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Nicole Gafron

Jazz-Lyrik mit Niveau

„Un Altro Trucco“ – Über(s) Leben: Mehr als ein musikalisches Motto …


Künstlerischer Einklang auf hohem Niveau: Nicole Gafron (rechts) und Martin Hitawski am Kontrabaß
Ein ganzes Konzert oder eine komplette CD in der exotischen Besetzung „Gesang und Kontrabaß“ – wirklich eine große Herausforderung, bei der die Zutaten stimmen müssen, wenn es gelingen soll!

Der Sängerin Nicole Gafron und dem Kontrabassisten Martin Hiltawski ist mit ihrer CD „Un Altro Trucco“ in bester Liedermachertradition mit einfachen Mitteln ein ungewöhnlicher Wurf gelungen – deswegen, weil diese Mittel sehr gut aufeinander abgestimmt sind, um Lieder mit hohem Anspruch zustandezubringen.

Nicole Gafron besitzt eine schöne, warme und klare Stimme, und sie verbindet die Vorteile der klassischen Grundausbildung mit denen des Jazz-Studiums: einerseits das (überwiegend) intonationssichere und schlackenfreie Timbre der Stimme, die nicht mit allerlei technischen Tricks und viel Hall „aufgehübscht“ werden muß, andererseits das Unkonventionelle, das dem Jazz-Gesang und der Jazz-Lyrik zu eigen ist.

Martin Hiltawski läßt über die große Farbenvielfalt und die erstaunlichen Klang- und Rhythmuseffekte staunen, die er aus seinem Kontrabaß auf rein akustischem Weg herausholt.

Bei den letzten beiden Stücken der CD singt er sogar ein wenig mit, was durchaus seinen Reiz hat.

Die Musik aller und die Texte der meisten Stücke stammen aus der Feder von Nicole Gafron, also eine Produktion aus einem Guß!

Eine Frauenstimme und das tiefste Orchesterinstrument – eine mutige Kombination! Sie bewährt sich allein schon dadurch, daß der Tonraum der beiden Stimmen weit auseinandergezogen und damit klangvoller erscheint, als man es von den einzelnen „Instrumenten“ erwarten würde. Hier ist eins plus eins eben mehr als zwei – ein Phänomen, das in einer guten Musik fast immer anzutreffen ist. Die Summe ist dort stets größer als die reine Addition der einzelnen Teile!

Weiterhin bewirkt der weit auseinandergezogene Tonraum eine ausgesprochen gute Textverständlichkeit – und damit sind wir bei der eigentlichen Stärke dieser Lieder angekommen!

Im Gegensatz zur oft mitleiderregenden Armut der meisten Popmusiktexte bestechen die von Nicole Gafron selbstverfaßten oder von Hermann Hesse und Johann Wolfgang von Goethe übernommenen Texte durch ein Niveau und eine Tiefe, die man in diesem Bereich nur sehr selten findet. Sie regen zum Nachdenken an, unterstützt durch die Musik, die bis auf eine Ausnahme in Moll-Tonarten steht. Nicole Gafron besingt in den englischsprachigen Texten „My Soul“ die Seele und in „Wings“ ihre Flügel, deren Entfaltung die Eigenständigkeit, Leichtigkeit und Freiheit nach sich ziehen. Der Rest ist deutschsprachig und erzählt zum Beispiel von Trauer und ihrer Überwindung („Tigerherz“) und dem Sinn des Leids:

Auch in diesen dunklen Stunden,
liebe Freunde, laßt mich gelten.
Ob ich’s hell, ob trüb gefunden,
nie will ich das Leben schelten.
Sonnenschein und Ungewitter
sind desselben Himmels Mienen,
Schicksal soll, ob süß, ob bitter,
mir als Liebesspeise dienen.
Seele geht verschlung’ne Pfade,
lernet ihre Sprache lesen.
Morgen preist sie schon als Gnade,
was ihr heute Qual gewesen.
Sterben können nur die Rohen.
Andere will die Gottheit lehren,
aus dem Niedern, aus dem Hohen
seelenhaften Sinn zu nähren.
Erst auf jenen letzten Stufen
dürfen wir uns Ruhe gönnen,
wo wir väterlich gerufen
schon den Himmel schauen können.“

(Hermann Hesse)

Sehr treffend wirkt auch der Text des Liedes „Gedanken“ von Nicole Gafron:

Die Gedanken sind frei,
ob es wirklich so sei?
Andressierte Gedankenmuster
kleben fester und fester.
Volle Konsequenzensicht:
Unwissenheit schützt vor Strafe nicht!
Wir wurden erwachsen mit dem Ergebnis konfrontiert
und verstehen nicht, was passiert.
Wir brauchten lange, um zu begreifen:
Wir sind verantwortlich für die Gedanken, die schweifen.
Ob gut oder ob böse:
die Saat säten andere in uns und wir ließen es zu!
Wir nähren Kriege, wir nähren Zwist,
wir nähren Haß und wissen es nicht.
Wir könnten anderes nähren:
Freundschaft und Halt,
Liebe und Geborgenheit. […]
Entfern den schwarzen Samen
aus Deiner Seele,
säh ein Körnchen Licht,
eh’ die Welt zerbricht.
Entfern’ den schwarzen Samen
aus Deiner Seele,
säh ein Körnchen Licht,
eh’ Du zerbrichst.


Besonders gut dürfte Nicole Gafron auch die jungen Zuhörer in ihrer Selbstfindungsphase mit dem Lied „Wer bist Du?“ erreichen, in dem die Musik besonders lebendig wirkt und den Hörer dazu motiviert, jegliches eingeimpfte Rollenverhalten, Erwartungshaltungen der Mitmenschen und die Definition des Eigenwertes über den Konsum zu überprüfen und in Frage zu stellen:

Was ist wichtig für Dich,
was ist wirklich wichtig für Dich?
Was macht Dich aus, wer bist Du?
Hast Du darüber
schon einmal nachgedacht?
Woher soll das Leben wissen,
was gut für Dich ist,
wenn Du es selbst nicht einmal weißt?
Was ist wichtig für Dich,
was ist wirklich wichtig für Dich?

Ist es wichtig, ein Haus zu besitzen,
oder wichtig,
im neuesten Sportwagen zu flitzen?
Ist es wichtig, Kurztrips zu machen
und dabei mit dem Billigflieger den günstigsten Flug zu erhaschen?

Ist es wichtig, immer nach der
neuesten Mode gekleidet zu sein,
auch wenn sie Dich entstellt?
Ist es wichtig, den bestbezahlten
Job zu haben, auch wenn er Dir an
den Nerven zerrt und Dir Deine Zeit
zum Leben stiehlt?


So stellt jedes Stück dieser besonderen CD einen Mosaikstein aus dem menschlichen Gefühls- und Empfindungsleben dar – und ist es wert, sich damit auseinanderzusetzen. Das Schlußstück des Konzertes macht, als einziges Stück in der Dur-Tonart, Mut, bei den vielen großen und kleinen Pannen des Lebens „un altro trucco“, einen neuen Trick zu versuchen, bei dem wir bewußt und auch oft heiter die Erfahrungen des alten, mißlungenen Versuches nutzbringend verwerten können! Welch’ schöne Aussicht!

Selbstverständlich wendet sich diese Musik an Hörerinnen und Hörer, die sie nicht als Hintergrundberieselung verwenden möchten, sondern sich auch die Zeit und Muße nehmen, sich ganz und ernsthaft darauf einzulassen. Es lohnt sich!

Man mag diesem Duo viel Erfolg wünschen, allein schon für den Mut, in unserer oberflächlichen und vielfach sinnentleerten Zeit, die auch in der Musik die Wirkung oft nur in Effekten sucht, einen Gegenpol zu setzen: mit schlichter Musik auf akustischer Grundlage in minimaler Besetzung und einer inhaltlichen Texttiefe, die woanders nur sehr schwer zu finden sein dürfte!



Künstlerischer Einklang auf hohem Niveau: Nicole Gafron (rechts) und Martin Hitawski am Kontrabaß
Ein ganzes Konzert oder eine komplette CD in der exotischen Besetzung „Gesang und Kontrabaß“ – wirklich eine große Herausforderung, bei der die Zutaten stimmen müssen, wenn es gelingen soll!

Der Sängerin Nicole Gafron und dem Kontrabassisten Martin Hiltawski ist mit ihrer CD „Un Altro Trucco“ in bester Liedermachertradition mit einfachen Mitteln ein ungewöhnlicher Wurf gelungen – deswegen, weil diese Mittel sehr gut aufeinander abgestimmt sind, um Lieder mit hohem Anspruch zustandezubringen.

Nicole Gafron besitzt eine schöne, warme und klare Stimme, und sie verbindet die Vorteile der klassischen Grundausbildung mit denen des Jazz-Studiums: einerseits das (überwiegend) intonationssichere und schlackenfreie Timbre der Stimme, die nicht mit allerlei technischen Tricks und viel Hall „aufgehübscht“ werden muß, andererseits das Unkonventionelle, das dem Jazz-Gesang und der Jazz-Lyrik zu eigen ist.

Martin Hiltawski läßt über die große Farbenvielfalt und die erstaunlichen Klang- und Rhythmuseffekte staunen, die er aus seinem Kontrabaß auf rein akustischem Weg herausholt.

Bei den letzten beiden Stücken der CD singt er sogar ein wenig mit, was durchaus seinen Reiz hat.

Die Musik aller und die Texte der meisten Stücke stammen aus der Feder von Nicole Gafron, also eine Produktion aus einem Guß!

Eine Frauenstimme und das tiefste Orchesterinstrument – eine mutige Kombination! Sie bewährt sich allein schon dadurch, daß der Tonraum der beiden Stimmen weit auseinandergezogen und damit klangvoller erscheint, als man es von den einzelnen „Instrumenten“ erwarten würde. Hier ist eins plus eins eben mehr als zwei – ein Phänomen, das in einer guten Musik fast immer anzutreffen ist. Die Summe ist dort stets größer als die reine Addition der einzelnen Teile!

Weiterhin bewirkt der weit auseinandergezogene Tonraum eine ausgesprochen gute Textverständlichkeit – und damit sind wir bei der eigentlichen Stärke dieser Lieder angekommen!

Im Gegensatz zur oft mitleiderregenden Armut der meisten Popmusiktexte bestechen die von Nicole Gafron selbstverfaßten oder von Hermann Hesse und Johann Wolfgang von Goethe übernommenen Texte durch ein Niveau und eine Tiefe, die man in diesem Bereich nur sehr selten findet. Sie regen zum Nachdenken an, unterstützt durch die Musik, die bis auf eine Ausnahme in Moll-Tonarten steht. Nicole Gafron besingt in den englischsprachigen Texten „My Soul“ die Seele und in „Wings“ ihre Flügel, deren Entfaltung die Eigenständigkeit, Leichtigkeit und Freiheit nach sich ziehen. Der Rest ist deutschsprachig und erzählt zum Beispiel von Trauer und ihrer Überwindung („Tigerherz“) und dem Sinn des Leids:

Auch in diesen dunklen Stunden,
liebe Freunde, laßt mich gelten.
Ob ich’s hell, ob trüb gefunden,
nie will ich das Leben schelten.
Sonnenschein und Ungewitter
sind desselben Himmels Mienen,
Schicksal soll, ob süß, ob bitter,
mir als Liebesspeise dienen.
Seele geht verschlung’ne Pfade,
lernet ihre Sprache lesen.
Morgen preist sie schon als Gnade,
was ihr heute Qual gewesen.
Sterben können nur die Rohen.
Andere will die Gottheit lehren,
aus dem Niedern, aus dem Hohen
seelenhaften Sinn zu nähren.
Erst auf jenen letzten Stufen
dürfen wir uns Ruhe gönnen,
wo wir väterlich gerufen
schon den Himmel schauen können.“

(Hermann Hesse)

Sehr treffend wirkt auch der Text des Liedes „Gedanken“ von Nicole Gafron:

Die Gedanken sind frei,
ob es wirklich so sei?
Andressierte Gedankenmuster
kleben fester und fester.
Volle Konsequenzensicht:
Unwissenheit schützt vor Strafe nicht!
Wir wurden erwachsen mit dem Ergebnis konfrontiert
und verstehen nicht, was passiert.
Wir brauchten lange, um zu begreifen:
Wir sind verantwortlich für die Gedanken, die schweifen.
Ob gut oder ob böse:
die Saat säten andere in uns und wir ließen es zu!
Wir nähren Kriege, wir nähren Zwist,
wir nähren Haß und wissen es nicht.
Wir könnten anderes nähren:
Freundschaft und Halt,
Liebe und Geborgenheit. […]
Entfern den schwarzen Samen
aus Deiner Seele,
säh ein Körnchen Licht,
eh’ die Welt zerbricht.
Entfern’ den schwarzen Samen
aus Deiner Seele,
säh ein Körnchen Licht,
eh’ Du zerbrichst.


Besonders gut dürfte Nicole Gafron auch die jungen Zuhörer in ihrer Selbstfindungsphase mit dem Lied „Wer bist Du?“ erreichen, in dem die Musik besonders lebendig wirkt und den Hörer dazu motiviert, jegliches eingeimpfte Rollenverhalten, Erwartungshaltungen der Mitmenschen und die Definition des Eigenwertes über den Konsum zu überprüfen und in Frage zu stellen:

Was ist wichtig für Dich,
was ist wirklich wichtig für Dich?
Was macht Dich aus, wer bist Du?
Hast Du darüber
schon einmal nachgedacht?
Woher soll das Leben wissen,
was gut für Dich ist,
wenn Du es selbst nicht einmal weißt?
Was ist wichtig für Dich,
was ist wirklich wichtig für Dich?

Ist es wichtig, ein Haus zu besitzen,
oder wichtig,
im neuesten Sportwagen zu flitzen?
Ist es wichtig, Kurztrips zu machen
und dabei mit dem Billigflieger den günstigsten Flug zu erhaschen?

Ist es wichtig, immer nach der
neuesten Mode gekleidet zu sein,
auch wenn sie Dich entstellt?
Ist es wichtig, den bestbezahlten
Job zu haben, auch wenn er Dir an
den Nerven zerrt und Dir Deine Zeit
zum Leben stiehlt?


So stellt jedes Stück dieser besonderen CD einen Mosaikstein aus dem menschlichen Gefühls- und Empfindungsleben dar – und ist es wert, sich damit auseinanderzusetzen. Das Schlußstück des Konzertes macht, als einziges Stück in der Dur-Tonart, Mut, bei den vielen großen und kleinen Pannen des Lebens „un altro trucco“, einen neuen Trick zu versuchen, bei dem wir bewußt und auch oft heiter die Erfahrungen des alten, mißlungenen Versuches nutzbringend verwerten können! Welch’ schöne Aussicht!

Selbstverständlich wendet sich diese Musik an Hörerinnen und Hörer, die sie nicht als Hintergrundberieselung verwenden möchten, sondern sich auch die Zeit und Muße nehmen, sich ganz und ernsthaft darauf einzulassen. Es lohnt sich!

Man mag diesem Duo viel Erfolg wünschen, allein schon für den Mut, in unserer oberflächlichen und vielfach sinnentleerten Zeit, die auch in der Musik die Wirkung oft nur in Effekten sucht, einen Gegenpol zu setzen: mit schlichter Musik auf akustischer Grundlage in minimaler Besetzung und einer inhaltlichen Texttiefe, die woanders nur sehr schwer zu finden sein dürfte!



Autor: Paul Schmitt
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