanntheit des Komponisten – jeglicher Hinweis auf das hier besprochene Werk, und ärgerlich sind zusätzlich die falschen Zeitangaben für den 3. und 4. Satz auf der Rückseite. Dennoch möchte ich diese Aufnahme hervorheben, da sie meinem Konzerterlebnis musikalisch am nächsten kommt … soweit eine Konserve überhaupt mit einer im Konzertsaal zelebrierten Sinfonie verglichen werden kann.



Internet:
Franz-Schmidt-Gesellschaft:
www.franzschmidtgesellschaft.at



Autor: Manfred Grietens

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