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GralsWelt 50/2009

Der 7. Sinn von Mensch und Tier

Wie bildet sich die Formenvielfalt der Natur? Was ist dran an paranormalen Phänomenen? Wovor drückt sich die Wissenschaft? Jens Rohrbeck sprach darüber mit dem bekannten »Querdenker« Rupert Sheldrake.

Rupert Sheldrake ist einer der umstrittensten Biologen unserer Zeit. Sein Buch „Das schöpferische Universum“ (soeben in deutscher Neuauflage erschienen) und die darin entwickelte Theorie der „morphogenetischen (formschaffenden) Felder“ hat in den 1980er Jahren eine weitreichende Kontroverse ausgelöst und wurde in der renommierten Wissenschaftszeitung „Nature“ damals als „bester Kandidat für eine Bücherverbrennung in diesem Jahrhundert“ bezeichnet.

Heute finden Sheldrakes Theorien in weiten Kreisen, etwa in der Bewußtseinsforschung, Beachtung. Er gehört zu den wenigen Wissenschaftlern, die sich nicht scheuen, Phänomene zu erforschen, die von der etablierten Wissenschaft links liegengelassen werden, so zum Beispiel Telepathie bei Tieren, Phantomschmerzen, die Wirkung von Gebeten, telepathische Verbindung zwischen Müttern und ihren Säuglingen, die Fähigkeit, es zu spüren, wenn man von hinten angestarrt wird, oder Gedankenübertragung beim Gebrauch von Telefonen, E-Mails usw. Alltägliche Phänomene, die jeder schon einmal erlebt hat und eigentlich zum Nachdenken anregen müßten, sind für den Forscher von besonderem Interesse.


Forscher in allen Lebenslagen: Dr. Rupert Sheldrake befaßte sich schon als junger Student mit der ungelösten Frage, wie sich in der Natur Formen bilden und Strukturen entwickeln. Seine Theorie der „morphogenetischen Felder“ sorgt bis heute für Diskussionen

GralsWelt: Viele Menschen sind von paranormalen Phänomenen fasziniert. Wie kommt es, daß die Wissenschaft daran so wenig Interesse zeigt? Sheldrake: Der Grund reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Intellektuelle meinten damals, Fortschritt sei nur über Wissenschaft und Vernunft zu erreichen. Das war die Doktrin der Aufklärung. Sie bekämpften alles, was sie als Aberglauben ansahen, wie Religion, Magie, Hexerei – und das, was wir als paranormale Phänomene bezeichnen. Das heutige Bildungswesen ist eine Tochtergesellschaft der Aufklärung. Jeder gebildete Mensch weiß also, daß er an das Paranormale nicht glauben soll. In populärwissenschaftlichen Fernsehsendungen und populären Zeitungen wird über paranormale Phänomene sehr ausführlich berichtet, während seriöse Zeitungen das Thema nicht anrühren. Wenn sie sich damit befassen, wird sofort eine Gegendarstellung mit dem Zitat eines Skeptikers gebracht, der zum Ausdruck bringt, daß das alles Unsinn ist. Seriöse Programme des BBC oder BBC Radio haben immer einen Skeptiker dabei, um ihre Berichterstattung überhaupt zu rechtfertigen. Eine kleine Gruppe von Leuten bestreitet ihren Lebensunterhalt als Medienskeptiker … Es handelt sich also um ein klassisches Tabu, das immer noch verteidigt wird. Es gibt sogar organisierte wissenschaftliche „Selbstschutzgruppen“, Skeptikerorganisationen, deren Ziel es ist, die ernsthafte Behandlung dieser Themen in seriösen Medien oder Bildungsstätten zu verhindern. Es ist fast eine Art Inquisitionsbewegung, die ketzerische Lehren verhindern will. GralsWelt: Ein Meinungskrieg zwischen Materialisten und solchen Menschen, deren Vorstellungen über das rein Materielle hinausgehen?

Sheldrake: Ja, es ist ein Meinungskrieg. Im Moment fühlen sich die Materialisten bedroht. Das ist auch ein Grund, warum wir in den letzten Jahren eine so starke Zunahme des radikalen Atheismus mit vielen atheistischen Büchern hatten. Es findet eine Art atheistischer Kreuzzug statt, um die gebildeten Klassen zurückzugewinnen und den Abfall der Leute von atheistischen Vorstellungen aufzuhalten. Man ist darüber beunruhigt, daß sich mehr und mehr Menschen für paranormale Phänomene, ganzheitliche Medizin und eine erweiterte Sicht des Lebens interessieren. Man hatte angenommen, die Religion würde einfach vergehen, aber in Wirklichkeit tut sie das nicht. Atheistisch-materialistisch gesinnte Menschen werden deswegen zunehmend aggressiver.

GralsWelt: Glauben Sie also, daß sich unter der Oberfläche vielleicht so etwas wie ein Paradigmenwechsel vorbereitet?


Sheldrake: Ich glaube, es geht eher darum, was man öffentlich sagen darf. Wenn Sie Umfragen bei Ärzten, Wissenschaftlern oder Universitätsabgängern durchführen, sind sehr viele davon überzeugt, daß Dinge wie Telepathie tatsächlich vorkommen und ganzheitliche Medizin hilfreich sein kann. Jedesmal, wenn ich Vorträge in wissenschaftlichen Institutionen halte, kommt im Anschluß einer nach dem anderen zu mir und sagt: „Sehr interessant, was Sie da sagen. Ich habe diese Erfahrung selbst gemacht, aber ich kann mit meinen Kollegen darüber nicht sprechen!“ Also frage ich sie: „Warum ,outet‘ ihr euch nicht? Wenn ihr besprecht, was euch und alle anderen wirklich interessiert, hättet ihr so viel mehr Spaß zusammen.“

GralsWelt: Heutige atheistische Vorstellungen gehen davon aus, daß keine schöpferische Kraft nötig ist, um die Wunder der Welt zu erklären. Was meinen Sie? Ist der Glaube an eine schöpferische, lebensgebende Kraft wirklich ein Wahn?


Sheldrake: Ich denke, das ist keine Wahnvorstellung. Der Evolutionsprozeß ist derart, daß er Kreativität auf allen Ebenen offenbart. Wir haben mittlerweile die Vorstellung von einer kosmischen Evolution, angefangen mit dem Urknall. Es gilt, einen gewaltigen Evolutionsprozeß zu erklären: Atome, Moleküle, Sterne, Galaxien, Planeten und schließlich das Leben, zumindest auf diesem Planeten – alles hat sich entwickelt. Das Universum gleicht eher einem sich entwickelnden Organismus oder einem gigantischen Embryo als einer Maschine, wie es der alten Vorstellung entsprach. Dieser Entwicklungsprozeß ist eindeutig schöpferisch in dem Sinne, daß neue Dinge hervortreten, die vorher nicht vorhanden waren. Die Materialisten sagen, daß das alles nur Zufall war. Aber „Zufall“ bedeutet, daß es keine Erklärung gibt und es einfach passiert ist. In der biologischen Evolution kann man behaupten, daß es Mutationen in der DNA waren, die zur Entwicklung führten, aber bei der Formation von Sternen, Galaxien und Planeten und allem anderen im Kosmos hat man keine DNA als Erklärung. Einfach zu sagen: es war Zufall, das halte ich für eine schwache Erklärung.

GralsWelt: Wie beurteilen Sie die populäre Multiversum-Theorie, derzufolge es nicht nur ein Universum gibt, sondern unzählige?

Sheldrake: Diese atheistische Theorie besagt, daß unser Universum nur eines von Trillionen oder Quadrillionen ist, in dem wir zufällig leben können. Es gibt daher keinen Bedarf für einen Schöpfer, der alles fein abgestimmt hat. Alle Möglichkeiten existieren, wir können aber nur von dem Universum wissen, in dem wir leben können. Nun könnte man fragen, welche Beweise gibt es für die Existenz dieser Quadrillionen von Universen? Dafür gibt es überhaupt keine Beweise, doch manche behaupten, es sei die bessere Hypothese, weil wir so keinen Gott benötigen! Um also den Schöpfer loszuwerden, hat man unzählige unentdeckte Universen erfunden.

GralsWelt: Folgen Sie dem Gedanken, der Schöpfer habe mit dem Beginn der Schöpfung alles so fein abgestimmt, daß die Welt, in der wir leben, sich entwickeln mußte?


Sheldrake: Nein, damit würde alle Kreativität in die erste Phase gelegt, der zufolge dann alles automatisch passiert. Aus meiner Sicht ist es eine viel bessere Vorstellung, daß sich die Kreativität während des gesamten Evolutionsprozesses hindurch weiter fortsetzt. Die Evolution beinhaltet einen andauernden schöpferischen Prozeß. In aller Natur ist eine Kreativität am Werke, die es nicht nur, weit zurück, vor Milliarden Jahren einmal gab, sondern sie ist auch jetzt im Moment da. Sie drückt sich in der biologischen Evolution aus, aber auch in den Erfindungen des menschlichen Geistes.

GralsWelt: Lassen Sie uns auf Ihre Telepathie-Experimente zu sprechen kommen. Meinen Sie, wir alle haben telepathische Fähigkeiten und können Gedanken anderer Menschen auffangen
?

Sheldrake: Wahrscheinlich haben die meisten Menschen bis zu einem gewissen Grad telepathische Fähigkeiten. Ich habe die meistverbreitete Form der Telepathie in der modernen Welt, nämlich Telefontelepathie, untersucht – wenn man von jemandem angerufen wird, an den man gerade gedacht hat. 80 Prozent der Menschen kennen dieses Erlebnis. Aber bei keiner menschlichen Fähigkeit würde man 100 Prozent erwarten. Ich denke, daß Telepathie eine normale Fähigkeit ist und auch ein normales Kommunikationsmittel für Tiere. Ein Großteil meiner Arbeit befaßte sich mit Hunden oder Katzen, die wußten, wann ihr Besitzer nach Hause kommt, oder mit Katzen, die nicht zum Tierarzt wollten und immer dann verschwanden, wenn ihr Besitzer sie zum Tierarzt bringen wollte. Ich habe diese Untersuchungen gemacht, weil solche Vorkommnisse extrem weit verbreitet sind und viele Menschen so etwas selbst erlebt haben. Ich bevorzuge die Untersuchung von Fällen, die normal und alltäglich sind. Mein momentaner Ansatz sind automatisierte Telepathie-Experimente mit Hilfe des Internets oder von SMS-Botschaften, an denen jeder teilnehmen kann, indem er sich einfach auf meiner Webseite (www.sheldrake.org) anmeldet. Die bisherigen Ergebnisse liegen sehr signifikant außerhalb jeden Zufalls.

GralsWelt: Wenn sich nun herausstellt, daß wir tatsächlich alle miteinander verbunden sind, würde das nicht zu einem völlig anderen Weltbild und Selbstverständnis führen?

Sheldrake: Das ist genau der Grund, weshalb diese Forschung so umstritten ist. Die konventionelle Standardansicht besagt, daß unser Geist nichts weiter als die Aktivität unserer Gehirne darstellt und auf das Innere unseres Kopfes beschränkt bleibt. Wenn nun meine Absicht, jemanden anzurufen, von ihm Hunderte von Meilen entfernt wahrgenommen wird, bevor ich überhaupt angerufen habe, so bedeutet dies, daß meine Gedanken und Absichten nicht auf das Innere meines Kopfes beschränkt bleiben, sondern weit über das Gehirn hinausreichen. Es bedeutet auch, daß wir viel enger mit anderen Menschen und unserer Umwelt verbunden sind, als wir gemeinhin annehmen.

GralsWelt: Gibt es eine physikalische Erklärungsmöglichkeit für diese Wirkung?

Sheldrake: Telepathie wirkt mit zunehmender Entfernung nicht schwächer. Es gibt physikalische Phänomene, die nicht mit der Entfernung abnehmen. Das wichtigste ist die Quanten-Verschränkung. Wenn man zwei Partikel, die Teil des gleichen Systems waren, voneinander trennt, bleiben sie dennoch verbunden, so daß eine Veränderung des einen Teilchens sofort eine Wirkung auf das andere hat – und das unabhängig von der Entfernung. Ich behaupte nicht, daß Telepathie auf Quanten-Verschränkung beruht, aber der Vorgang ist analog. Meine eigene Erklärung ist, daß Mitglieder einer sozialen Gruppe durch sogenannte morphische Felder verbunden sind. Wenn Mitglieder auseinandergehen, dehnt sich das Feld aus und hält diese weiterhin verbunden. Das ist die Grundlage der Telepathie. Es mag sich nun herausstellen, daß morphische Felder etwas Ähnliches wie Quantenfelder sind, es kann aber auch nicht so sein. Wir wissen einfach nicht genug darüber, wie sich die Quantentheorie auf lebende Organismen anwenden läßt.

GralsWelt: Im Hinblick auf Ihre Theorie der morphischen Felder ist der Begriff der Resonanz sehr interessant. Dinge, die die gleiche Eigenschwingung haben, also gleich geartet sind, können miteinander in Wechselwirkung treten. Diesem Prinzip scheinen auch Gedanken zu folgen. Es entsteht ja auch eine Verbindung oder Resonanz zum Beispiel unter gleichartig denkenden Menschen.

Sheldrake: Ja, morphische Resonanz basiert auf dem Prinzip der Gleichart, wie alle Formen von Resonanz. Ich denke, daß diese Art der Resonanz nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich funktioniert, und das bildet die Grundlage für das Gedächtnis in der Natur. Das ist meine Hypothese.

GralsWelt: Wo werden die Gedächtnisinhalte demnach gespeichert?

Sheldrake:
Aus meiner Sicht ist das die falsche Frage. Das Gedächtnis ist eine Beziehung in der Zeit, nicht im Raum. Wenn man also fragt, wo das Gedächtnis gespeichert wird, erwartet man eine räumliche Antwort. Ich denke aber, daß das Gedächtnis kein räumliches, sondern ein zeitliches Phänomen ist, es handelt sich um eine Beziehung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Wenn Sie also fragen, wo wird es gespeichert, würde ich sagen: überall. Die Vergangenheit ist möglicherweise überall gegenwärtig. Gedächtnis ist auch nicht im Gehirn gespeichert. Gewöhnlich nimmt man an, daß das Gedächtnis im Gehirn durch veränderte Nervenenden oder Synapsen oder sonst etwas gespeichert wird. Man hat jedoch seit langer Zeit erfolglos nach dem Gedächtnis im Gehirn gesucht, und wie das Gedächtnis funktioniert, ist immer noch ein Geheimnis. Ich glaube, das ist so, weil es überhaupt nicht im Gehirn gespeichert wird. Das Gehirn läßt sich eher mit einem Fernsehgerät als mit einem Videorecorder vergleichen. Übrigens mögen die Materialisten die Vorstellung, daß das Gedächtnis im Gehirn gespeichert wird, deshalb so sehr, weil sie glauben, daß alles, was mit dem Geist zu tun hat, im Gehirn zu finden ist. Wenn man stirbt, zerfällt das Gehirn, und alle unsere Erinnerungen werden ausgelöscht. Dadurch werden alle wie auch immer gearteten religiösen Vorstellungen eines Weiterlebens nach dem Tode sofort widerlegt.

GralsWelt: Bei der Erforschung von Nahtod-Erfahrungen hat man festgestellt, daß die Betroffenen klare Gedanken, Erinnerungen und Bewußtsein erleben, während ihr Gehirn überhaupt nicht mehr funktioniert. Das deutet doch auch darauf hin, daß Bewußtsein außerhalb des physischen Körpers und unabhängig vom Gehirn existieren kann!

Sheldrake: Nun, es könnte darauf hinweisen. Wir wissen ja auch von unseren Träumen, daß Bewußtsein außerhalb unserer Körper existieren kann. Im Traum haben wir ja jede Nacht – ob wir uns daran erinnern oder nicht – das Erlebnis, außerhalb unseres Körpers zu sein. Dieser liegt schlafend im Bett, während wir andere Dinge in einem „Traumkörper“ unternehmen, der überall hingehen kann oder tun kann, was wir wollen. Ich glaube, daß Nahtod-Erfahrungen und Ausleibigkeits-Erfahrungen während des Traums sehr ähnlich sind. Materialisten würden aber immer sagen, daß alles im Gehirn erzeugt wird, selbst wenn es während der Nahtod-Erfahrung inaktiv ist, da das Herz stillsteht. Nach deren Meinung war vielleicht keine Gehirnaktivität vorhanden, aber sobald das Gehirn wieder aktiv wird, erzeugt es diese Erlebnisse.

GralsWelt: Es gibt jedoch auch Menschen, die nach einem Nahtod-Erlebnis Dinge wußten, die sie nicht hätten wissen können.

Sheldrake: Dem stimme ich zu. Ich sage nur, daß Materialisten immer versuchen werden, sich mit solchen Argumenten herauszuwinden. Ja, ich glaube, daß das Zentrum unseres Bewußtseins von unserem Körper getrennt sein kann, und es ist sehr wahrscheinlich, daß das Bewußtsein den Tod unseres Körpers überlebt. Aber ich glaube nicht, daß man das beweisen kann. Nahtod-Erlebnisse sagen nur etwas über die ersten Schritte aus, aber nichts darüber, was zehn Jahre nach dem Tod passiert. Es geht nur um die Frage, was in den ersten paar Minuten geschieht, wenn unser Gehirn aufgehört hat zu arbeiten und bevor wir ins Leben zurückkommen. Die Frage des längerfristigen Überlebens muß sich jeder selbst beantworten. Das Beweismaterial kann weder dafür noch dagegen entscheiden. Die Materialisten behaupten, daß mit dem Sterben alles aus ist. Das können sie nicht beweisen, sondern nehmen es bloß an.

GralsWelt: Man kann immaterielle Gegebenheiten mit materiellen Instrumenten wohl grundsätzlich nicht beweisen.

Sheldrake: Nun, man kann Beweise für das Bewußtsein durch Bewußtsein erbringen. Die traditionelle Form eines Beweises für das Weiterleben nach dem Tod ist, wenn körperlose Menschen sich durch Medien kundtun. Geister können also durch andere Geister arbeiten und benötigen dazu keine Instrumente. Ob diese Beweise überzeugend sind oder nicht, hängt vom Standpunkt ab. Materialisten würden meinen, daß Berichte von Spiritisten absolut nicht überzeugend sind. Aber die Beweislage ist auch unentschieden, wenn man diese Berichte mit einbezieht.

GralsWelt: Inwiefern unentschieden?

Sheldrake: Nun, einige Studien belegen, daß Menschen über Geisterkommunikation Informationen erhalten, die sie auf normalem Weg nicht hätten bekommen können. Parapsychologen führen darüber eine anhaltende Debatte: Nehmen wir an, ich bin ein Medium. Sie besuchen mich, und ich sage Ihnen lauter Dinge, die ich normalerweise nicht hätte wissen können, einschließlich Namen Ihrer Familienmitglieder, wann Ihre Eltern geheiratet haben usw. Beweist das nun, daß ich mit Ihrer verstorbenen Großmutter kommuniziere? Woher wissen Sie, daß ich die Informationen nicht telepathisch durch Ihre Gedanken erhielt, weil Sie ja all diese Dinge wissen? Man nennt das die Super-Psi-Hypothese. Sie geht davon aus, daß Medien einfach sehr sensitiv telepathisch sind und dadurch alle Informationen aufnehmen.


Dr. Rupert Sheldrake: An seinen Telepathie-Experimenten im Internet kann sich jeder Interessierte beteiligen.
GralsWelt: Ist es eher ungewöhnlich, etwas telepathisch von unbekannten Dritten aufzunehmen?

Sheldrake:
Ja, es kommt häufiger vor, daß man Dinge von Menschen, die man kennt, aufnimmt.

GralsWelt: Auf einer Flugreise von den Vereinigten Arabischen Emiraten auf die Philippinen saß ich einmal neben einem Mann, und plötzlich schnappte ich den Gedanken auf, daß seine Mutter ihn zu erreichen versucht, und ich teilte ihm das mit. Während einer Zwischenlandung in Dubai rief er dann seine Mutter an, und es stellte sich heraus, daß sie versucht hatte, ihn zu erreichen, weil sie nicht wußte, wo er war. Mir passiert so etwas immer wieder …

Sheldrake: Nun, Sie sind wohl ungewöhnlich sensitiv dafür. Das heißt, daß Sie diese Dinge in Ihr Bewußtsein lassen. Die meisten Menschen würden sie unterdrücken, oder sie sagen sich: „Oh, das ist nur ein verrückter Gedanke, dem werde ich keine Aufmerksamkeit schenken!“ Wahrscheinlich könnten mehr Menschen solche Fähigkeiten entwickeln, würden sie solchen Gedanken mehr Aufmerksamkeit schenken.

GralsWelt: Forscher am „Princeton Anomalies Research Laboratory“ in Amerika haben die Wirkung von Gedanken auf Maschinen und Computer aufgezeigt. Andere haben die Wirkung auf Pflanzen und Tiere erforscht. Wenn Gedanken einen Einfluß auf die materielle Welt und auf lebende Wesen haben, handelt es sich doch um etwas Kraftvolles, und die Vorstellung liegt nahe, daß man durch die Kraft der Gedanken viele Probleme günstig beeinflussen kann. Meinen Sie auch, daß wir eine viel größere Verantwortung haben, als wir wahrhaben wollen, und daß die Konsequenzen unserer Gedankentätigkeit viel weiter reichen, als gemeinhin angenommen wird?


Sheldrake: Nun, wenn wir zugeben, daß Gedanken andere Menschen und unsere Umwelt beeinflussen können, dann tragen wir Verantwortung für das, was wir denken, wie für das, was wir sagen und was wir tun. Populäre Selbsthilfe-Bücher setzen die Kraft der Gedanken als selbstverständlich voraus. Es gibt keinen Zweifel, daß unsere Gedanken und Absichten die Art und Weise, wie wir die Welt erleben, beeinflussen – und zum Teil auch das, was tatsächlich passiert. Inwieweit das auf paranormalen Einflüssen beruht oder einfach auf normaler Psychologie, ist eine andere Frage. Optimistische Menschen sind normalerweise erfolgreicher als Pessimisten, die überall zu versagen fürchten …

GralsWelt: Wie steht es mit Vorahnungen? Kommt so etwas nach Ihren Erfahrungen häufig vor?


Sheldrake: Es gibt viele Belege dafür, daß Tiere zum Beispiel Erdbeben vorausahnen können, aber nicht alle Tiere reagieren so. Auch Menschen haben Vorahnungen oder Wahrträume, aber das kommt nicht immer vor, auch wenn es wichtig wäre. Ich hatte kürzlich ein aufschlußreiches Erlebnis, als auf mein Leben ein Anschlag verübt wurde. Ein Mann kam nach einem Vortrag auf mich zu, mit der Absicht, mich umzubringen, und stach ein Messer in mein Bein. Hatte ich eine Vorahnung? Nein! Hatte irgendwer anders in der gesamten Konferenz von Leuten, die an Bewußtseinsforschung interessiert sind, eine Vorahnung? Nein! Mein Gastgeber Dr. Larry Dossey, Autor mehrerer Bücher über ganzheitliche Medizin, hat mich nach dem Krankenhaus-Aufenthalt bei sich aufgenommen. Er hatte gerade ein Manuskript mit dem Titel „Die Kraft der Vorahnung“ vollendet und bat mich, es Korrektur zu lesen. Hatte er eine Vorahnung? Nein! Der Punkt ist, daß es nicht immer funktioniert. Aber das trifft auf alles im biologischen Bereich zu. Nichts im biologischen oder menschlichen Bereich ist völlig vorhersagbar.

GralsWelt: Die meisten spirituellen und religiösen Traditionen basieren auf Intuition, Inspiration und Offenbarung. Wäre dieser Empfang von Wissen aus einem höheren Bewußtsein nicht ein Weg, den der Mensch und auch die Wissenschaft vermehrt für sich nützen könnten?

Sheldrake: Sicherlich basiert vieles in der Wissenschaft auf Inspiration. Es gibt Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte, wo Forscher plötzliche Einsichten hatten. Wie durch einen Blitz kam ihnen die Lösung zu einem Problem, an dem sie gerade arbeiteten. Kreativität auf jedem Gebiet – in der Kunst oder den Wissenschaften, in der Technologie, zum Beispiel bei Erfindern – ereignet sich häufig blitzartig in einem Moment der Inspiration. Ich glaube, daß die menschliche Kreativität auf solchen Eingebungen beruht. Man muß jedoch vorbereitet, zur Aufnahme bereit sein. Ich denke auch, daß sich viele Menschen durch Gebet oder Meditation regelmäßig einem höheren Bewußtsein öffnen und dadurch Kraft und Inspiration für ihr normales Leben gewinnen.

GralsWelt: Apropos Gebete … Was halten Sie von den Studien, die angeblich die Wirksamkeit von Gebeten belegen?

Sheldrake: Diese Studien sind nicht eindeutig. Manche hatten statistisch signifikante Ergebnisse, andere nicht. Man wählte zum Beispiel Patienten, die auf einer Herz-Intensivstation lagen, für eine Doppelblindstudie. Für die einen wurde nicht gebetet, für die anderen schon – und zwar von völlig Fremden, denen man nur den Namen und eine Fotografie der Patienten gegeben hatte. Dieser Versuch ist sehr konstruiert, weil man normalerweise für Menschen betet, die man gut kennt. Die meisten dieser Gebetsstudien wurden außerdem in den Südstaaten Amerikas durchgeführt, wo die Bevölkerung sehr religiös ist. Zu den Menschen dort kann man nicht einfach sagen: „Sie gehören zu der Kontrollgruppe. Sagen Sie Ihrer Mutter, Ihrer Frau, Ihren Kindern und allen Mitgliedern Ihrer Kirche, daß sie für den Patienten nicht beten sollen, er gehört nämlich in die Ohne-Gebet-Gruppe. Das Design dieser Studien ist also naiv, weil es voraussetzt, daß die Kontrollgruppe keine Gebete bekommt, wobei in Wirklichkeit aber für jeden Kranken gebetet wird, selbst wenn er ein Atheist ist.

GralsWelt: Vielen Dank für das Gespräch, viel Erfolg für Ihre Arbeit – und natürlich auch gute Besserung für Ihr Bein!



Hinweise:
1 vgl. R. Sheldrake, Der siebte Sinn der Tiere.
2 A Filmed Experiment on Telephone Telepathy with the Nolan Sisters; Journal of the Society for Psychical Research 68, 168-172 (2004)
3 www.youtube.com/watch?v=UdOi3s-tBzk
4 Experimental Tests for Telephone Telepathy; Journal of the Society for Psychical Research 67, 184-199 (July 2003)
5 vgl. GralsWelt 41: „Haben Tiere ein Bewusstsein?“


Rupert Sheldrake ist einer der umstrittensten Biologen unserer Zeit. Sein Buch „Das schöpferische Universum“ (soeben in deutscher Neuauflage erschienen) und die darin entwickelte Theorie der „morphogenetischen (formschaffenden) Felder“ hat in den 1980er Jahren eine weitreichende Kontroverse ausgelöst und wurde in der renommierten Wissenschaftszeitung „Nature“ damals als „bester Kandidat für eine Bücherverbrennung in diesem Jahrhundert“ bezeichnet.

Heute finden Sheldrakes Theorien in weiten Kreisen, etwa in der Bewußtseinsforschung, Beachtung. Er gehört zu den wenigen Wissenschaftlern, die sich nicht scheuen, Phänomene zu erforschen, die von der etablierten Wissenschaft links liegengelassen werden, so zum Beispiel Telepathie bei Tieren, Phantomschmerzen, die Wirkung von Gebeten, telepathische Verbindung zwischen Müttern und ihren Säuglingen, die Fähigkeit, es zu spüren, wenn man von hinten angestarrt wird, oder Gedankenübertragung beim Gebrauch von Telefonen, E-Mails usw. Alltägliche Phänomene, die jeder schon einmal erlebt hat und eigentlich zum Nachdenken anregen müßten, sind für den Forscher von besonderem Interesse.


Forscher in allen Lebenslagen: Dr. Rupert Sheldrake befaßte sich schon als junger Student mit der ungelösten Frage, wie sich in der Natur Formen bilden und Strukturen entwickeln. Seine Theorie der „morphogenetischen Felder“ sorgt bis heute für Diskussionen

GralsWelt: Viele Menschen sind von paranormalen Phänomenen fasziniert. Wie kommt es, daß die Wissenschaft daran so wenig Interesse zeigt? Sheldrake: Der Grund reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Intellektuelle meinten damals, Fortschritt sei nur über Wissenschaft und Vernunft zu erreichen. Das war die Doktrin der Aufklärung. Sie bekämpften alles, was sie als Aberglauben ansahen, wie Religion, Magie, Hexerei – und das, was wir als paranormale Phänomene bezeichnen. Das heutige Bildungswesen ist eine Tochtergesellschaft der Aufklärung. Jeder gebildete Mensch weiß also, daß er an das Paranormale nicht glauben soll. In populärwissenschaftlichen Fernsehsendungen und populären Zeitungen wird über paranormale Phänomene sehr ausführlich berichtet, während seriöse Zeitungen das Thema nicht anrühren. Wenn sie sich damit befassen, wird sofort eine Gegendarstellung mit dem Zitat eines Skeptikers gebracht, der zum Ausdruck bringt, daß das alles Unsinn ist. Seriöse Programme des BBC oder BBC Radio haben immer einen Skeptiker dabei, um ihre Berichterstattung überhaupt zu rechtfertigen. Eine kleine Gruppe von Leuten bestreitet ihren Lebensunterhalt als Medienskeptiker … Es handelt sich also um ein klassisches Tabu, das immer noch verteidigt wird. Es gibt sogar organisierte wissenschaftliche „Selbstschutzgruppen“, Skeptikerorganisationen, deren Ziel es ist, die ernsthafte Behandlung dieser Themen in seriösen Medien oder Bildungsstätten zu verhindern. Es ist fast eine Art Inquisitionsbewegung, die ketzerische Lehren verhindern will. GralsWelt: Ein Meinungskrieg zwischen Materialisten und solchen Menschen, deren Vorstellungen über das rein Materielle hinausgehen?

Sheldrake: Ja, es ist ein Meinungskrieg. Im Moment fühlen sich die Materialisten bedroht. Das ist auch ein Grund, warum wir in den letzten Jahren eine so starke Zunahme des radikalen Atheismus mit vielen atheistischen Büchern hatten. Es findet eine Art atheistischer Kreuzzug statt, um die gebildeten Klassen zurückzugewinnen und den Abfall der Leute von atheistischen Vorstellungen aufzuhalten. Man ist darüber beunruhigt, daß sich mehr und mehr Menschen für paranormale Phänomene, ganzheitliche Medizin und eine erweiterte Sicht des Lebens interessieren. Man hatte angenommen, die Religion würde einfach vergehen, aber in Wirklichkeit tut sie das nicht. Atheistisch-materialistisch gesinnte Menschen werden deswegen zunehmend aggressiver.

GralsWelt: Glauben Sie also, daß sich unter der Oberfläche vielleicht so etwas wie ein Paradigmenwechsel vorbereitet?


Sheldrake: Ich glaube, es geht eher darum, was man öffentlich sagen darf. Wenn Sie Umfragen bei Ärzten, Wissenschaftlern oder Universitätsabgängern durchführen, sind sehr viele davon überzeugt, daß Dinge wie Telepathie tatsächlich vorkommen und ganzheitliche Medizin hilfreich sein kann. Jedesmal, wenn ich Vorträge in wissenschaftlichen Institutionen halte, kommt im Anschluß einer nach dem anderen zu mir und sagt: „Sehr interessant, was Sie da sagen. Ich habe diese Erfahrung selbst gemacht, aber ich kann mit meinen Kollegen darüber nicht sprechen!“ Also frage ich sie: „Warum ,outet‘ ihr euch nicht? Wenn ihr besprecht, was euch und alle anderen wirklich interessiert, hättet ihr so viel mehr Spaß zusammen.“

GralsWelt: Heutige atheistische Vorstellungen gehen davon aus, daß keine schöpferische Kraft nötig ist, um die Wunder der Welt zu erklären. Was meinen Sie? Ist der Glaube an eine schöpferische, lebensgebende Kraft wirklich ein Wahn?


Sheldrake: Ich denke, das ist keine Wahnvorstellung. Der Evolutionsprozeß ist derart, daß er Kreativität auf allen Ebenen offenbart. Wir haben mittlerweile die Vorstellung von einer kosmischen Evolution, angefangen mit dem Urknall. Es gilt, einen gewaltigen Evolutionsprozeß zu erklären: Atome, Moleküle, Sterne, Galaxien, Planeten und schließlich das Leben, zumindest auf diesem Planeten – alles hat sich entwickelt. Das Universum gleicht eher einem sich entwickelnden Organismus oder einem gigantischen Embryo als einer Maschine, wie es der alten Vorstellung entsprach. Dieser Entwicklungsprozeß ist eindeutig schöpferisch in dem Sinne, daß neue Dinge hervortreten, die vorher nicht vorhanden waren. Die Materialisten sagen, daß das alles nur Zufall war. Aber „Zufall“ bedeutet, daß es keine Erklärung gibt und es einfach passiert ist. In der biologischen Evolution kann man behaupten, daß es Mutationen in der DNA waren, die zur Entwicklung führten, aber bei der Formation von Sternen, Galaxien und Planeten und allem anderen im Kosmos hat man keine DNA als Erklärung. Einfach zu sagen: es war Zufall, das halte ich für eine schwache Erklärung.

GralsWelt: Wie beurteilen Sie die populäre Multiversum-Theorie, derzufolge es nicht nur ein Universum gibt, sondern unzählige?

Sheldrake: Diese atheistische Theorie besagt, daß unser Universum nur eines von Trillionen oder Quadrillionen ist, in dem wir zufällig leben können. Es gibt daher keinen Bedarf für einen Schöpfer, der alles fein abgestimmt hat. Alle Möglichkeiten existieren, wir können aber nur von dem Universum wissen, in dem wir leben können. Nun könnte man fragen, welche Beweise gibt es für die Existenz dieser Quadrillionen von Universen? Dafür gibt es überhaupt keine Beweise, doch manche behaupten, es sei die bessere Hypothese, weil wir so keinen Gott benötigen! Um also den Schöpfer loszuwerden, hat man unzählige unentdeckte Universen erfunden.

GralsWelt: Folgen Sie dem Gedanken, der Schöpfer habe mit dem Beginn der Schöpfung alles so fein abgestimmt, daß die Welt, in der wir leben, sich entwickeln mußte?


Sheldrake: Nein, damit würde alle Kreativität in die erste Phase gelegt, der zufolge dann alles automatisch passiert. Aus meiner Sicht ist es eine viel bessere Vorstellung, daß sich die Kreativität während des gesamten Evolutionsprozesses hindurch weiter fortsetzt. Die Evolution beinhaltet einen andauernden schöpferischen Prozeß. In aller Natur ist eine Kreativität am Werke, die es nicht nur, weit zurück, vor Milliarden Jahren einmal gab, sondern sie ist auch jetzt im Moment da. Sie drückt sich in der biologischen Evolution aus, aber auch in den Erfindungen des menschlichen Geistes.

GralsWelt: Lassen Sie uns auf Ihre Telepathie-Experimente zu sprechen kommen. Meinen Sie, wir alle haben telepathische Fähigkeiten und können Gedanken anderer Menschen auffangen
?

Sheldrake: Wahrscheinlich haben die meisten Menschen bis zu einem gewissen Grad telepathische Fähigkeiten. Ich habe die meistverbreitete Form der Telepathie in der modernen Welt, nämlich Telefontelepathie, untersucht – wenn man von jemandem angerufen wird, an den man gerade gedacht hat. 80 Prozent der Menschen kennen dieses Erlebnis. Aber bei keiner menschlichen Fähigkeit würde man 100 Prozent erwarten. Ich denke, daß Telepathie eine normale Fähigkeit ist und auch ein normales Kommunikationsmittel für Tiere. Ein Großteil meiner Arbeit befaßte sich mit Hunden oder Katzen, die wußten, wann ihr Besitzer nach Hause kommt, oder mit Katzen, die nicht zum Tierarzt wollten und immer dann verschwanden, wenn ihr Besitzer sie zum Tierarzt bringen wollte. Ich habe diese Untersuchungen gemacht, weil solche Vorkommnisse extrem weit verbreitet sind und viele Menschen so etwas selbst erlebt haben. Ich bevorzuge die Untersuchung von Fällen, die normal und alltäglich sind. Mein momentaner Ansatz sind automatisierte Telepathie-Experimente mit Hilfe des Internets oder von SMS-Botschaften, an denen jeder teilnehmen kann, indem er sich einfach auf meiner Webseite (www.sheldrake.org) anmeldet. Die bisherigen Ergebnisse liegen sehr signifikant außerhalb jeden Zufalls.

GralsWelt: Wenn sich nun herausstellt, daß wir tatsächlich alle miteinander verbunden sind, würde das nicht zu einem völlig anderen Weltbild und Selbstverständnis führen?

Sheldrake: Das ist genau der Grund, weshalb diese Forschung so umstritten ist. Die konventionelle Standardansicht besagt, daß unser Geist nichts weiter als die Aktivität unserer Gehirne darstellt und auf das Innere unseres Kopfes beschränkt bleibt. Wenn nun meine Absicht, jemanden anzurufen, von ihm Hunderte von Meilen entfernt wahrgenommen wird, bevor ich überhaupt angerufen habe, so bedeutet dies, daß meine Gedanken und Absichten nicht auf das Innere meines Kopfes beschränkt bleiben, sondern weit über das Gehirn hinausreichen. Es bedeutet auch, daß wir viel enger mit anderen Menschen und unserer Umwelt verbunden sind, als wir gemeinhin annehmen.

GralsWelt: Gibt es eine physikalische Erklärungsmöglichkeit für diese Wirkung?

Sheldrake: Telepathie wirkt mit zunehmender Entfernung nicht schwächer. Es gibt physikalische Phänomene, die nicht mit der Entfernung abnehmen. Das wichtigste ist die Quanten-Verschränkung. Wenn man zwei Partikel, die Teil des gleichen Systems waren, voneinander trennt, bleiben sie dennoch verbunden, so daß eine Veränderung des einen Teilchens sofort eine Wirkung auf das andere hat – und das unabhängig von der Entfernung. Ich behaupte nicht, daß Telepathie auf Quanten-Verschränkung beruht, aber der Vorgang ist analog. Meine eigene Erklärung ist, daß Mitglieder einer sozialen Gruppe durch sogenannte morphische Felder verbunden sind. Wenn Mitglieder auseinandergehen, dehnt sich das Feld aus und hält diese weiterhin verbunden. Das ist die Grundlage der Telepathie. Es mag sich nun herausstellen, daß morphische Felder etwas Ähnliches wie Quantenfelder sind, es kann aber auch nicht so sein. Wir wissen einfach nicht genug darüber, wie sich die Quantentheorie auf lebende Organismen anwenden läßt.

GralsWelt: Im Hinblick auf Ihre Theorie der morphischen Felder ist der Begriff der Resonanz sehr interessant. Dinge, die die gleiche Eigenschwingung haben, also gleich geartet sind, können miteinander in Wechselwirkung treten. Diesem Prinzip scheinen auch Gedanken zu folgen. Es entsteht ja auch eine Verbindung oder Resonanz zum Beispiel unter gleichartig denkenden Menschen.

Sheldrake: Ja, morphische Resonanz basiert auf dem Prinzip der Gleichart, wie alle Formen von Resonanz. Ich denke, daß diese Art der Resonanz nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich funktioniert, und das bildet die Grundlage für das Gedächtnis in der Natur. Das ist meine Hypothese.

GralsWelt: Wo werden die Gedächtnisinhalte demnach gespeichert?

Sheldrake:
Aus meiner Sicht ist das die falsche Frage. Das Gedächtnis ist eine Beziehung in der Zeit, nicht im Raum. Wenn man also fragt, wo das Gedächtnis gespeichert wird, erwartet man eine räumliche Antwort. Ich denke aber, daß das Gedächtnis kein räumliches, sondern ein zeitliches Phänomen ist, es handelt sich um eine Beziehung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Wenn Sie also fragen, wo wird es gespeichert, würde ich sagen: überall. Die Vergangenheit ist möglicherweise überall gegenwärtig. Gedächtnis ist auch nicht im Gehirn gespeichert. Gewöhnlich nimmt man an, daß das Gedächtnis im Gehirn durch veränderte Nervenenden oder Synapsen oder sonst etwas gespeichert wird. Man hat jedoch seit langer Zeit erfolglos nach dem Gedächtnis im Gehirn gesucht, und wie das Gedächtnis funktioniert, ist immer noch ein Geheimnis. Ich glaube, das ist so, weil es überhaupt nicht im Gehirn gespeichert wird. Das Gehirn läßt sich eher mit einem Fernsehgerät als mit einem Videorecorder vergleichen. Übrigens mögen die Materialisten die Vorstellung, daß das Gedächtnis im Gehirn gespeichert wird, deshalb so sehr, weil sie glauben, daß alles, was mit dem Geist zu tun hat, im Gehirn zu finden ist. Wenn man stirbt, zerfällt das Gehirn, und alle unsere Erinnerungen werden ausgelöscht. Dadurch werden alle wie auch immer gearteten religiösen Vorstellungen eines Weiterlebens nach dem Tode sofort widerlegt.

GralsWelt: Bei der Erforschung von Nahtod-Erfahrungen hat man festgestellt, daß die Betroffenen klare Gedanken, Erinnerungen und Bewußtsein erleben, während ihr Gehirn überhaupt nicht mehr funktioniert. Das deutet doch auch darauf hin, daß Bewußtsein außerhalb des physischen Körpers und unabhängig vom Gehirn existieren kann!

Sheldrake: Nun, es könnte darauf hinweisen. Wir wissen ja auch von unseren Träumen, daß Bewußtsein außerhalb unserer Körper existieren kann. Im Traum haben wir ja jede Nacht – ob wir uns daran erinnern oder nicht – das Erlebnis, außerhalb unseres Körpers zu sein. Dieser liegt schlafend im Bett, während wir andere Dinge in einem „Traumkörper“ unternehmen, der überall hingehen kann oder tun kann, was wir wollen. Ich glaube, daß Nahtod-Erfahrungen und Ausleibigkeits-Erfahrungen während des Traums sehr ähnlich sind. Materialisten würden aber immer sagen, daß alles im Gehirn erzeugt wird, selbst wenn es während der Nahtod-Erfahrung inaktiv ist, da das Herz stillsteht. Nach deren Meinung war vielleicht keine Gehirnaktivität vorhanden, aber sobald das Gehirn wieder aktiv wird, erzeugt es diese Erlebnisse.

GralsWelt: Es gibt jedoch auch Menschen, die nach einem Nahtod-Erlebnis Dinge wußten, die sie nicht hätten wissen können.

Sheldrake: Dem stimme ich zu. Ich sage nur, daß Materialisten immer versuchen werden, sich mit solchen Argumenten herauszuwinden. Ja, ich glaube, daß das Zentrum unseres Bewußtseins von unserem Körper getrennt sein kann, und es ist sehr wahrscheinlich, daß das Bewußtsein den Tod unseres Körpers überlebt. Aber ich glaube nicht, daß man das beweisen kann. Nahtod-Erlebnisse sagen nur etwas über die ersten Schritte aus, aber nichts darüber, was zehn Jahre nach dem Tod passiert. Es geht nur um die Frage, was in den ersten paar Minuten geschieht, wenn unser Gehirn aufgehört hat zu arbeiten und bevor wir ins Leben zurückkommen. Die Frage des längerfristigen Überlebens muß sich jeder selbst beantworten. Das Beweismaterial kann weder dafür noch dagegen entscheiden. Die Materialisten behaupten, daß mit dem Sterben alles aus ist. Das können sie nicht beweisen, sondern nehmen es bloß an.

GralsWelt: Man kann immaterielle Gegebenheiten mit materiellen Instrumenten wohl grundsätzlich nicht beweisen.

Sheldrake: Nun, man kann Beweise für das Bewußtsein durch Bewußtsein erbringen. Die traditionelle Form eines Beweises für das Weiterleben nach dem Tod ist, wenn körperlose Menschen sich durch Medien kundtun. Geister können also durch andere Geister arbeiten und benötigen dazu keine Instrumente. Ob diese Beweise überzeugend sind oder nicht, hängt vom Standpunkt ab. Materialisten würden meinen, daß Berichte von Spiritisten absolut nicht überzeugend sind. Aber die Beweislage ist auch unentschieden, wenn man diese Berichte mit einbezieht.

GralsWelt: Inwiefern unentschieden?

Sheldrake: Nun, einige Studien belegen, daß Menschen über Geisterkommunikation Informationen erhalten, die sie auf normalem Weg nicht hätten bekommen können. Parapsychologen führen darüber eine anhaltende Debatte: Nehmen wir an, ich bin ein Medium. Sie besuchen mich, und ich sage Ihnen lauter Dinge, die ich normalerweise nicht hätte wissen können, einschließlich Namen Ihrer Familienmitglieder, wann Ihre Eltern geheiratet haben usw. Beweist das nun, daß ich mit Ihrer verstorbenen Großmutter kommuniziere? Woher wissen Sie, daß ich die Informationen nicht telepathisch durch Ihre Gedanken erhielt, weil Sie ja all diese Dinge wissen? Man nennt das die Super-Psi-Hypothese. Sie geht davon aus, daß Medien einfach sehr sensitiv telepathisch sind und dadurch alle Informationen aufnehmen.


Dr. Rupert Sheldrake: An seinen Telepathie-Experimenten im Internet kann sich jeder Interessierte beteiligen.
GralsWelt: Ist es eher ungewöhnlich, etwas telepathisch von unbekannten Dritten aufzunehmen?

Sheldrake:
Ja, es kommt häufiger vor, daß man Dinge von Menschen, die man kennt, aufnimmt.

GralsWelt: Auf einer Flugreise von den Vereinigten Arabischen Emiraten auf die Philippinen saß ich einmal neben einem Mann, und plötzlich schnappte ich den Gedanken auf, daß seine Mutter ihn zu erreichen versucht, und ich teilte ihm das mit. Während einer Zwischenlandung in Dubai rief er dann seine Mutter an, und es stellte sich heraus, daß sie versucht hatte, ihn zu erreichen, weil sie nicht wußte, wo er war. Mir passiert so etwas immer wieder …

Sheldrake: Nun, Sie sind wohl ungewöhnlich sensitiv dafür. Das heißt, daß Sie diese Dinge in Ihr Bewußtsein lassen. Die meisten Menschen würden sie unterdrücken, oder sie sagen sich: „Oh, das ist nur ein verrückter Gedanke, dem werde ich keine Aufmerksamkeit schenken!“ Wahrscheinlich könnten mehr Menschen solche Fähigkeiten entwickeln, würden sie solchen Gedanken mehr Aufmerksamkeit schenken.

GralsWelt: Forscher am „Princeton Anomalies Research Laboratory“ in Amerika haben die Wirkung von Gedanken auf Maschinen und Computer aufgezeigt. Andere haben die Wirkung auf Pflanzen und Tiere erforscht. Wenn Gedanken einen Einfluß auf die materielle Welt und auf lebende Wesen haben, handelt es sich doch um etwas Kraftvolles, und die Vorstellung liegt nahe, daß man durch die Kraft der Gedanken viele Probleme günstig beeinflussen kann. Meinen Sie auch, daß wir eine viel größere Verantwortung haben, als wir wahrhaben wollen, und daß die Konsequenzen unserer Gedankentätigkeit viel weiter reichen, als gemeinhin angenommen wird?


Sheldrake: Nun, wenn wir zugeben, daß Gedanken andere Menschen und unsere Umwelt beeinflussen können, dann tragen wir Verantwortung für das, was wir denken, wie für das, was wir sagen und was wir tun. Populäre Selbsthilfe-Bücher setzen die Kraft der Gedanken als selbstverständlich voraus. Es gibt keinen Zweifel, daß unsere Gedanken und Absichten die Art und Weise, wie wir die Welt erleben, beeinflussen – und zum Teil auch das, was tatsächlich passiert. Inwieweit das auf paranormalen Einflüssen beruht oder einfach auf normaler Psychologie, ist eine andere Frage. Optimistische Menschen sind normalerweise erfolgreicher als Pessimisten, die überall zu versagen fürchten …

GralsWelt: Wie steht es mit Vorahnungen? Kommt so etwas nach Ihren Erfahrungen häufig vor?


Sheldrake: Es gibt viele Belege dafür, daß Tiere zum Beispiel Erdbeben vorausahnen können, aber nicht alle Tiere reagieren so. Auch Menschen haben Vorahnungen oder Wahrträume, aber das kommt nicht immer vor, auch wenn es wichtig wäre. Ich hatte kürzlich ein aufschlußreiches Erlebnis, als auf mein Leben ein Anschlag verübt wurde. Ein Mann kam nach einem Vortrag auf mich zu, mit der Absicht, mich umzubringen, und stach ein Messer in mein Bein. Hatte ich eine Vorahnung? Nein! Hatte irgendwer anders in der gesamten Konferenz von Leuten, die an Bewußtseinsforschung interessiert sind, eine Vorahnung? Nein! Mein Gastgeber Dr. Larry Dossey, Autor mehrerer Bücher über ganzheitliche Medizin, hat mich nach dem Krankenhaus-Aufenthalt bei sich aufgenommen. Er hatte gerade ein Manuskript mit dem Titel „Die Kraft der Vorahnung“ vollendet und bat mich, es Korrektur zu lesen. Hatte er eine Vorahnung? Nein! Der Punkt ist, daß es nicht immer funktioniert. Aber das trifft auf alles im biologischen Bereich zu. Nichts im biologischen oder menschlichen Bereich ist völlig vorhersagbar.

GralsWelt: Die meisten spirituellen und religiösen Traditionen basieren auf Intuition, Inspiration und Offenbarung. Wäre dieser Empfang von Wissen aus einem höheren Bewußtsein nicht ein Weg, den der Mensch und auch die Wissenschaft vermehrt für sich nützen könnten?

Sheldrake: Sicherlich basiert vieles in der Wissenschaft auf Inspiration. Es gibt Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte, wo Forscher plötzliche Einsichten hatten. Wie durch einen Blitz kam ihnen die Lösung zu einem Problem, an dem sie gerade arbeiteten. Kreativität auf jedem Gebiet – in der Kunst oder den Wissenschaften, in der Technologie, zum Beispiel bei Erfindern – ereignet sich häufig blitzartig in einem Moment der Inspiration. Ich glaube, daß die menschliche Kreativität auf solchen Eingebungen beruht. Man muß jedoch vorbereitet, zur Aufnahme bereit sein. Ich denke auch, daß sich viele Menschen durch Gebet oder Meditation regelmäßig einem höheren Bewußtsein öffnen und dadurch Kraft und Inspiration für ihr normales Leben gewinnen.

GralsWelt: Apropos Gebete … Was halten Sie von den Studien, die angeblich die Wirksamkeit von Gebeten belegen?

Sheldrake: Diese Studien sind nicht eindeutig. Manche hatten statistisch signifikante Ergebnisse, andere nicht. Man wählte zum Beispiel Patienten, die auf einer Herz-Intensivstation lagen, für eine Doppelblindstudie. Für die einen wurde nicht gebetet, für die anderen schon – und zwar von völlig Fremden, denen man nur den Namen und eine Fotografie der Patienten gegeben hatte. Dieser Versuch ist sehr konstruiert, weil man normalerweise für Menschen betet, die man gut kennt. Die meisten dieser Gebetsstudien wurden außerdem in den Südstaaten Amerikas durchgeführt, wo die Bevölkerung sehr religiös ist. Zu den Menschen dort kann man nicht einfach sagen: „Sie gehören zu der Kontrollgruppe. Sagen Sie Ihrer Mutter, Ihrer Frau, Ihren Kindern und allen Mitgliedern Ihrer Kirche, daß sie für den Patienten nicht beten sollen, er gehört nämlich in die Ohne-Gebet-Gruppe. Das Design dieser Studien ist also naiv, weil es voraussetzt, daß die Kontrollgruppe keine Gebete bekommt, wobei in Wirklichkeit aber für jeden Kranken gebetet wird, selbst wenn er ein Atheist ist.

GralsWelt: Vielen Dank für das Gespräch, viel Erfolg für Ihre Arbeit – und natürlich auch gute Besserung für Ihr Bein!



Hinweise:
1 vgl. R. Sheldrake, Der siebte Sinn der Tiere.
2 A Filmed Experiment on Telephone Telepathy with the Nolan Sisters; Journal of the Society for Psychical Research 68, 168-172 (2004)
3 www.youtube.com/watch?v=UdOi3s-tBzk
4 Experimental Tests for Telephone Telepathy; Journal of the Society for Psychical Research 67, 184-199 (July 2003)
5 vgl. GralsWelt 41: „Haben Tiere ein Bewusstsein?“



Autor: Dr. Jens Rohrbeck

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› Englischer Videobeitrag über Telefon Telepathie

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  • Rupert Sheldrake
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Dr. Jens Rohrbeck

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